Sportler des Jahres Der Aufstand der Entrechteten

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Bei der Wahl der Sportler des Jahres in Baden-Baden sind Athleten ausgezeichnet worden, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen. Sie haben gejubelt, gefeiert – und gleichzeitig die Gelegenheit genutzt, sich zu beschweren.

Sportler des Jahres: Christina Schwanitz und Jan Frodeno. Weitere Bilder von der Preisverleihung in Baden-Baden zeigen wir in unserer Fotostrecke. Foto: Getty 17 Bilder
Sportler des Jahres: Christina Schwanitz und Jan Frodeno. Weitere Bilder von der Preisverleihung in Baden-Baden zeigen wir in unserer Fotostrecke.Foto: Getty

Baden-Baden - Christina Schwanitz trinkt gerne Bier und erzählt schlüpfrige Witze, einer von ihnen geht so: „Ich bin die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freut.“ Das Gelächter ist diesmal besonders laut, denn als frisch gekürte Sportlerin des Jahres steht sie am Sonntagabend auf der großen Bühne des Kurhauses in Baden-Baden, als Weltmeisterin im Kugelstoßen, errungen mit sieben Zentimetern Vorsprung.

Christina Schwanitz (29) zelebriert diesen Abend vom ersten Moment an, sie trägt ein schwarz-goldenes Glitzerkleid mit transparentem Rock und eine sehr aufwendig drapierte Steckfrisur. Es ist das erste und womöglich auch letzte Mal, dass sie derart viel Aufmerksamkeit bekommt. Kugelstoßerinnen gehören nicht zu den Showstars des deutschen Sports – sie werden geschätzt für ihren Beitrag zu den Medaillenspiegeln, bewundert aber werden andere. Das weiß auch Christina Schwanitz: „Es dreht sich doch alles nur um Fußball, Fußball, Fußball.“

Die Fußballer spielen diesmal keine Rolle

Immerhin an diesem einen Abend im Jahr, bei der traditionellen Sportlerwahl in Baden-Baden, spielt der Fußball gewöhnlich nur eine Nebenrolle – diesmal nicht einmal das. Kein einziger Kicker hat es bei den Männern und Frauen unter die besten 20 geschafft, abgeschlagen auf Platz 14 landet der FC Bayern, noch hinter den deutschen Freiwasserschwimmern. Sie sind also unter sich, die Athleten aus der zweiten, dritten und vierten Reihe, die meist viel härter trainieren als die Fußballer und trotzdem kaum etwas verdienen. An den Sekt- und Caipirinha-Bars feiern sie sich und ihre Erfolge – und nutzen gleichzeitig dieses Familientreffen des deutschen Sports, um sich über die immer erdrückender werdende Dominanz von König Fußball zu beschweren.

Beim Aufstand der Entrechteten ist Christina Schwanitz so etwas wie die Anführerin. „Zu jeder Tages- und Nachtzeit“, sagt sie, werden im Fernsehen Fußballspiele bis hinunter zur vierten Liga übertragen– „und wenn man es nicht live gesehen hat, ist es nicht schlimm, denn es wird ja wiederholt“. Ihr Sport hingegen finde quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. „Auch die Leitathletik wird mittlerweile zur Randsportart gemacht, von der man nicht leben kann, auch wenn man Weltniveau hat. Das ist bitter.“ Der Weltmeistertitel von Peking hat sich für Schwanitz nicht ausbezahlt, „ich fahre noch immer Octavia und wohne in einer Mietwohnung“, ihr Geld verdient sie als Sportsoldatin bei der Bundeswehr, die auch einen Großteil der Wintersportler beschäftigt.

