Self-Publishing Jeder ist ein Verleger

Von Nora Stöhr 

Immer mehr Autoren verlegen ihre Bücher selbst. An dem Geschäft ist der Internetriese Amazon mit großem Erfolg beteiligt. Jetzt plant der Konzern den nächsten Expansionsschritt – und tritt damit zu den klassischen Verlagen in Konkurrenz.

Das Verlegen am Verlag vorbei wird immer beliebter. Foto: dpa
Das Verlegen am Verlag vorbei wird immer beliebter.Foto: dpa

Stuttgart - Als Emily Bold das Manuskript ihres ersten historischen Liebesromans „Gefährliche Intrigen“ an verschiedene Verlage schickte, bekam sie nichts als Absagen. „Sie haben mir gesagt, dass ihnen mein Schreibstil zwar gefalle, aber sie mein Genre für den deutschen Markt für ungeeignet hielten, da er von großen und erfolgreichen US-Autoren gesättigt sei“, erzählt die Mittdreißigerin aus Franken, die unter dem englisch klingenden Pseudonym schreibt. Also entschied sie sich dazu, ihr Buch im Selbstverlag zu veröffentlichen – und wählte dafür das Angebot des Internetriesen Amazon.

Amazon ist der größte Player auf dem Geschäftsfeld des sogenannten Self-Publishing. Als das Unternehmen 2007 in den USA die erste Generation seines E-Book-Readers Kindle – mittlerweile Marktführer – herausbrachte, benötigte es Inhalte, um das Lesegerät durch ein riesiges Sortiment interessant zu machen. Schließlich lassen sich nur E-Books, die im Kindle-Shop erworben wurden, auf dem Lesegerät aufrufen. So ging zeitgleich Kindle Direct Publishing, kurz KDP, an den Start: eine Self-Publishing-Plattform, über die jeder Autor Bücher – vornehmlich in elektronischer Form – in Eigenregie herstellen und verbreiten kann.

KDP, das es seit 2011 auch in Deutschland gibt, lockt Kunden mit einer niedrigen Einstiegs- und Hemmschwelle. Es gibt keine Grundkosten, keine Mindestlaufzeit, keine Kündigungsfristen, keine Abtretung der Nutzungsrechte – und mit nur wenigen Klicks ist ein komplettes Buch entstanden. Hierfür stellt Amazon lediglich die Software sowie den digitalen Kindle-Shop als Verkaufsplattform zur Verfügung. Alles andere – vom Lektorat über die Gestaltung des Covers bis hin zur Werbung – muss der Autor selbst in die Hand nehmen.

Den Preis für sein Buch legt der Self-Publisher selbst fest

Ohne den dazwischengeschalteten Verlag fallen aber auch Experten weg, die sich mit den betriebswirtschaftlichen Aspekten der Buchproduktion wie etwa Kostenkalkulation oder Vertrieb auskennen. So sorgt der Verlag dafür, dass das Buch in den üblichen Großhandelsverzeichnissen (Libri) verfügbar und damit über den Buchhandel beziehbar ist. Auch erhält der Autor beim Self-Publishing keinen Vorschuss, wie es bei herkömmlichen Verlagen durchaus üblich ist. Und in Rechtsfragen, mit denen man vor allem in der digitalen Welt schnell konfrontiert sein kann – etwa das geistige Eigentum betreffend – steht dem Selbstverleger ebenso niemand zur Seite. Das größte Problem für Self-Publisher liegt aber wohl darin, dass ein großer Teil der Leser in Deutschland keine E-Books kauft – bis jetzt, denn der Markt für elektronische Bücher wächst langsam auch hierzulande.

Auch immer mehr Autoren verlegen am Verlag vorbei. In den USA hat bereits 2008 die Zahl der selbst verlegten Titel (285 000) die der in Großauflagen gedruckten neuen Titel (275 000) übertroffen. Allein 2011 ist dort die Zahl der selbst verlegten Bücher um weitere 80 000 gestiegen. Schätzungen zufolge gibt es derzeit in Deutschland etwa 75 000 Self-Publisher. Und diese sind mitunter mit großem Erfolg tätig: In den Top 1000 von Amazon stammen zwei Drittel der Titel von ihnen.

Den Preis für sein Buch legt der Self-Publisher selbst fest. Weil sich die Produktionskosten im Rahmen halten, können die Bücher recht günstig verkauft werden. Im Durchschnitt steht ein über KDP verlegtes E-Book für etwa 2,45 Euro zur Verfügung. In der Regel ziehen klassische Verlage bei der Preisfindung einfach ein Fünftel vom Taschenbuchpreis ab. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Interessensvertreter von Verlagen und Buchhändlern – hat eine Studie in Auftrag gegeben, die in diesem Zusammenhang ergeben hat, dass E-Books von klassischen Verlagen im Schnitt für 7,72 Euro verkauft werden.