Smartphones Wie innovativ ist das neue iPhone?

Von Steffen Haubner 

Auch Apples neuestes Smartphone bleibt teilweise hinter den Erwartungen der Fachwelt zurück. Trotzdem könnte das iPhone X zum Wegbereiter einer neuen Form der Interaktion zwischen Mensch und Technik werden.

Der Rummel um die Vorstellung neuer Apple-Produkte hat fast schon rituelle Züge. Hier präsentiert Konzernchef Tim Cook das neueste iPhone. Foto: AFP 10 Bilder
Der Rummel um die Vorstellung neuer Apple-Produkte hat fast schon rituelle Züge. Hier präsentiert Konzernchef Tim Cook das neueste iPhone. Foto: AFP

Stuttgart - Das ist doch alles nichts Neues!“ Zehn Jahre nach der Präsentation des ersten iPhones folgt heute nach jeder Apple-Keynote zuverlässig Ernüchterung. Ein randloses Display? Das bietet doch schon das Galaxy S8 von Samsung. Organische Leuchtdioden für hohe Kontraste und brillante Farben? Kommen nicht nur bei Samsung, sondern auch bei LG und Motorola zum Einsatz. Und auch beim kabellosen Laden, das Apple nun mit einigen Monaten Verspätung einführt, haben Mäkler längst unverkennbare Nachteile ausgemacht. Zwar stört beim Stromtanken kein lästiges Kabel mehr. Benutzen kann man das Gerät aber ebenfalls nicht, da man es dazu ja von der Ladefläche nehmen müsste.

Je öfter sich das Ritual monatelang durchsickernder Informationen und einer am Ende zwangsläufig folgenden leisen Enttäuschung wiederholt, desto mehr drängt sich die Frage auf: Was hat man eigentlich erwartet? Welche Funktionen würde man sich wünschen? Gibt es sie wirklich, die „Killerapplikation“, das nie da gewesene Feature, das alle herbeigesehnt haben?

Zu einem Daueranwärter auf diesen Titel hat sich die sogenannte Augmented Reality, kurz AR, entwickelt. Dabei wird die in 3-D erfasste Wirklichkeit auf dem Display mit zusätzlichen Informationen versehen. Die ständig verbesserten Handykameras machen eine immer raffiniertere Verschmelzung der digitalen mit der realen Welt möglich. Laut Apple-Chef Tim Cook ist das iPhone 8 das erste Smartphone, das von Haus aus auf AR-Anwendungen ausgerichtet ist. Welche das genau sein könnten, ist allerdings umstritten. Überraschungserfolge wie die virtuelle Monsterjagd „Pokémon Go“ können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gros der Verbraucher mit den oft unausgegorenen Angeboten fremdelt. Google kann mit seiner inzwischen begrabenen Datenbrille „Google Glass“ ein Lied davon singen.

Echte Innovationen sind unvorhersehbar

In seinem Standardwerk „Emotional Design“ beschreibt der Informatiker und Kognitionsforscher Donald A. Norman, wie unvorhersehbar echte Innovationen letztlich sind. Das Problem, dass man nicht nach etwas suchen kann, das man noch gar nicht kennt, während es im umgekehrten Fall eben nichts Neues mehr ist, hat bereits Platon als „Menons Paradox“ in die Philosophiegeschichte eingeführt. Antworten könnte die Marktforschung liefern. Leider erweisen sich die potenziellen Anwender laut Norman als denkbar schlechte Ratgeber. Schließlich seien unzählige Produkte, die sich Konsumenten sehnlichst gewünscht hätten, am Markt gescheitert. Umgekehrt erweisen sich viele zunächst durchgefallene Ideen schließlich doch noch als Megaseller. Bestes Beispiel: Mobiltelefone, die anfangs als für private Nutzer überflüssige Statussymbole für Geschäftsleute betrachtet wurden.

Das Zauberwort lautet „Usability“, das sich mit dem etwas sperrigen deutschen Wort „Gebrauchstauglichkeit“ übersetzen lässt. Oder wie es Designforscher Norman formuliert: „Es gibt keine Entschuldigung dafür, Produkte zu entwerfen, die nicht von jedermann benutzt werden können.“ Dieses Zitat könnte ebenso gut von Apple-Gründer Steve Jobs stammen. Erst wenn etwas reibungslos funktioniert, wird es von den Nutzern auch als unverzichtbarer Bestandteil ihres täglichen Lebens angenommen. Nicht umsonst verdankt das iPhone seinen Siegeszug einer Benutzeroberfläche, die auch Kinder intuitiv bedienen können. Die wahre Kunst liegt deshalb weniger im Hinzufügen als im Weglassen, und die beherrscht kein anderes Unternehmen so virtuos wie Apple.

Beim neuen iPhone X, das nur wenige Wochen nach dem iPhone 8 auf den Markt kommen soll, verzichten die Produktdesigner nun sogar auf den ikonischen Startknopf. Stattdessen genügt ein Blick auf das Handy, um es aufzuwecken. Am oberen Rand des Gehäuses ist eine ganze Reihe von Kameras und Sensoren installiert. Der „Flood Illuminator“ erkennt die Umrisse des Gesichts selbst im Dunkeln. Ein Lichtprojektor wirft mehr als 30 000 unsichtbare Referenzpunkte auf die Physiognomie des Nutzers, anhand derer er eindeutig identifizierbar ist.

Das eigene Gesicht als Passwort

Das eigene Gesicht wird künftig zum persönlichen Passwort. Laut Apple werden die so erfassten Daten ausschließlich auf dem Gerät und nicht auf externen Servern gespeichert. Die Wahrscheinlichkeit einer Verwechslung liege bei eins zu einer Million. Wie sicher und nutzerfreundlich die Gesichtserkennung tatsächlich ist, gilt es allerdings erst noch zu beweisen. Dass Erzkonkurrent Samsung mit einer ähnlichen Technologie bereits Schiffbruch erlitt, sollte Apple jedenfalls Warnung genug sein.

Die Steuerung per bloßem Blickkontakt ist jedoch weit mehr als ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit. Es ist vielmehr ein weiterer Schritt in Richtung einer direkten Interaktion zwischen Mensch und Technik. Ob Amazon, Google oder Microsoft – alle Konzerne arbeiten derzeit mit Hochdruck an Sprachassistenten, die in Alltagstechnik aller Art integriert werden. Apples Gesichtserkennung fügt dem nun die Möglichkeit hinzu, dem Nutzer seine Wünsche wortwörtlich von den Augen ablesen. Die Sensoren des neuen iPhone können nicht nur Personen identifizieren, sondern Bewegungen von bis zu 50 Gesichtsmuskeln in Echtzeit erfassen.

Dass man die eigene Mimik auf animierte Emojis übertragen kann, wie bei der Präsentation am Dienstag gezeigt, ist nicht mehr als eine harmloses Spielerei. Doch schon jetzt ist abzusehen, dass Smartphones künftig auch die Gefühlslage ihres Besitzers erkennen und entsprechend darauf reagieren. Apple mag nicht das erste Unternehmen sein, das Anstrengungen in dieser Richtung unternimmt. Doch vermutlich hat noch immer kein anderes ein so großes Potenzial, die Welt mit Ideen zu verändern, an denen andere gescheitert sind.