Der Wintersport kommt immerhin im Fernsehen

Das Team der Nordischen Kombinierer um den Oberstdorfer Johannes Rydzek, das im vergangenen Februar in Falun erstmals seit 28 Jahren wieder Weltmeister geworden ist, darf sich in Baden-Baden als Mannschaft das Jahres feiern lassen – und freut sich ebenfalls über die seltene Aufmerksamkeit. „Fußball, Fußball überstrahlt alles. Hier sieht man, dass andere Sportarten auch noch wertvoll sind“, sagt der Bundestrainer Hermann Weinbuch: „Das gibt uns allen Kraft und tut sehr, sehr gut.“ Im Gegensatz zur Leichtathletik ist der Wintersport im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm fest verankert – dank der geringen Produktionskosten sogar an jedem Wochenende von morgens bis abends. Was allerdings nichts daran ändert, dass die Athleten einen beschwerlichen Kampf führen. Die gute Nachricht: „Ein bissel was kann man bei uns schon verdienen“, sagt Weinbuch. Die schlechte: „Man muss halt der Beste der Welt sein, das ist das Problem.“

Ein Leben als Vollprofi kann sich immerhin Jan Frodeno leisten, dank seines Siegs beim Ironman auf Hawaii als erster Triathlet zum Sportler des Jahres gewählt. Wie ein Model sieht der 34-Jährige in seinem Smoking und den Lackschuhen aus – und ist für Sponsoren nicht nur deshalb interessant. Triathlon ist zu einer Massenbewegung geworden, er gilt als „der neue Marathon“, sagt Frodeno, „wir haben das große Glück, dass wir die Leute mit auf unsere Reise nehmen können. Das gibt unserer Sportart eine andere Perspektive.“

Jan Frodeno feiert bis tief in die Nacht

In den nächsten Tagen fliegt Frodeno zu seiner schwangeren Frau nach Australien – und feiert vorher zusammen mit den Kombinierern bis tief in die Nacht in Baden-Baden. Es ist für die Sportlerwahl kein Nachteil, wenn nicht die großen Stars gewinnen, sondern die Hinterbänkler, die diese Auszeichnung als einen Höhepunkt ihrer Karriere empfinden. Es hat auch schon Abende gegeben, an denen kein einziger Sieger im Kurhaus persönlich anwesend war.

Auch Christina Schwanitz bleibt bis zum Schluss. An der Pilsbar steht sie morgens um halb drei, trägt ihre hochhackigen Schuhe inzwischen in der Hand – und hat eine Idee, wie auch sie für Sponsoren ein bisschen attraktiver werden könnte: „Ich könnte 20 Kilo abnehmen“, sagt sie, „aber dann werde ich nicht mehr Weltmeisterin.“

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Der Titel ist wieder...: einwandfrei "dösbaddelkompatibel". Entrechtet ist niemand und Aufstand ist ebenfalls etwas anderes. Was ist passiert? Nach gefühlten 100 Jahren, in denen der Profitfussball den "zwangs"-gebührenfinanzierten Fernsehsport zu wiederum gefühlten 90 Prozent diktiert, haben "Randsporthöchstleister" nun endlich einmal ein öffentlich hingehaltenes Microphon genutzt, auf dieses abgründige Gefälle hinzuweisen. Hat nur noch gefehlt, das jemand "Sport unter der Lupe" zurückfordert. Für die Jungen unter den Lesern, eine Sportsendung, die noch nicht von den Diktaten der Politik wie der willfährigen Qoutenmedien und der hauseigenen Gremien zu einem wöchentlich wiederkehrenden Worthülsenaustausch über Nichtigkeiten von Millionären in kurzen Hosen mit Einsprenklern aus der "anderen Sportwelt" verkümmert war. Hier war die Vielfalt das non plus ultra und der Sportjournalist hatte nicht nur den Fussball im Kopf. Und der VfB und andere regionale Mannschaften der Ligen 1,2 oder 3 hatten schon damals eine Plattform für mal besseres, mal desaströseres Gekicke. Als Kurzbericht unter der Vielfalt dessen, was Woche für Woche im Sportgeschehen insgesamt passiert/e.

Wenns nach mir ginge: würde kein Fußballer auch nur in die Nähe einer Platzierung unter die ersten zehn bei den Wahlen zu Deutschlands Sportlern gelangen.

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