Rettungsdienst Rettung aus der Schweiz?

Von Wolfgang Messner 

Der Notdienst der Hausärzte im Kreis Waldshut wird nach Protesten erweitert. Im östlichsten Zipfel des Kreises aber wäre der Schweizer Rettungsdienst am schnellsten vor Ort. Aber es gibt rechtliche Hürden.

Im östlichen Teil des Kreises Waldshut brauchen können die Rettungsdienste nicht die gesetzlichen Fristen einhalten. Die Schweizer Kollegen wären deutlich schneller vor Ort. Foto: dpa
Im östlichen Teil des Kreises Waldshut brauchen können die Rettungsdienste nicht die gesetzlichen Fristen einhalten. Die Schweizer Kollegen wären deutlich schneller vor Ort.Foto: dpa

Waldshut - Es gibt da ein Problem. Ira Sattler kann nicht länger wegschauen. „Dabei bin ich eigentlich ja gar nicht zuständig“, sagt die Bürgermeisterin von Jestetten (Kreis Waldshut). Dennoch hat sie sich des Themas Notarztversorgung in dem östlichsten Winkel des Landkreises Waldshut angenommen. Denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Davon ist die 51-jährige Politikerin (Freie Wähler) überzeugt. Bereits seit dem 1. Juli wird der Notarztdienst nicht mehr von den vier niedergelassenen Medizinern geleistet. Bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt rückt entweder ein Notarzt aus den Krankenhäusern Waldshut oder Stühlingen an. Oder es wird gleich der Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) angefordert.

„Der Heli ist bereits viermal wegen Pipifax gekommen“, schimpfte schon Ende Juli Alfons Brohammer, Vorsitzender der Ortsgruppe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Besser ist es seitdem nicht geworden. Jestetten war ebenso wie Lottstetten, Dettighofen, Hohentengen oder Klettgau schon immer in Notfall schlecht erreichbar, erläutert Ira Sattler. Bis zum zuständigen Krankenhaus Waldshut ist es mit dem Auto mehr als eine halbe Stunde – „wenn’s gut läuft“, sagt Ira Sattler. Das Krankenhaus in Stühlingen liegt auch nicht sehr viel näher.

Laut Gesetz muss der Notarzt in zehn bis 15 Minuten vor Ort sein

In Baden-Württemberg aber muss der Notarzt nach zehn Minuten, bestenfalls nach einer Viertelstunde vor Ort sein. So steht es im Rettungsdienstgesetz. Denn es geht oft um Leben oder Tod. Im Kreis Waldshut mit seinen vielen Bergen und Tälern des Südschwarzwaldes hat dies 2011 aber nur in 86,4 Prozent der Fälle geklappt. Im Landesvergleich schneidet nur noch Sigmaringen (84,3 Prozent) schlechter ab. Der Rettungswagen ist wenigstens etwas besser. Er kam in 90,1 Prozent der Fälle fristgerecht. Landesweit liegt Waldshut damit am Schluss der Statistik.

Jestetten hält auch deshalb einen Notarztwagen vorrätig. Er steht im Lottstetter Feuerwehrgerätehaus und ist ausschließlich durch Spenden finanziert worden. Doch das Fahrzeug allein genügt nicht. Um den ganzen Jestetter Zipfel abzudecken, müsste es auch rund um die Uhr nutzbar sein. Dazu bedürfte es eines hauptamtlichen Notarztdienstes. Fünf bis sechs Stellen sind dafür notwendig, hat der zuständige Bereichsausschuss vorgerechnet. Erst hieß es, das sei nicht finanzierbar. Jetzt will man es sich doch überlegen.

Schweizer Notdienst ist schneller, aber es gibt rechtliche Hürden

Die Rettung für die Notrettung in Jestetten und Umgebung könnte jedoch auch von den Schweizer Nachbarn kommen. Das Kantonsspital Schaffhausen liegt nur zehn Minuten entfernt. Auch aus dem Spital Bülach wäre der Rettungswagen in einer Viertelstunde da. Bürgermeisterin Sattler sondiert deshalb die Lage bei den Eidgenossen. Sie weiß aber: „Ohne die Zustimmung des Landes und vielleicht auch des Bundes wird dies alles wohl kaum klappen.“ Denn es gibt diverse Hürden. In den Schweizer Rettungsfahrzeugen fahren keine Notärzte mit, es kommen gut ausgebildete Anästhesiepfleger zum Einsatz. Ob sich das mit dem hiesigen Rettungsdienstgesetz in Einklang bringen lässt, ist fraglich. Peter Hofmeister, der Vorsitzende des DRK-Rettungsdienstbereichs Waldshut, sagt: „Wir haben das geprüft, aber das ist mit deutschem Recht nicht vereinbar.“ Nur wenn ein eidgenössischer Notarzt dabei wäre, sei die Hilfe aus Helvetien möglich.

Dazu gesellt sich das Problem der hausärztlichen Notdienste. Hierbei teilen sich Allgemeinmediziner, aber auch Fachärzte in einer Region einen Notdienst. Die bewährte Einrichtung will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg für das gesamte Land neu organisieren. Aus 380 Dienstbereichen sollen 70 werden. Der Grund dafür ist der Ärztemangel. In fünf Jahren fehlen im Südwesten schon 500 Mediziner, rechnet die Ärzteorganisation vor. Um den Nachwuchs in die Provinz zu locken, müsse man geregelte Arbeitszeiten und mehr freie Wochenenden bieten, argumentieren die Kassenärzte.

