Sichere Schulwege in Stuttgart Kampf gegen Elterntaxis geht weiter

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Mit einem Rekord startet die Aktionswoche „Sicher zu Fuß zur Schule“ an der Altenburgschule. Elternvertreter, Schüler und Lehrer reagieren auf gefährliche Verkehrssituationen vor der Schule.

Schülerlotse im Einsatz Foto: Lg/Zweygarth
Schülerlotse im Einsatz Foto: Lg/Zweygarth

Stuttgart - Muss immer erst etwas passieren, damit sich etwas ändert? Nein, nicht immer. An der Altenburgschule hat es gereicht, dass beinahe etwas passiert wäre, um Eltern und Kinder zum Umdenken zu bewegen. „Ein Mädchen ist vor der Schule beinahe überfahren worden, weil ein Autofahrer ein haltendes Fahrzeug überholen wollte“, berichtet der Elternbeiratsvorsitzende Alexander Böhle. „Der Vater konnte das Kind gerade noch wegziehen.“ Ein sogenanntes Elterntaxi, das die Kinder direkt vor dem Schultor absetzte, hatte im Weg gestanden, ein anderer Schulkind-Anlieferer überholt. Außerdem hatte der Elternbeiratsvorsitzende im Januar Verkehrsrowdys angezeigt, die Schülerlotsen gefährdeten.

Seit jenem Beinaheunfall sind Schüler, Eltern und Lehrer darum bemüht, die Kinder sicher in die Altenburgschule zu bringen. Deswegen war die Schulgemeinschaft für das Staatliche Schulamt, die Polizei, die Stadt und den Förderverein Sicheres und Sauberes Stuttgart ein geeigneter Kandidat, die erste Aktionswoche „Sicher zu Fuß zur Schule“ in diesem Jahr zu präsentieren, die eine Rekordbeteiligung mit mehr als 6000 Schülern verzeichnet. Diesem Bündnis und dem Engagement sei es zu verdanken, dass die Altenburgschule einen Rekord hält: An ihr sind 16 Schulweghelfer – sieben Erwachsene und neun Schüler – im Einsatz, so viele wie an keiner anderen Schule in Stadt. Insgesamt haben sieben Bildungseinrichtungen Schulweghelfer.

Kinder sind direkt vor der Schule gefährdet

Warum sie gebraucht werden, das verdeutlichten bei der Präsentation des Projekts am Montag Berichte von Eltern und ein Kurzfilm, den die Schule produziert hatte. „Wir wohnen direkt gegenüber der Schule. Ich dachte mir, das wäre prima, da muss mein Kind nur einmal über die Straße und ist schon da“, erzählte Dagmar Rogge. Ein Trugschluss: „Die ersten zwei Jahre konnte ich meine Tochter nicht alleine gehen lassen“, sagte die Mutter. Die Schulweghelfer würden nun viel dazu beitragen, die Sicherheit zu erhöhen. Außerdem baute die Stadt die Straße Auf der Altenburg um: Mit einer sogenannten Gehwegnase wurde eine Engstelle geschaffen, die den Autoverkehr bremsen und das Überqueren an der schmalsten Stelle erleichtern soll.

Die meisten Schulen in der Stadt würden versuchen, das Elterntaxi so weit wie möglich einzudämmen, betonte die Schulamtsleiterin Ulrike Brittinger. Es sei sicher, gesund und spannend für Kinder, zu Fuß zur Schule zu gehen. Das wollten die Organisatoren mit der Aktionswoche vermitteln. Jede Klasse an den teilnehmenden Schulen dokumentiere in dieser Woche, wer wie oft zu Fuß gegangen sei.

Nur noch 50 Prozent der Schüler gehen zu Fuß

Auf das Problem aufmerksam gemacht hatte Schulleiter Ralf Hermann, der im Winter 2014 einen Brandbrief wegen der vielen Eltern schrieb, die ihre Kinder nicht nur bis vor das Schulgebäude, sondern sogar bis ins Klassenzimmer brachten. Seither bemühe man sich gegenzusteuern, sagte Ulrich Haas, Berater für Verkehr und Mobilität beim Staatlichen Schulamt. Im Jahr 1980 seien noch 90 Prozent der Schüler zu Fuß zur Schule gegangen, im Jahr 2010 seien es gerade noch 50 Prozent gewesen. Eine aktuelle Studie, ob die Aktionswoche zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führe, habe man noch nicht. „Aber wir überlegen, das mal ein paar Wochen später zu erheben“, kündigte Haas an.

Vielleicht sollte er Elias aus der Klasse 3d als Botschafter an andere Schulen entsenden. „Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich nicht fett, werde meine Energie los und bin in der Schule nicht so zappelig“, sagte er im Film der Altenburgschule.