Ski alpin Endlich wieder einer mit Potenzial

Dominik Ignée, 14.12.2012 12:28 Uhr

Stuttgart - Als Stefan Luitz in Val d’Isère vor ratlose Journalisten tritt, die keine Ahnung haben, wer er ist, löst er das Rätsel auf sehr bescheidene Art. „Ich heiße Stefan Luitz, fahre seit dem dritten Lebensjahr Ski, und im Sommer gehe ich biken.“ Gut zu wissen. Mit diesen Häppchen ist den Reportern fürs erste Mal geholfen in ihrer Not. Im Verlauf der Präsentation werden sie schon noch ein bisschen mehr über den Athleten herausbekommen, der beim Riesenslalom in den französischen Alpen wie aus dem Nichts Zweiter wurde.

Luitz hat da ein wahres Wunder vollbracht. Als 25. des ersten Durchgangs katapultierte er sich so weit nach vorn wie nur wenige vor ihm – es war die viertgrößte Aufholjagd im Riesenslalom überhaupt. Deshalb gab es auch die enorme Nachfrage nach Fakten. Er selbst traute seinen Augen nicht. Und zunächst wusste er auch gar nicht, wie gut ihm der zweite Lauf von Val d’Isère geglückt war. „Die Anzeigetafel war ausgefallen. Erst als sie mich in die Leaderbox führten und dort die eins aufleuchtete, dämmerte es mir“, sagt er. Als sich dann auch noch Mister Riesenslalom Ted Ligety nach ein paar Patzern hinter ihm einreihte, war die Überraschung perfekt. Zweiter hinter dem Österreicher Marcel Hirscher. Stefan wer? Stefan Luitz.

Erinnerungen an Florian Eckert werden wach

Für die Verantwortlichen des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) kommt das nicht von ungefähr. Der 20-Jährige aus Bolsterlang im Allgäu hat im Skiweltcup zwar noch wenig Erfahrung und bisher kaum auf sich aufmerksam gemacht, doch die fehlerfreie Fahrt im zweiten Lauf von Val d’Isère bestätigte die DSV-Crew, dass es sich gelohnt hatte, in den vergangenen Jahren Luitz im Förderprogramm zu behalten. Er besitzt Potenzial. Wolfgang Maier, der Sportdirektor der Alpinabteilung, wusste das schon länger. Es ist auch nicht so gewesen, dass die nachfolgenden Rennläufer wegen schlechter werdender Bedingungen keine Chance mehr hatten – wie so oft. „Die Strecke hatte sich nicht großartig verändert, die anderen hatten nur ein paar Rillen und Schläge mehr als ich“, sagt Luitz. „Ich hatte aber ein perfektes Rennen ohne gröbere Fehler.“

Die beherzte Talfahrt des Herrn Luitz macht Hoffnung in den Reihen der dezimierten Männerequipe des DSV. Seine Vorstellung in Frankreich erinnert an die der großen deutschen Abfahrtshoffnung Florian Eckert. Der wurde 2001 an seinem ­22. Geburtstag bei der Weltmeisterschaft in St. Anton Dritter, was den damaligen Männertrainer Martin Oßwald – noch völlig aus dem Häuschen – zu dem Kommentar hinreißen ließ: „Flori, du bist ein Wahnsinniger!“ Aus den hohen Erwartungen wurde aber nichts. Das lag nicht daran, dass der „Bär von Bad Tölz“ sportlich nichts mehr auf die Reihe bekam. Es lag an einer hartnäckigen Knieverletzung, die das Talent zu einem Sportinvaliden machte.

Stefan Luitz’ Eltern flippen richtig aus vor Glück

Danach nährte der hochbegabte Slalomfahrer Felix Neureuther die Hoffnung, dass deutsche Männer die Österreicher, Schweizer und Amerikaner wieder ein bisserl ärgern können. Neureuther gewann zwei Weltcuprennen. Mehr wären es geworden, wäre er im Übereifer nicht so oft ausgefallen, auch hat es ihn hin und wieder körperlich gezwickt und gezwackt. Dann machte wenigstens noch Fritz Dopfer im vergangenen Jahr auf sich aufmerksam – zweimal wurde er Dritter. Dass nun auch Luitz nach vorne gefahren ist, zeigt immerhin, dass Deutschland nach langer Zeit des Darbens zumindest im technischen Bereich endlich eine kleine und bisweilen schlagfertige Truppe aufbieten kann.

Dennoch bleibt Luitz nach seinem fabelhaften Auftritt geerdet. „Dieses Rennen nehme ich für das Selbstbewusstsein mit – doch so ein Erfolg wird in nächster Zeit nicht passieren“, sagt er vor dem Riesenslalom am Sonntag in Alta Badia. Er hält sich noch für einen Lernenden. Zunächst will er sich öfter unter den ersten 15 eines Weltcups etablieren und an Europacuprennen teilnehmen, um sicherer zu werden. Allerdings freut er sich schon jetzt tierisch auf die Ski-WM im Februar in Schladming (Österreich), für die er sich durch den zweiten Platz qualifiziert hat.

Beobachter der Branche hat dies nicht überrascht. Mutter Petra und Vater Ludwig sind Skilehrer, und der Herr Papa obendrein auch noch der Servicemann im Team Stefan Luitz. Beide, versichert der Sohn, seien am vergangenen Sonntag richtig ausgeflippt vor Glück – der Vater im Zielraum von Val d’Isère, die Mutter vor dem Fernsehapparat. Auch das war zunächst wichtig, über den Unbekannten zu erfahren. Nach weiteren Erfolgen muss Luitz aber wohl mehr Einzelheiten preisgeben.