Robotikspezialist Synapticon Von Bescheidenheit halten die Gründer nichts

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Firmenchef Nikolai Ensslen denkt in den Kategorien von Google, Facebook & Co. Die Filderstädter setzen auf Industrie 4.0.

Nikolai Ensslen hat die Steuerung in der Hand – bei diesem Roboter und bei Synapticon. Foto: Horst Rudel
Nikolai Ensslen hat die Steuerung in der Hand – bei diesem Roboter und bei Synapticon. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Nikolai Ensslen denkt anders als sein Vater. „Wenn ich etwas mache, dann will ich einen großen Erfolg daraus machen; etwas, das nachhaltig Wirkung in der Welt erzielt“, sagt der 33-jährige Chef des Robotikunternehmens Synapticon in Filderstadt. Vater Ensslen, ein erfolgreicher Grafikdesigner, hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, Geschäftsführer einer großen Werbeagentur zu werden oder ein eigenes Studio aufzubauen; aber das hat er nicht getan, weil er immer alles selber machen und unter Kontrolle halten wollte. Für Nikolai Ensslen steckt darin mehr als eine Familienhistorie. Die Vorsicht, das Denken in überschaubaren Dimensionen, das ist für ihn eine typisch deutsche Haltung, mit der auch Synapticon nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat.

Ensslen macht kein Hehl daraus, dass ihn im Gegensatz dazu die amerikanische Gründerkultur, versinnbildlicht durch das Silicon Valley, fasziniert: „Synapticon ist jetzt schon fast sieben Jahre alt“, sagt er. „Hätten wir im Silicon Valley gegründet, dann wäre die Firma schon lange an irgendjemanden verkauft und hätte ein paar hundert oder tausend Mitarbeiter. Da bin ich mir sicher.“ Im Silicon Valley geht aus seiner Sicht alles einfach schneller. Ensslen: „Das gilt für den Erfolg ebenso wie für den Misserfolg, und das ist gut für Technologieunternehmen.“ In Europa ticken die Uhren anders, und das kann einen Jungunternehmer schon zur Verzweiflung bringen. Ensslen: „Wir sind Optimisten, wir sind progressiv und wollen nicht die ganze Zeit zur Vorsicht ermahnt werden.“

Einmal zu viel verlangt, dann zu wenig verlangt

Den Unterschied zwischen Deutschland und dem Silicon Valley hat der Jungunternehmer in der Praxis kennengelernt. Gleich, nachdem die Geschäftsidee für Synapticon geboren war, hat er auf Investorensprechtagen in Deutschland die Idee präsentiert, die Hand für fünf Millionen Euro aufgehalten und einen Börsengang in fünf Jahren in Aussicht gestellt. Das kam gar nicht gut an; nur mühsam konnten die Gesprächspartner die Frage nach dem Geisteszustand des jungen Mannes unterdrücken. Vier Jahre später im Silicon Valley wollte sich Ensslen als lernfähiger Unternehmer zeigen – und sich mit drei Millionen Euro begnügen. Da ist er wieder in die Leitplanken gefahren, wie er es ausdrückt. Denn die Investoren waren zwar am Konzept von Synapticon interessiert, empfanden es aber als Zumutung, wegen des geringfügigen Betrags von drei Millionen Euro behelligt zu werden.

Ensslen muss nun mit seinem Partner Andrija Feher – zusammen halten die beiden 72 Prozent der Synapticon-Anteile – und den anderen 30 Mitarbeitern in Filderstadt-Plattenhardt erst einmal kleinere Brötchen backen. Dass dies auch Vorteile hat, gesteht der Maschinenbauingenieur durchaus ein. Denn die Gründer haben einige Zeit gebraucht, bis ihnen klar geworden ist, wo Synapticon die größten Erfolgschancen hat. Oder andersherum: die Gefahr, sich zu verzetteln, war groß. Jetzt setzt das Unternehmen auf Roboter, die in der Industrie, bei Verbrauchern und in der Dienstleistung im Einsatz sind.

