S-Bahn Stuttgart Region kauft noch zehn Pannenzüge

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Der Verband Region Stuttgart (VRS) erwirbt zehn weitere S-Bahnen des pannenanfälligen Typs ET 430. Ein modifizierter Schiebetritt wird derzeit getestet.

Szenen einer nächtlichen ET-430-Testfahrt mit modifiziertem Schiebetritt: im Hauptbahnhof misst ein Mitarbeiter den Abstand, daneben ein Blick ins System. Foto: Markus O. Robold
Szenen einer nächtlichen ET-430-Testfahrt mit modifiziertem Schiebetritt: im Hauptbahnhof misst ein Mitarbeiter den Abstand, daneben ein Blick ins System.Foto: Markus O. Robold

Stuttgart - Testfahrten mit einer neuen Version des pannenanfälligen Schiebetrittsystems in den S-Bahnen vom Typ ET 430 finden in diesen Wochen statt. Sollte sich die Variante als funktionsfähig erweisen, soll sie in den 87 bereits gelieferten Fahrzeugen zum Einsatz kommen – und in den zehn neuen, die die Region beim Hersteller Bombardier ordert. Die Regionalversammlung hat am Mittwoch dem Kauf für 81,4 Millionen Euro mit großer Mehrheit zugestimmt – einige Regionalräte aber zumindest „mit der Faust in der Tasche“, wie es Andreas Hesky, Fraktionschef der Freien Wähler und OB von Waiblingen, sagte.

Einig waren sich die Fraktionen darin, dass die Region zusätzliche Fahrzeuge braucht, um den engen Takt mit neuen Reserven an den Endpunkten zu fahren und damit die wachsende Unpünktlichkeit zu bekämpfen. Nötig sind sie auch, um in Spitzenzeiten mehr Züge verkehren zu lassen, um den Takt ausdehnen und neue Strecken bedienen zu können. Die Option, bei Bombardier mit dem ET 430 baugleiche und mit dem S-Bahn-System kompatible Fahrzeuge zu beschaffen, lief zudem aus. Die neuen Züge sollen von Juni 2016 bis Mai 2017 geliefert werden.

Bahn und Bombardier wollten das Risiko nicht tragen

Der Unmut nicht nur Heskys hat vor allem zwei Gründe. Zum einen rief der Hersteller Bombardier für die zehn Nachbestellungen einen Preis von 8,14 Millionen Euro pro Fahrzeug auf. Beim Kauf der 87 Züge vor einigen Jahren bewegte sich der Stückpreis noch zwischen 5,6 und 5,8 Millionen Euro. Zum anderen übernimmt die Region finanziell das Risiko, falls die Schiebetritte in den neuen Fahrzeugen nicht funktionieren. Dann werden nochmals 4,7 Millionen Euro für die Entfernung der Schiebetrittkomponenten fällig – pro Fahrzeug schlägt der Rückbau mit 470 000 Euro zu Buche. Intern ist zu hören, dass sowohl Bahn als auch Bombardier dieses Risiko nicht übernehmen wollten und daran der Kauf hätte scheitern können. Offiziell sprach Regionaldirektorin Nicola Schelling von einer „tragfähigen Einigung, auch wenn Preis und Risiko die Vorfreude trüben“. Rainer Ganske ( CDU) und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) betonten in erster Linie die Notwendigkeit des Kaufs und nahmen die Bahn in die Pflicht, die Pünktlichkeit zu verbessern.

Regionalräte üben Kritik

Deutlicher wurden andere Regionalräte, auch wenn sie den Kauf nicht in Abrede stellten. Harald Raß (SPD) bemängelte „überraschende und auch ärgerliche Vertragsbestandsteile“. Hesky klagte, dass „wir an Bombardier gebunden sind, obwohl der Preis für die Fahrzeuge überhöht ist“. Das Verfahren zur Beschaffung habe „seltsame Formen“ angenommen. Der Linke-Regionalrat Peter Rauscher stieß ins gleiche Horn: „Die Konditionen des Herstellers sind schwer akzeptierbar.“ FDP-Fraktionschef Kai Buschmann gab sogar jede diplomatische Zurückhaltung auf. Er sprach von einem „Musterbeispiel, was passiert, wenn der Markt ausgeschaltet wird und wir einem Monopolanbieter ausgeliefert sind“. Der Verband müsse für klare Verantwortlichkeiten sorgen. „Was hier abläuft, ist eine Frechheit erster Güte“, sagte Buschmann und schloss darin auch die SSB ein, die kürzlich eine Kostensteigerung der S-2-Verlängerung um 27 auf 125 Millionen Euro bekannt gegeben hatte. „Die SSB sollte sich schämen, uns derartig hinters Licht geführt zu haben“, sagte er. Nur die AfD- und REP-Räte stimmten gegen den Kauf.