Rezension Eine neue Art, von der Wissenschaft zu erzählen

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Das neue Wissenschaftsmagazin „Substanz“ gibt es nur online: Jeder Beitrag wird eigenständig multimedial aufbereitet – die beiden Macher wollen so auf eine neue Art Geschichten aus der Forschung erzählen.

Die Startseite des Magazins „Substanz“ Foto: StZ
Die Startseite des Magazins „Substanz“ Foto: StZ

Stuttgart - Den Kopfhörer kann man im Grunde gleich anbehalten, wenn man „Substanz“, das neue multimedial gestaltete Wissenschaftsmagazin, liest. Denn mitten im Text stößt man auf Tonbeiträge, etwa Ausschnitte aus einem Interview. Videoclips begegnen einem ohnehin regelmäßig in den Beiträgen und sogar eine computergenerierte Simulation. Die Gründer und Chefs des Wissenschaftsmagazins, Georg Dahm und Denis Dilba, wollen Wissenschaft in Geschichten erzählen.

Erfahrungen in der Medienlandschaft, und zwar nicht nur gute, hat Georg Dahm ausreichend gesammelt. Er war sowohl bis zum Ende bei der „Financial Times Deutschland“ als auch bei dem kurzen Versuch, den „New Scientist“ in Deutschland zu etablieren, mit dabei. Auch Denis Dilba, einer der Gründungsredakteure der deutschen Ausgabe des „New Scientist“, hat ebenfalls den Untergang des Wissenschaftsmagazin miterlebt. Mit dem Online-Magazin wollen die beiden es nun besser machen. Jeden Freitag erscheint bei „Substanz“ ein großes Feature, garniert wird das Ganze zwischendurch mit kleineren Stücken. Das Besondere an diesem reinen Online-Magazin liegt in der aufwendigen Umsetzung. Für jedes Feature überlegen sich die Macher eine neue Gestaltung, die Möglichkeiten des Mediums sollen voll ausgeschöpft werden – es wird sehr viel experimentiert. Und am Ende sollte die Gestaltung hervorragend zum Thema passen. Und das tut sie bis jetzt auch.

So fügen sich in einem Beitrag beispielsweise Schnipsel per Mausklick zu einem Bild zusammen. Die Geschichte dazu erzählt von 600 Millionen Schnipseln, zu denen die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter kurz vor dem Mauerfall zigtausende Akten zerrissen haben. Die Stasi-Puzzle-Geschichte handelt in erster Linie davon, wie die Puzzlemaschine des Berliner Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) funktioniert.

Mit Fortsetzungen die Leser fesseln

Und wenn es um die Fußball-Roboter der Hamburger Uni (die Hamburg Bit-Bots) geht, hat man sich insgeheim ja immer schon gewünscht, die Roboter auch im Einsatz zu sehen. Genau hier liegt die Chance der multimedialen Gestaltung, ein kurzer Videoclip der Fußball-Roboter in Aktion ist bei „Substanz“ selbstverständlich. Ein Ansatz des Magazins liegt auch in der Langzeitbegleitung von Themen oder Projekten. Das Team der Hamburg Bit-Bots soll auf dem Weg zur Robocup-WM 2015 nach China begleitet werden. So wird man am Ende noch zum Fan.

Auch das Projekt „Eden ISS“ wird in einer Art Langzeitbegleitung des Online-Magazins unter dem Titel „Forschung in Echtzeit“ zu sehen sein. „Substanz“ wird das Projekt, bei dem am Ende die Besatzung der ISS im All mit frischem, stark wasserhaltigen Gemüse versorgt werden soll, begleiten. Die Leser können verfolgen, wie die bisherigen zwei Sorten Salat und Gurken (später auch Tomaten und Paprika) unter Laborbedingungen gedeihen. Dass die Forscher von „Eden ISS“ einen langen Atem brauchen, lässt sich am Zeitplan erkennen. Im Jahr 2017 soll das Gemüselabor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) erst einmal einen Härtetest bestehen, und zwar auf der Antarktis-Station Neumayer III.

Ohnehin scheinen die „Substanz“-Macher mit Serien und Fortsetzungsgeschichten die Leser fesseln zu wollen. So wird zum Beispiel der Wissenschaftsfotograf Oliver Meckes immer wieder Gegenstände aus dem Alltag in extremer Vergrößerung präsentieren. Er sagt selbst: „Ich habe nur selten Zeit, aus dem eigenen Garten etwas mitzunehmen und mit dem Rasterelektronenmikroskop aufzunehmen.“ Die Pollen der Nachtkerze aus seinem Garten haben ihn überrascht. In der Tat sind es beeindruckende Aufnahmen in drei verschiedenen Vergrößerungen: erst 300-fach, dann 3300-fach und am Ende 20 000-fach.

Gute Geschichten kosten Geld

Ohne Crowdfunding für den Start hätte das Magazin seine Arbeit nicht aufnehmen können. Um zu bestehen, werden verschiedene Bezahlmodelle angeboten. Für ein Hineinschnuppern kann man ein paar Beiträge zunächst lesen, ohne zu bezahlen. Man klickt auf „jetzt kaufen, später bezahlen“. Das funktioniert bis zu einem Betrag von fünf Euro. Dahm und Dilba sagen: „Wir sind ein Zwei-Mann-Startup mit einem Netzwerk von Autoren, Fotografen, Designern und Programmierern, die mal was riskieren wollen.“ Wer sich das Magazin genauer ansehen möchte, für den empfiehlt sich ein Monats-Zeitpass für neun Euro.

In der Gründungsphase haben Dilba und Dahm mehrere Chefredakteure gebeten, ein Grußwort per Videobotschaft zu verfassen. Klaus Liedtke, Gründungschefredakteur von „National Geographic Deutschland“ zum Beispiel wünscht dem Online-Magazin darin viel Erfolg: „Substanz wird die Medienwelt, die sich gerade in einer Phase dramatischer Umbrüche befindet – durch die digitale Revolution –, es wird diese Medienwelt beeindrucken.“ Dem schließen wir uns an und wünschen dem Online-Magazin viele zahlende Leser, die wissen, dass man gut recherchierte Geschichten nicht kostenlos bekommen kann.