Schulzentrum-Nord in Stuttgart Zu groß, um zu sterben

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Das Schulzentrum-Nord in Stuttgart stammt aus den siebziger Jahren. Trotz vieler Mängel ist es saniert und aufgewertet worden – woran man sieht, dass auch problematische Bauten der Epoche eine Chance verdienen.

Weiße Alufassaden und schwarzprofilierte Fensterbänder prägen das Bild der umgebauten Schule. Foto: Markus Guhl/Wulf Architekten
Weiße Alufassaden und schwarzprofilierte Fensterbänder prägen das Bild der umgebauten Schule.Foto: Markus Guhl/Wulf Architekten

Stuttgart - Was macht man mit einem Gebäude aus den 1970er Jahren? Man reißt es am besten ab. Das ist die Logik, der schon zahlreiche Bauten jener Zeit in Deutschland (und anderswo) zum Opfer gefallen sind. Rathäuser, Schulen, Bürohäuser, Kaufhäuser, Verwaltungszentren, Hallenbäder, Siedlungsbauten . . . während sich die frühe Nachkriegsarchitektur mit ihren leichten, transparenten Strukturen inzwischen zunehmender Akzeptanz erfreut, findet der Brutalismus der Sechziger und Siebziger bisher noch kaum Gnade vor den Augen der Nachgeborenen. Vielen gilt er schlicht als zu hässlich, und da die meisten Zeugnisse der Epoche technisch in die Jahre gekommen sind, werden sie gleich ganz entsorgt. Mit der Folge, dass ein ganzes Zeitalter baulich zu verschwinden droht.

Anders beim Schulzentrum Nord. Obwohl einer der größten Schulkomplexe in Stuttgart, kann man ihn als Außenstehender leicht übersehen, weil er etwas ab­gerückt von der Heilbronner Straße in einer Hangmulde zu Füßen der Weißenhofsiedlung liegt. Entstanden ist er in Eigen­planung des Hochbauamts zwischen 1978 und 1982 als Domizil für die Werner-Siemens-Berufsschule und die Kaufmännische Schule Stuttgart-Nord: 180 Meter lang, 110 Meter breit – ein typischer Vertreter der Ära mit ihrer Vorliebe für große Bau­systeme, ­Faserze­mentplatten, umständlich ab­gekantete Ecken und vorgehängte Metall­gerüste. Zwei turmartige Aufbauten überragen das ausladende Gesamtensemble. Es gibt bessere Architektur aus diesem Jahrzehnt, kein Zweifel, und doch gab die Stadt einer Sanierung den Vorzug, obwohl diese mit 46 Millionen Euro kaum billiger war als ein Neubau, der mit 52 Millionen zu Buche geschlagen hätte.

Dass Stuttgart sich nun plötzlich in sentimentaler Anhänglichkeit an seine jüngere Baugeschichte klammert, lässt sich als Grund ausschließen. Unter Denkmalschutz stand die Anlage auch nicht. So bleibt nur der Schluss, dass bei dieser Entscheidung vor allem die schiere Größe des Schulriesen lebensrettend gewirkt haben dürfte: 3600 Schüler lassen sich im Stadt­gebiet mit seinen knappen Flächen­ressourcen nun einmal nicht ohne weiteres verpflanzen. Und so musste dieser Tanker bei laufendem Betrieb überholt werden, was einen Rückbau bis auf das Tragwerk bedeutete, fünf Jahre dauerte und beide Seiten, Schüler und Lehrer wie auch Architekten und Bauleute, Nerven kostete, aber als logistische Meisterleistung hervorgehoben zu werden verdient.

Die „Plattentektonik“ wird betont

Das Resultat ist ein stark gelifteter Bau, ein ästhetischer Zwitter, dem man sein Geburtsdatum nur noch bedingt ansieht. Bemerkbar macht sich sein wahres Alter besonders strukturell: in der charakteristischen Horizontalität der Anlage, die sich nach Art der Siebziger betont breit macht. Die Umbauplaner des Stuttgarter Büros Wulf Architekten haben die „Plattentektonik“ der Schichten durch Helldunkelkontraste sogar noch akzentuiert, indem sie die Fenster mit schwarzen Profilen optisch hinter weißen Fassadenbändern zurücktreten ließen. In ihrer scharfkantigen Rechtwinkligkeit spricht die – energetisch auf heutigen Stand gebrachte – Aluhülle dann aber doch eine ganz und gar heutige Sprache, auch wenn die un­regelmäßige Perforierung an die Lochstreifen aus den Kinder­tagen des Computer­säkulums erinnern soll. Ein bisschen wollten die Architekten mit der weißen Schule jedoch auch in Richtung Weißenhofsiedlung salutieren, die als Moderne-Über-Ich in Stuttgart droben auf der Hang­kante thront.