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Schwabenduo im Flugzeugcockpit Erbstetter fliegen groß

Ottmar Letzgus, 29.12.2012 18:17 Uhr

Erbstetten - Wer derzeit mit dem größten Passagierjet der Welt, dem Airbus A 380, von Frankfurt nach San Francisco düst, der kann an eine lupenreine schwäbische Cockpit-Connection geraten. In der Pilotenkabine, Schauplatz dieser Geschichte, hat die internationale Fliegersprache Englisch gelegentlich Pause, stattdessen kommt der Dialekt ins Spiel. Die Herren Flieger sind nämlich vom gleichen landsmannschaftlichen Geblüt, und der Slang, der diesem Menschenschlag eigen ist, lässt sich nicht gänzlich abschalten. Könnte ein eingefleischter Altwürttemberger unter den Fluggästen den Dialog der beiden Piloten belauschen, würde er sich wohl bestens aufgehoben fühlen: ,,Guck na, do hocket zwoi Schwoba vorne dren, do ka nix bassiere.“

Der eine, der schwäbelt, ist der Lufthansa-Kapitän Frieder Klaiber, 56, aus dem Dorf Erbstetten im schönen Murrtal. Der andere ist sein junger Kopilot Sebastian Schlüter, 34, der nur ein paar Straßen weiter im selben Flecken wohnt. Ist ihr Megaliner erst einmal auf Kurs und hat die entspannte Flugphase begonnen, sieht das von unzähligen Schaltern, Knöpfen, Bildschirmen und Displays umzingelte Duo keinerlei Notwendigkeit, seinen heimatlichen Slang wegzuklicken. ,,No schwätzet mir über Gott ond die Welt“, sagt Käpt’n Klaiber.

Dem lieben Gott ist man ja ziemlich nahe, und die Entfernung zur Welt kann bis zu satten 12 000 Höhenmetern betragen, wenn die beiden Erbstetter die neuesten Dorfnachrichten austauschen – man muss schließlich up to date sein. So mutiert die Pilotenkanzel im Airbus A 380, diesem vierstrahligen Ungetüm, zumindest zeitweise zum schwäbischen Sprachraum. Es sieht ganz danach aus, dass Schwaben doch (fast) alles können: englisch parlieren, muttersprachlich babbeln und – heidenei – ganz nebenbei die größte fliegende Kiste der zivilen Luftfahrt steuern.

520 Tonnen steigen himmelwärts

Die Triebwerke der LH 454 fauchen und röhren und lassen den ganzen Rumpf erzittern. Die Maschine steht auf Startposition. Die Checks, die Klaiber und sein Co. routiniert Punkt für Punkt abhaken, sind abgeschlossen, alle Instrumente im grünen Bereich. Dann gibt der 56-Jährige mit den vier Schubhebeln Stoff und lässt den Flieger los, der Tempo aufnimmt und schier unglaubliche 520 Tonnen himmelwärts hievt. Das ist ein Gewicht, das dem von hundert ausgewachsenen Elefantenbullen entspricht, hat einer mal ausgerechnet. Rund 4000 Starts hat Klaiber in seinem Pilotenleben bei der Kranich-Airline hinter sich gebracht, sein Adrenalinspiegel, lässt er wissen, bleibt selbst in der Startphase eines A 380 auf coolem Level, da würden auch reelle Dickhäuter in seinem Flieger keinen Stress in ihm aufkommen lassen.

Der Kompass zeigt Richtung Nordatlantik und Island. Die Cockpitcrew meldet sich mit einem Tschüss aus dem Frankfurter Kontrollbereich ab. Von jetzt an heißt die Mission ,,San Francisco, mir kommet“. An Bord sind 526 Fluggäste auf zwei Etagen, mit dabei auch ein VIP: Klaibers Tochter Jana, die gern mit ihrem Papa fliegt, weil sie sich besonders sicher fühlt, wenn sie ihren Vater im Cockpit weiß. Seit einem Jahr hat dieser die Lizenz für den großen Airbus in der Tasche, zuvor freilich galt es, im Flugsimulator den neuen fliegenden Untersatz kennenzulernen und jede Menge Theorie zu büffeln. Was Frieder Klaiber, wie er bekennt, doch einige Anstrengungen kostete.

Nach seinem ersten Flug auf dem Großen gerät Klaiber, zigfacher Kilometermillionär der Lüfte, regelrecht ins Schwärmen. ,,Es ist ein faszinierendes Gefühl, diesen gigantischen Vogel zu steuern“, sagt er begeistert, trotz seiner Größe sei der Riesenjet (Spannweite 80, Länge 73 Meter) keine lahme Ente, sondern erstaunlicherweise sportlich zu fliegen. ,,Der Job in diesem Flugzeug ist die Krönung meiner Pilotenlaufbahn“, sagt Klaiber. Keine Frage auch: wer die A-380-Lizenz in der Tasche hat, der hat es in die Upper Class der Fliegerzunft geschafft.