Schädlinge Bettwanzen kommen in der Nacht

Von Anette Brecht-Fischer 

Blutsaugende Wanzen sind auf dem Vormarsch – das ist aber keine Frage der Hygiene. Dennoch ist das Thema derart tabubehaftet, dass sich manche nicht einmal trauen, den Kammerjäger zu holen. Den aber braucht man bei einem Befall dringend.

Bettwanzen bleiben gerne im Bett, weil sie lange Fußmärsche hassen. Foto: Mauritius
Bettwanzen bleiben gerne im Bett, weil sie lange Fußmärsche hassen.Foto: Mauritius

Stuttgart - Sie kommen in der Nacht, um Blut zu saugen. Was sich wie der Beginn einer Vampir-Geschichte anhört, bezieht sich auf einen jahrtausendealten Untermieter des Menschen – die Bettwanze. Eigentlich gibt es sie in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt nicht, denn kaum etwas ist mehr tabubehaftet als ein Bettwanzenbefall. „Das ist ihnen sehr unangenehm“, beschreibt Stephan Burkhardt, Chef eines Unternehmens zur Schädlingsbekämpfung in der Nähe von Stuttgart, die Befindlichkeit seiner Kunden, wenn es um Bettwanzen geht. „Dabei hat es nichts mit mangelnder Hygiene oder Unsauberkeit zu tun.“ In den letzten Jahren beobachtet er eine deutliche Zunahme der Bettwanzenfälle, sowohl im privaten Bereich als auch in Hotels oder anderen Unterkünften. Burkhardt führt dies auf die vermehrte Reisetätigkeit zurück: „Da wird schnell mal eine Wanze im Koffer mit nach Hause gebracht.“

Dieser Meinung schließt sich Klaus Reinhardt, Professor für Angewandte Zoologie an der TU Dresden, nicht vorbehaltlos an. „Bettwanzen werden nicht immer aus dem Ausland eingeschleppt. Auch bei uns gibt es die Bettwanze überall.“ Es existiere kein einziger wissenschaftlicher Beweis für die These, dass Reisende die unangenehmen Hausgenossen mitbringen würden. Die Assoziation mit Armut, Schmutz und südlichen Ländern sei nicht zu halten. Berichte, wonach in manchen Gegenden Berlins 30 Prozent der Häuser verwanzt sind, geistern durch die Medien, aber auch diese Zahlen lassen sich nicht verifizieren – wer gibt schon freiwillig zu, Bettwanzen im Haus zu haben? Manche Experten führen auch die Globalisierung im Handel und den Trend zum Secondhand für das auf allen Kontinenten festgestellte gehäufte Auftreten der unbeliebten Insekten ins Feld. Tatsächlich gibt es jedoch noch keine schlüssige Erklärung für den Wanzenboom, höchstens die Tatsache, dass die Tiere gegen die üblichen Pestizide längst resistent sind.

Sein Leben den Bettwanzen verschrieben

Klaus Reinhardt hat sein Leben als Wissenschaftler den Bettwanzen verschrieben, weil die Tiere in vielerlei Hinsicht so faszinierend sind. Ein Beispiel: „Ihr Sex ist so besonders, ihre absurde und brutale Art und Weise der Begattung.“ Das Männchen durchsticht dabei überfallartig mit seinem Penisdolch die Bauchdecke des Weibchens und injiziert die Spermien direkt in die Bauchhöhle. Wie es die Wanzen dabei schaffen, Infektionen zu vermeiden, könnte auch für die Medizin interessant sein. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten waren denn auch Grund genug, in einem internationalen Projekt unter Beteiligung von Klaus Reinhardt das Genom der Bettwanze zu entschlüsseln. Das Ergebnis wurde kürzlich im Journal „Nature Communications“ veröffentlicht. Nicht zuletzt erhoffen sich die Forscher davon auch neue Ansätze für die Bekämpfung der Tiere.

So wie die Lebensweise der Bettwanzen manche Besonderheit bietet, hielt auch ihr Genom einige Überraschungen bereit: Beispielsweise befinden sich zwischen den Bettwanzen-Genen mehr als 800 DNA-Stücke von Bakterien. „Diese Gene werden zum Teil tatsächlich abgelesen und in Proteine übersetzt“, erklärt Klaus Reinhardt. „Wahrscheinlich helfen sie bei der Blutverdauung.“ Da sich die Bettwanzen ausschließlich von Blut ernähren, fehlen ihnen manche Nährstoffe. Dieses Manko haben sie im Laufe der Evolution noch durch eine weitere Strategie überwunden: Sie bieten bestimmten Bakterien in ihrem Körperinneren einen Lebensraum und werden im Gegenzug von ihnen mit Vitaminen versorgt. Sogar in den Eizellen der Wanzen sind diese Keime zu finden, so dass die frisch geschlüpften Nachkommen gleich wieder mit Mikronährstoffen gut versorgt werden. Aus einem ehemals parasitären Verhältnis wurde so eine echte Symbiose, bei der beide Seiten profitieren.

