Schulterprobleme Kranke Schulter braucht Geduld

Klaus Zintz, 06.12.2012 10:00 Uhr

Suttgart - Wer schon einmal anhaltende Schmerzen in der Schulter hatte, der weiß, für wie viele alltäglichen Verrichtungen sie unerlässlich ist: Dann wird das morgendliche Anziehen ebenso zur Qual wie jegliche Arbeit, für die Arme und Hände erforderlich sind. Die vielfältigen Funktionen haben indes ihren Preis: „Die menschliche Schulter ist extrem gut beweglich – sie ist besser als bei jedem Menschenaffen. Doch das wird mit einer größeren Instabilität erkauft“, stellt der Schorndorfer Orthopäde Matthias Müller-Eißfeldt fest. Bei einer Patientenveranstaltung, die kürzlich am Krankenhaus Bad Cannstatt zum Thema „Die Schulter im Fokus – Moderne konservative und operative Therapiemöglichkeiten“ stattfand, erläuterte er auch, warum dieser Bereich so anfällig für Verletzungen und Verschleiß ist: weil die Schulter als einziges Gelenk nicht von Knochen, sondern vor allem von Bändern, Muskeln und Weichteilen gehalten wird. Daher führen auch Verletzungen und andere Probleme zu deutlich längeren Heilungs- und Rehabilitationszeiten als bei „normalen“ Gelenken.

Immer wieder wurde in der gut besuchten Veranstaltung deutlich, wie komplex der Schultergürtel aufgebaut ist. Drei echte Gelenke und zwei Nebengelenke zählte Bettina Kniesel auf, die sich als Chirurgin auf minimalinvasive Diagnose- und Operationsverfahren spezialisiert hat. Diese schonende Technik kommt auch im Schulterbereich zunehmend zum Einsatz, etwa bei der gar nicht so seltenen sogenannten Kalkschulter. Bis zur richtigen Diagnose haben manche Patienten einen langen Leidensweg hinter sich – mit manchmal mäßigen, oft aber heftigen Schmerzen. Ursache sind Kalkabla­gerungen, die zu Sehnenreizungen und schweren Entzündungen führen.

Zuerst konservativ behandeln

Für die Kalkschulter gilt derselbe Therapieweg, der auch bei anderen Schulterproblemen mit Ausnahme akuter Verletzungen angesagt ist: zunächst auf konservative Behandlungsmethoden setzen. Dazu zählen Salben, Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente, zu denen auch Cortisonspritzen gehören. Muskeltraining und Bewegungsübungen können ebenfalls helfen. Physiotherapie ist auch deshalb wichtig, weil sie die kranke Schulter möglichst beweglich hält – schließlich wird diese ­wegen der Schmerzen meist ohnehin geschont. Eine von Orthopäden empfohlene Behandlungsmöglichkeit ist zudem die Stoßwellentherapie, bei der mit Ultraschall auf den Kalk geschossen wird. Wenn alles nach Plan läuft, baut der Körper die Bruchstücke anschließend von selbst ab. „Das ist ein sehr gutes Verfahren mit einem geringen Risikoprofil, mit dem wir vielen Patienten helfen können“, berichtet Matthias Müller-Eißfeldt. Die nicht unerheblichen Kosten muss der Patient aber selbst tragen.

Wem das alles nichts hilft, der muss warten, bis das Leiden irgendwann von selbst verschwindet – und das hoffentlich bald. Oder er entscheidet sich für eine Operation, die heute meist minimalinvasiv durchgeführt werden kann. Dabei wird das Kalkdepot aus der Sehne geräumt und der oftmals entzündete Schleimbeutel im Schultergelenk meist gleich mit entfernt.

Risse in den Sehnen

Ein weiteres, recht häufiges Problem sind gerissene Sehnen – Stichwort Rotatorenmanschette. Dieser Komplex umfasst vier Muskeln samt ihren Sehnen, die vom Schulterblatt zum Oberarm ziehen. Sehnenrisse durch Unfälle sind nach den Erfahrungen der Orthopäden dabei eher selten. Meist reibt die Sehne an einem zu engen Schulterdach und verschleißt dadurch. Mögliche Vorschädigungen durch einen Sturz können dazukommen. So kann sich die Sehne immer weiter auffasern und einreißen. Dabei muss nicht jeder Riss Probleme bereiten, so dass konservative Heilungsversuche durchaus Chancen haben.

Allerdings betont Kniesel, dass größere Sehnenrisse nicht von selbst heilen und daher engmaschig kontrolliert werden sollte, ob sich der Riss vergrößert. Dies führt in der Regel zu weiteren Problemen und Verschleißerscheinungen in der Schulter. Die gute Botschaft: „Die Mehrzahl der Risse können wir heute minimalinvasiv versorgen“, berichtet Kniesel.

Arthrose zerstört das Gelenk

Bei einer anderen Verschleißerkrankung, der Arthrose, kommen die minimal­invasiven Möglichkeiten jedoch an ihre Grenzen. Bei diesem Leiden verschwindet der Gelenkknorpel immer weiter, so dass Knochen auf Knochen reibt. Dabei wird das Gelenk zerstört – ein Problem, das sich mit der älter werdenden Bevölkerung verschärft. Im Anfangsstadium der Schulterarthrose kann man oft mit konservativen Methoden gegensteuern. Insbesondere Krankengymnastik hilft, die Schulter so lange wie möglich beweglich zu halten. Minimalinvasiv besteht die Möglichkeit, die aneinander reibenden Knochen zu glätten und entzündetes Gewebe auszuräumen.

Doch irgendwann ist die Strategie, die Operation so lange wie möglich hinauszuzögern, am Ende: Oftmals werden die Schmerzen und Einschränkungen im Alltag so groß, dass sich die Betroffenen zu einer Operation entschließen. Immerhin gibt es inzwischen die Möglichkeit, das von der Arthrose zerstörte Gelenk durch eine Endoprothese, also ein künstliches Gelenk, zu ersetzen. Das gilt auch für schwere Unfälle, bei denen der Oberarmknochen in viele Trümmerteile zerlegt wurde. Je nach Situation stehen den Orthopäden dabei unterschiedliche Prothesen zur Verfügung, die sie einbauen können.

Langwierige Rehabilitation

Allerdings zeigte die Frage- und Diskussionsrunde am Ende der Veranstaltung, dass Prothesen in aller Regel kein intaktes Gelenk ersetzen können. Wer vor der Operation schon eine steife Schulter hatte, sollte sich keine allzu großen Hoffnungen auf viel mehr Beweglichkeit machen. Aber Alltagsfunktionen wie Ankleiden und Frisieren sollten wieder möglich sein. Deutlich wurde auch, dass bei Schulterproblemen viel Geduld erforderlich ist. Egal ob minimalinvasive oder konservative Operation: die Nachbehandlung ist anstrengend und langwierig, weil die Schulter viel Zeit zum Heilen braucht. Dabei muss sie meist samt Arm geschont werden, was auf Kosten der Beweglichkeit geht. Und die muss anschließend wieder mühsam erlangt werden.