Auch der Ministerpräsident ist schon vor Ort gewesen

Synapticon stellt die Roboter nicht her, sondern versetzt sie unter anderem mit Hilfe des Einsatzes von eigenen Chips, gebaut vom taiwanesischen Auftragshersteller TSMC, und selbst programmierten Steuerungen in die Lage, ihre Umgebung wahrzunehmen und sich anzupassen. In der Konsumrobotik ist das zum Beispiel ein Rasenroboter, der „Gassi geführt“ (Ensslen) wird, um sein Terrain kennenzulernen, und dann ohne die üblichen Induktionsschleifen auskommt. Und auf einer Messe in Nürnberg wurde gerade ein fahrerloses Transportsystem des Getriebeherstellers Nabtesco mit Steuerungstechnik von Synapticon vorgestellt, bei dem der Antrieb komplett in die Radeinheit integriert ist. Im Mittelpunkt aber stehen Industrieroboter, die Seite an Seite mit Menschen arbeiten können und das Herzstück der automatisierten Industrie 4.0 bilden.

Ensslen neigt nicht zu übertriebener Bescheidenheit, sondern hat den Anspruch von Synapticon schon früher so formuliert: für die Robotik das zu werden, was Intel für die Computer ist. „Synapticon hat enormes Potenzial. Wir können mit unseren Chips und Modulen in jeden Roboter dieser Welt reinkommen“, sagt er und hält eines Tages einen Umsatz von 100 Millionen Euro für durchaus möglich. Dass er spätestens dann die Mehrheit verlieren wird, hält er für ziemlich sicher. Aber: „Ich würde später auch als Minderheitsgesellschafter weiterarbeiten.“ Ensslen macht sich ein Motto aus dem Silicon Valley zu eigen: Lieber ein Prozent an einem Unternehmen, das viel wert ist, als 100 Prozent an einem Unternehmen, das nichts wert ist. Dass die hohen Erwartungen eine reale Grundlage haben, zeigen auch mehrere Ranglisten, auf denen Synapticon als eines der aussichtsreichsten Unternehmen mit Lösungen für Industrie 4.0 geführt wird. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich schon vor Ort in Filderstadt angeschaut, was genau die Jungunternehmer machen.

Zumindest diesmal wird noch kein Chinese zum Zug kommen

In der gerade laufenden Finanzierungsrunde wollen Ensslen und sein Kompagnon aber noch auf jeden Fall die Mehrheit behalten. Zehn Millionen Euro sollen eingesammelt werden, und da haben die Eigner auch an chinesische Investoren gedacht. Ensslen gehörte auch der Delegation von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel an, die vor einigen Wochen in China war. Gabriel hatte erfolglos versucht, die heimische Industrie zu einem Übernahmeangebot für den Roboterhersteller Kuka zu bewegen, um zu verhindern, dass das Unternehmen in chinesische Hände fällt. Ensslen, der aufgrund einer Zusammenarbeit mit Kuka auch Vorstandschef Till Reuter kennt, hält die Sorgen für übertrieben: „Von einem Ausverkauf deutscher Interessen kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Da Kuka jetzt ein chinesisches Unternehmen ist, hemmt das in dem Land die Entstehung von großen Konkurrenten.“ Die Alternative eines eigenen chinesischen Roboterherstellers wäre für die Deutschen unangenehm: „Dann hätte Kuka in der Bedeutungslosigkeit verschwinden können.“

Obwohl Ensslen angetan ist von der Begeisterung, die die Chinesen für die Robotik aufbringen, wird in dieser Finanzierungsrunde wohl kein Investor aus Fernost zum Zug kommen. Denn Synapticon will sich trotz des beeindruckenden Wachstums des Robotermarkts in China nicht auf einen einzelnen Markt konzentrieren. Zudem weiß Ensslen, dass es bei chinesischen Investoren mit einem industriellen Interesse für Synapticon schwer werden könnte, die Unabhängigkeit zu bewahren.