Stadtführung ohne Überwachung Auffällig und unsichtbar

Jan Georg Plavec, 07.07.2012 18:56 Uhr

Stuttgart - Wer ganz genau hinsieht, erkennt die kleine weiße Kamera, die vom Dach des Bahnhofsturms herabschaut. Wo anderen nur der sich drehende Stern auffällt, da sehen Christian Korherr und Ulrike Hager ein High-Tech-Gerät, mit dem man bis zum Wilhelmsplatz schauen kann. Ja, Überwachungskameras haben auch die Stuttgarter Innenstadt im Blick, und von ihnen unerkannt durch die City zu flanieren, ist fast unmöglich. Wie man es trotzdem schafft, zeigen Korherr und Hager bei ihrer ungewöhnlichen Stadtführung.

Die beiden 36-Jährigen sind Teil der Linzer Aktionsküntlergruppe Social Impact, die unter anderem überwachungsfreie Stadtführungen im Programm hat. Für ihren Besuch in Stuttgart haben sich Korherr und Hager eine Woche lang in der Stadt umgesehen: wo hängen Überwachungskameras? Was haben sie im Blick? Und vor allem: Wer sieht hindurch?


View Die Überwachungskameras sehen nichts in a larger map

Um überwachungsfrei durch die von vielen künstlichen Augen gefilmte Stuttgarter Innenstadt zu gelangen, braucht es eine Art Tarnkappe. Für die Führung besteht diese Tarnkappe aus schutzschildartig geformtem Plexiglas und ist mit halbdurchsichtiger Spiegelfolie überzogen. Kameraaugen können nicht hindurchsehen. Wenn die Gruppe in einer entsprechenden Formation durch die Stadt zieht, kann niemand die Gesichter filmen oder fotografieren.

Die neun Teilnehmer, die am Samstagvormittag bei der ersten von zwei Führungen durch die Innenstadt ziehen, müssen ihre Schilde oft hochhalten. Fast jedes Geschäft auf der Königstraße setzt Überwachungskameras ein. Die meisten hängen laut der beiden österreichischen Stadtführer bei der „Trendbox“. Die künstlichen Augen sollen die Besucher des Nippesladens vom Diebstahl abhalten. Christian Korherr bezweifelt, dass das Prinzip Abschreckung funktioniert: „Keiner weiß, ob am anderen Ende der Leitung überhaupt Sicherheitspersonal zuschaut.“

Auch Banken, die SSB und die Kirche setzen auf Überwachung

Doch nicht nur Geschäftsleute hängen Überwachungskameras auf. Auch Banken, öffentliche Einrichtungen, die SSB oder das Haus der Katholischen Kirche setzen auf Dauerüberwachung. An einem Gebäude der Bundesbank wird die Marstallstraße von einem künstlichen Auge in den Blick genommen - ein Hinweisschild fehlt. Der Landesdatenschutz habe das im Gespräch zur Vorbereitung der Führung interessiert bemerkt, berichtet Ulrike Hager. Man kümmere sich, so die Ansage. Immerhin: von diesem Beispiel abgesehen sei die Beschilderung des überwachten Raums in Stuttgart vorbildlich, loben die Tourführer. Pausen gibt es für die Teilnehmer, die in weißen Ganzkörperanzügen stecken, nur in überwachungsfreien Räumen.

„Die Natur ist der natürliche Feind der Überwachung“, sagt Stadtführer Christian Korherr. Durch Blätter und Äste kann eine herkömmliche Kamera nicht hindurchsehen. Deshalb können sich die Teilnehmer der Tour im Schlossgarten kurz abkühlen – oder unter der Baumreihe in der Königstraße. Auf Stuttgarts Shoppingmeile ist keine lückenlose Überwachung möglich und werde auch nicht praktiziert, sagt Christian Korherr. Das habe die Polizei ihnen versichert. Schon in der Hofeinfahrt zum Büro des Landesdatenschutzbeauftragten wird die Gruppe aber wieder gefilmt – wiewohl das Gerät privat betrieben wird und nicht vom Land.

Im Mittelalter musste jeder ein Licht mit sich führen

Im Schlossgarten erzählen die Linzer Aktivisten von der Geschichte der Überwachung. Im Mittelalter musste nach Einbruch der Dunkelheit jeder Stadtbürger ein Licht mit sich führen – keiner sollte unbemerkt durch die Finsternis ziehen. Ludwig der Vierzehnte kehrte den Spieß um und leuchtete die Pariser Straßen mit einheitlichen Laternen aus. Diese kostspielige Demonstration der Macht wurde als Inbesitznahme des öffentlichen Raums kritisiert. Aus dieser Tradition heraus erklären Korherr und Hager die Überwachung. Sie weisen aber auch darauf hin, dass die Bürger heute etwa durch satellitengeortete Mobiltelefone wieder selbst jene (elektronische) Fackel mit auf die Straße nähmen, die vor Jahrhunderten Pflicht war.

Zur besten Shoppingzeit fällt die Anti-Überwachungs-Gruppe mit ihrem schrillen Outfit natürlich auf. Auf Kommando der Stadtführer gehen die Teilnehmer in Doppelreihe oder Schildkrötenformation, halten ihre Schilder über den Kopf oder gehen auf der Rolltreppe zur Stadtbahn in die Knie. Passanten gaffen, fotografieren oder blicken verschämt weg. Man wolle den Leuten sprichwörtlich einen Spiegel vorhalten, an wie vielen Stellen sie überwacht werden, sagen die Stadtführer aus Linz. Eine Wertung vermeiden sie.

„Die große Masse der Menschen wird erst dann gegen Überwachung sein, wenn sie einen wirklichen Nachteil davon hat“, glaubt Ulrike Hager. Für die oftmals nur subjektive Sicherheit der Überwachungskameras zahlen Passanten den Preis, ständig gefilmt zu werden. Wer darauf keine Lust hat, muss schon einen mannshohen Spiegel vors Gesicht halten, wenn er von der Stephanspassage über die Königstraße Richtung Schlossgarten flanieren will.