Da Waldshut als einer der ersten Landkreise neu eingeteilt worden ist, hat dies für Baden-Württemberg Modellcharakter. Zuvor war eine Notfallpraxis für den Schwarzwald-Baar-Kreis im Klinikum Villingen Schwenningen eingerichtet worden. Anfang 2013 sollen mit Reutlingen und dem Bodenseekreis zwei weitere Bezirke folgen.

Große Unmut über neue Notdienst-Bezirke in Waldshut

Doch gerade das Beispiel Waldshut zeigt die Unzulänglichkeiten der neuen Einteilung auf. 16 Bezirke wurden auf zwei zusammengedampft, einer für den Ost- und einer für den Westteil des Landkreises mit den beiden Kliniken in Waldshut und Bad Säckingen als Stützpunkte für die Notfallpraxen. Der Ärger ließ nicht lange auf sich warten. Patienten erreichten die Praxen nicht mehr, Ärzte kamen später oder gar nicht bei Patienten an.

Der Unmut wuchs, weil diese Einteilung ausgerechnet mit dem Herrischrieder Allgemeinmediziner Olaf Boettcher ein Arzt vorgenommen hatte, der zugleich für die Blaulicht-Notärzte mit den Kassen verhandelte. Den Verdacht, Boettcher beschaffe durch ungünstigen Zuschnitte der hausärztlichen Notdienste sich und seinen Blaulicht-Kollegen mehr Geschäft, wiesen er und die KV zurück. Der Widerstand war aber so groß, dass im November ein Runder Tisch zusammen kam, der Nachbesserungen durchsetzte. So soll nun am nördlichen Rand des Kreises ein dritter Notfallbezirk eingerichtet werden, der mit einem Fahrdienst St. Blasien, Bernau, Todtmoos, Höchenschwand und Häusern bedienen soll.

Insider sind sich sicher, dass dies immer noch nicht ausreichen wird. „Wir brauchen vier oder fünf Bezirke“, sagt ein betroffener Mediziner, der anonym bleiben will. „Die Verantwortlichen wissen das auch.“ Für Jestetten wünscht man sich eine Sonderregelung. Damit dort die Rettung möglichst bald aus der Schweiz kommen kann.

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5 KommentareKommentar schreiben

Qualifikationen des CH-Personal: Eigentlich ist die Situation eine politische Farce, insbesondere wenn (falsche) Aussagen fallen, dass man schweizerische Retter nicht in Deutschland einsetzen dürfte. In vielen Bereichen, wie Konstanz-Thurgau oder Basel-Lörrach ist dies bereits gängige Praxis. Kein CH-Rettungswagen würde deswegen einen Notarzt mitnehmen. Das schweizerische Personal auf dem Rettungswagen ist exzellent ausgebildet und benötigt praktisch nie einen Notarzt. Medikamentengaben sind Alltag, auch solche Arzneimittel, die junge deutsche Notärzte kaum anwenden wollen. Fasst man zusammen, will man lieber einen Arzt schicken, der mind. 30 min. braucht, meist jung und unerfahren ist (falls überhaupt einer verfügbar ist), anstatt hochmotiviertes Personal des Kantonsspital anzufordern.

Blick von drüben: Aus Sicht der Schweiz stellt sich die Frage, ob Deutsche überhaupt noch zu retten sind. Verlassen wir mal teutonisch-grenzdebil gehandhabte Themen wie Steuern oder Flugabkommen und fokussieren auf den Gesundheits- und Rettungsdienst. Warum sollten eine einspringende, schweizer Ambulanz oder Hubschrauber sich bei der Abrechnung den gesamten deutschen Bürokratiemüll antun? Gerade diese Abläufe sind ein Spiegelbild der hiesigen Ineffizienz, kein Wunder braucht Deutschland so hohe Steuern und Abgaben! Wir sollten nicht auch noch andere damit vergiften, finde ich!

Landärzte: Um junge Ärzte in die Provin zu bekommen ist es m.E. erforderlich das bisherige System der freiberuflichen Ärzte aufzugeben. Der 'Landarzt' wird zum angestellten Arzt. Angestellt bei einer Gemeinde oder einem Gemeindeverbund oder gar dem Landkreis. Dieser Arbeitgeber stellt natürlich auch die Räumlichkeiten und die erforderliche Einrichtung, er stellt auch das erforderliche zusätzliche Personal ein und eben den oder die Ärzte (mehrere damit entsprechende öffnungszeiten der Praxis möglich sind und auch Vertretung gewährleistet ist). Der Arzt hat dann mehr oder weniger geregelte Arbeitszeiten und ein fixes Monatsgehalt. Dafür stehen dem 'Arbeitgeber' die Zahlungen zu, die ansonsten über die Krankenkassen (gesetzlich und privat) bzw. den kassenärztliche Vereinigung an den Arzt fließen würden. Die Differenz zu den tatsählichen Kosten die diese Praxis verursacht sind dann eben Strukturkosten die von der öffentlichen Hand zu tragen sind. Und jetzt komme mir keiner mit 'das geht nicht'. Wenn man will, dann geht das, und wenn man eben ein paar Gesetze ändern muß, dann tut man dies eben.

Lieber sterben Leute: als dass man sich nicht an das Rettungsgesetz hält. Unglaublich! Bei einem herzinfarkt ist es wohl ziemlich egal, was das Gesetz sagt. Die Person muss in die Klinik und entsprechend derweil verorgt werden.

Eigentlich braucht es Ärzte: Eigentlich braucht es Ärzte. Das sollte das Thema sein. Die Versorgungslage ist ja katastrophal.

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