Senioren geben ihren Führerschein ab Öhrles fahren Bahn

Von Julian Illi 

Senioren, die ihren Führerschein abgeben, dürfen ein Jahr klang umsonst Bus und Bahn nutzen. Das Pilotprojekt im Kreis Ludwigsburg fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der ältere Leute zunehmend als Risikogruppe auf den Straßen gelten.

Helga und Kurt Öhrle fahren mit der Strohgäubahn von Korntal-Münchingen zum Einkaufen nach Stuttgart. Ihre Führerscheine haben sie für immer abgegeben. Foto: factum/Granville
Helga und Kurt Öhrle fahren mit der Strohgäubahn von Korntal-Münchingen zum Einkaufen nach Stuttgart. Ihre Führerscheine haben sie für immer abgegeben.Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen - Die Entscheidung, ein Stück ihrer Freiheit und Selbstständigkeit abzugeben, haben Helga und Kurt Öhrle schon vor gut zwei Jahren gefällt. Da fühlte sich das Ehepaar aus Korntal-Münchingen schon nicht mehr so richtig zu Hause auf den Straßen in der Region Stuttgart. Wenn sie mit ihrem VW Golf unterwegs waren, hupten sogar die Lastwagenfahrer oder blendeten das Licht auf – genervt über das Auto, das sich da vor ihnen nur im Schneckentempo fortbewegte. Kurt Öhrle, der meistens am Steuer saß, ging auf Nummer sicher und wollte einfach nicht schneller fahren. „Es hat keinen Spaß mehr gemacht“ sagt der 76-Jährige.

Die endgültige Entscheidung traf dann seine Frau. Helga Öhrle fuhr schon immer ungern Auto. Auf längeren Strecken bat ihr Mann sie aber immer öfter, auch mal an das Steuer zu wechseln. Als sie schließlich vorschlug, das Autofahren ganz aufzugeben, hatte er nur eine Bedingung: „Dann musst du den Wagen verkaufen.“ Und so kam es dann.

Helga Öhrle, 73, rief bei einem Autohändler in der Nähe an, zeigte ihm den 15 Jahre alten Golf und verkaufte ihn kurzerhand. 1000 Euro bekamen die Eheleute noch dafür. Jetzt fahren die Öhrles mit der Bahn. Seit ein paar Monaten gehören sie zu den ersten Teilnehmern eines Pilotprojekts im Kreis Ludwigsburg. Das Landratsamt bietet gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) Senioren, die ihren Führerschein freiwillig abgeben, ein kostenloses Ticket für das gesamte Netz an. Voraussetzung: die Teilnehmer müssen älter als 65 Jahre sein und ihre Fahrerlaubnis dauerhaft abgeben. Der Führerschein wird eingezogen und ungültig gestempelt. Es wird auch kein neuer mehr ausgestellt. Die Vereinbarung gilt ein Jahr, danach muss man für den Verbundpass bezahlen.

500 Senioren haben schon ihren Führerschein abgegeben

Als das Projekt im Oktober anlief, waren die Erwartungen verhalten. Doch inzwischen haben gut 500 Senioren ihren Führerschein abgegeben. Mehr als hundert Anträge sind noch in Bearbeitung. „Das Interesse hat uns überrascht“, sagt Annegret Kornmann, die Sprecherin des Landrats. Das Thema Fahren im Alter ist derzeit so präsent wie nie. Meist aus dramatischem Anlass: die Zahl der Verkehrsunfälle mit älteren Leuten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Allein im Bereich des Ludwigsburger Polizeipräsidiums nahm die Zahl der Unfälle 2015 um mehr als zehn Prozent zu. Auch landesweit kracht es immer häufiger, wenn Ältere am Steuer sitzen.

Ein Blick in die Polizeiberichte des jungen Jahres: in Nürtingen demoliert eine 83-Jährige beim Ausparken vier Autos, verletzt einen Mann leicht. In Leonberg gerät ein 79-Jähriger auf die Gegenfahrbahn, ein entgegenkommendes Auto muss ausweichen und schanzt mehrere Meter über eine Verkehrsinsel. Mitte Januar wird ein Mann lebensgefährlich verletzt, als ein 76-Jähriger zwischen Aspach und Mundelsheim in den Gegenverkehr gerät und frontal auf den Wagen des Unfallopfers prallt. Der Senior hatte seinen Neuwagen gerade aus dem Daimler-Werk abgeholt.

Die Polizei spricht mittlerweile von einer Risikogruppe, wenn es um ältere Verkehrsteilnehmer geht. Die politische Debatte über altersabhängige Tests der Fahrtauglichkeit ist in vollem Gange. Erst Mitte Januar lehnte der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) regelmäßige Prüfungen ab. Denn zur Wahrheit gehört auch: nach wie vor werden in Deutschland die meisten Unfälle von Fahranfängern unter 24 Jahren verursacht. Nicht nur die Alten, auch die ganz jungen Autofahrer sind eine Risikogruppe. Mit einem Unterschied: während Fahranfänger mit der Zeit sicherer unterwegs sind, nehmen bei den Senioren mit zunehmendem Alter die Risikofaktoren noch zu. Sie sehen schlechter und reagieren langsamer.