Rheuma Schmerzhafte Unterversorgung

Von Regine Warth 

Wer an Rheuma leidet, hat es schwer: Experten beklagen einen nicht mehr hinnehmbaren Mangel an Fachärzten. Wie wichtig aber eine gute medizinische Behandlung gerade bei dieser Krankheit ist und was von den neuen Rheuma-Medikamenten zu halten ist, erklären Ärzte.

Die Bezeichnung Rheuma umfasst eine ganze Reihe von Erkrankungen: Die häufigste Form ist die rheumatoide Arthritis, das entzündliche Gelenkrheuma, von dem auch die Fingergelenke betroffen sind. Foto: dpa-tmn 5 Bilder
Die Bezeichnung Rheuma umfasst eine ganze Reihe von Erkrankungen: Die häufigste Form ist die rheumatoide Arthritis, das entzündliche Gelenkrheuma, von dem auch die Fingergelenke betroffen sind. Foto: dpa-tmn

Stuttgart - Wenn der Schmerz in Schüben kommt, lässt die Hilfe oft auf sich warten: So warnte die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) am Mittwoch vor einem massiven Rheumatologen-Mangel. Derzeit sind sind bundesweit 770 Rheumatologen tätig, aufgrund von Berechnungen der DGRh liegt der Versorgungsbedarf bei 1350 in Vollzeit ambulant tätigen internistischen Rheumatologen – also rund doppelt so viele wie zurzeit tätig – , um die rund zwei Millionen Rheumapatienten zu versorgen. „Das ist eine untragbare Situation für die Patienten“, sagt DGRh-Präsident Hanns-Martin Lorenz. Weil Rheuma fast immer mit starken Schmerzen einhergeht, können Patienten nicht lang auf eine Behandlung warten.

Rheuma kann auch die Haut, die Organe oder die Nerven betreffen

Dass oft Wochen vergehen, bis Rheumapatienten einen Termin beim Facharzt bekommen, weiß Markus Röser nur zu gut: Der Rheumatologe betreibt zusammen mit zwei Kollegen die Schwerpunktpraxis ZIRS in Stuttgart und versucht in seinen Sprechstunden möglichst vielen Patienten gerecht zu werden. „Das ist bei der derzeitigen Versorgungslage schwierig“, sagt er. Dabei ist gerade bei dieser Krankheit eine frühzeitige und umfassende Behandlung wichtig: Rheuma ist eine Autoimmunkrankheit und ähnlich schwerwiegend wie multiple Sklerose. Nicht nur die schmerzhaften Entzündungen in den Gelenken sowie deren Schädigung gehören dazu, bei anderen Rheumakrankheiten können auch die Haut, die inneren Organe oder das Nervensystem beteiligt sein.

Die Diagnose Gelenkrheuma trifft häufig junge Frauen

Die Gründe, warum sich das Immunsystem ausgerechnet in dieser Form gegen den eigenen Körper richtet, sind wissenschaftlich nicht ganz geklärt. Häufig spielen genetische Faktoren eine Rolle, aber auch Umwelteinflüsse sowie Fehlfunktionen aufgrund eines Infekts können in der Lage sein, eine rheumatische Erkrankung auszulösen, sagt Röser. Häufig tritt die rheumatoide Arthritis, das entzündliche Gelenkrheuma, bei Frauen auf, meist im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Bei jungen Männern wird eher Morbus Bechterew diagnostiziert – eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die sich in der Wirbelsäule auswirkt. Aber es gibt auch Rheumaerkrankungen, die erst im Alter auftreten sowie in sehr jungen Jahren.

Wichtig ist, dass die Erkrankung sehr früh, möglichst wenige Wochen nach ihrem Auftreten, erkannt und behandelt wird. Dann kann sie am besten mithilfe von Medikamenten relativ gut in Griff bekommen werden – doch das ist genau die Schwierigkeit: „Die Krankheit ist schwer zu fassen“, sagt Röser. Dafür braucht es eine internistische-rheumatologische Abklärung.

Typisch sind Morgensteifigkeit und eine Mattigkeit wie bei einer Grippe-Erkrankung

Auch der Ärztliche Leiter der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Klinikum Stuttgart, Patrik Reize, weiß um die Schwierigkeit einer frühen Diagnose: „Die Symptome sind recht unspezifisch.“ So klagen Rheumapatienten häufig über Fieber, Morgensteifigkeit und Abgeschlagenheit. Auch Hautausschläge können auftreten. Nur die geschwollenen, überwärmten und schmerzenden Gelenke an Händen und Füßen sind ein charakteristisches Alarmsignal.

Ultraschalluntersuchungen und Kernspintomographien oder eine Gelenkpunktion, um die Gelenkflüssigkeit zu untersuchen, sind die häufigsten Hilfsmittel der Ärzte, um sich ein genaues Bild über die Art und Schwere der Erkrankung zu machen. Wichtig ist, dass ein positiver Befund nicht bedeuten muss, dass damit die Diagnose geklärt ist, so der Orthopäde Reize. Andererseits bedeutet aber auch das Fehlen bestimmter Befunde nicht immer, dass keine rheumatische Erkrankung vorliegt.

Ein Leben im Rollstuhl muss nicht sein

Angst vor Verkrüppelungen oder einem Leben im Rollstuhl müssen Patienten aber nicht unbedingt haben: „Durch neue Optionen in der Rheumabehandlung haben Menschen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung mittlerweile gute Chancen, ein weitgehend normales Leben zu führen“, sagt der DGRh-Präsident Lorenz.

So gibt es neben den Standard-Medikamenten, die das Immunsystem an verschiedenen Schlüsselstellen ausbremsen, sogenannte Biologica, die noch tiefer in das Immunsystem eingreifen: Sie markieren bestimmte Entzündungsbotenstoffe und sorgen so dafür, dass diese vom Immunsystem beseitigt werden. Der Vorteil: Bei vielen Patienten müssen die Entzündungsherde nicht mehr operativ oder mittels radioaktiver oder chemischer Stoffe entfernt werden. Dafür sind sie nicht frei von Nebenwirkungen: Die Patienten sind anfälliger für Infekte. Manche Biologica stehen in Verdacht, das Risiko für bestimmte Hautkrebsarten zu erhöhen.

Experten dämpfen hohe Erwartungen an die neuen Therapeutika

Umso gespannter sind die Experten auf die neue Klasse von Medikamenten, die seit zwei Jahren schon in den USA und in der Schweiz auf den Markt sind, in der EU aber gerade jetzt erst zugelassen worden sind: Die sogenannten Januskinase-Hemmer. Diese Mittel unterdrücken Enzyme, die für die Entzündungsreaktion verantwortlich sind.

Doch ob diese wirklich nebenwirkungsfreier sind? Experten wie Stefan Schewe, Vorstandsmitglied der Deutschen Rheuma-Liga, mahnen zu Bedacht: Noch fehle es an Langzeitstudien, die zeigen, wie sicher diese Medikamente wirklich sind. Auch werde der hohe Preis dafür sorgen, dass diese Arzneimittel nicht gleich zum Standard gehören, so der Rheumatologe in den Praxen in München und Ebersberg. „Wer bei diesen Medikamenten die Einnahme einmal vergisst, hat praktisch schon mit einer Tablette rund 50 Euro in den Müll geworfen.“ Die Therapietreue sei bei diesen Medikamenten daher unabdingbar. „Meines Erachtens nach sind die neuen Mittel eine gute Ergänzung zu den herkömmlichen Therapien, die schon jetzt auf dem Markt sind.“