Blut des Menschen ist die Hauptnahrung

Der Hauptwirt für die Bettwanze ist der Mensch, was sie aber nicht davon abhält, in Notzeiten auch Haustiere oder Vögel als Blutlieferanten zu nutzen. Nach einer Blutmahlzeit können die ausgewachsenen Tiere monatelang ohne Nahrung auskommen, wenn kein geeigneter Wirt in der Nähe ist. Bettwanzen bewegen sich zu Fuß fort, wobei sie keine längeren Märsche lieben. Sie halten sich deshalb in den Zimmern immer in der Nähe des Bettes auf, in den Ritzen des Bettgestells, hinter Bilderrahmen an der Wand oder auch hinter der lockeren Tapete. Ihre platte Form im hungrigen Zustand erleichtert das Verstecken in engen Ritzen und Spalten. Wie die nachtaktiven Tiere zum Menschen finden, ist noch nicht völlig klar: „Es gibt Hinweise, dass sie auf das durch die Atmung pulsierend ausgestoßene CO2 reagieren“, meint der Zoologe Reinhardt. „Dies funktioniert nur auf eine Entfernung bis zu etwa einem Meter.“ Haben sie den Menschen gefunden, fangen sie gleich auf der erstbesten freien Hautstelle mit dem Blutsaugen an, oft also auf den unbedeckten Armen oder Beinen. Manchmal treffen sie nicht sofort auf ein Blutgefäß und setzen deshalb mehrmals hintereinander an. Dies ergibt dann das typische Stichbild einer „Wanzenstraße“.

Der eigentliche Saugvorgang dauert zwischen fünf und zehn Minuten, danach ist die Wanze gesättigt, dick und rund. Wegen der langen Kontaktzeit mit dem Wirt wurde spekuliert, ob die Wanzen dabei – wie andere Blut saugende Insekten auch – Krankheiten übertragen können. Dies scheint aber nicht so zu sein, obwohl Krankheitserreger bei ihnen entdeckt wurden: „Es gibt keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Fall einer Übertragung von Krankheiten“, erklärt Reinhardt.

Vom entschlüsselten Genom der Tiere erhoffen sich die Forscher nun auch Hinweise, welcher Mechanismus dahintersteckt. Ebenso versprechen sie sich mehr Erkenntnisse über die Allergene, die von einem Bettwanzenbefall ausgehen. Von Schaben und Hausstaubmilben sind die gesundheitsschädlichen Einflüsse ihrer Allergene bekannt, bei Wanzen weiß man in dieser Hinsicht noch sehr wenig. Meist entwickeln die unfreiwilligen Blutspender an der Einstichstelle eine ein bis zwei Zentimeter große rote Quaddel, die stark juckt. Einzelne Menschen sind aber stärker betroffen und weisen einen größeren Hautausschlag auf. Wieder anderen machen die Stiche nichts aus; bei ihnen sind nur kleine Blutflecken als einziger Hinweis auf nächtliche Wanzenattacken zu finden.

Bettwanzen müssen beseitigt werden

Für den, der Bettwanzen bei sich zu Hause entdeckt, ist nur wichtig, dass sie beseitigt werden. Hier ist unbedingt der Fachmann gefragt. Der Schädlingsbekämpfer Stephan Burkhardt untersucht die Stärke des Befalls und entscheidet dann zusammen mit seinem Kunden, welche Strategie in Frage kommt. Wenn Insektizide eingesetzt werden, sind zwei bis drei Behandlungen nötig. „Schließlich müssen auch die aus den Eiern nachschlüpfenden Jungtiere erfasst werden“, erklärt Burkhardt. Ist der Befall größer, empfiehlt der Fachmann eine sogenannte Wärme-Entwesung. Bei dieser Methode wird der Raum mehrere Tage lang auf eine Kerntemperatur von 55 Grad erwärmt. Nicht nur die ausgewachsenen Wanzen, sondern auch ihre Eier werden durch die Hitze vernichtet. Anschließend sind dann noch regelmäßige und sorgfältige Nachkontrollen wichtig.

Das Umweltbundesamt hat einen Ratgeber zum Thema herausgegeben: „Bettwanzenbefall in der Wohnung – Was tun?“. Diesen findet man unter
www.umweltbundesamt.de