Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: Fotograf Daniel Wagner "Der Marienplatz ist eine Betonwüste"

Von Björn Springorum 

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Daniel Wagner, Skate-Filmer, Fotograf und Cordon-Bleu-Liebhaber.

Hat ein Auge für rollende Details: Fotograf und Filmer Daniel Wagner. Foto: Delia Baum
Hat ein Auge für rollende Details: Fotograf und Filmer Daniel Wagner. Foto: Delia Baum

Stuttgart – Jeder Stuttgarter nimmt seine Stadt anders wahr. Der Taxifahrer kennt alle Einbahnstraßen, das Kleinkind alle Spielplätze, die Nachteule alle Dönerbuden, die bis morgens aufhaben. Einen gänzlich anderen Blick auf die Stadt und ihre Architektur haben Stuttgarts Skater. Sie sehen Möglichkeiten, wo andere nur Geländer, Treppen oder Betonpoller sehen, ja, sie können sogar den Bausünden der Stadt noch etwas abgewinnen, wenn sich in ihnen eine gute Möglichkeit für ein paar Tricks verbirgt.

Einer, der ganz genau auf solche Dinge achtet, ist Daniel Wagner. Der überaus sympathische und entspannte Stuttgarter rollt seit fast 20 Jahren durch die Stadt, ist längst ein bedeutender und prägender Fotograf und Filmer der Skateszene. Große Sportmarken oder angesagte Skatemags greifen auf seine Arbeiten zurück. Er war mit seinen Kameras schon von Südafrika bis Helsinki im Einsatz, ist aber auch einfach gern im Stuttgarter Süden zuhause. Was dem 31-Jährigen so gut am Skaten gefällt, dass er sein Hobby gleich zum Beruf machen musste? „Skateboarden ist super vielfältig“, erzählt er und seine Augen leuchten. „Man muss beim Skateboarden früh lernen, einzustecken, aufzustehen und es erneut zu versuchen. Diese Erkenntnis“, findet er, „ist im Leben viel wert.“ Überhaupt sei dieser Sport reich an Lektionen: „Im Skatepark treffen viele Generationen aus den unterschiedlichsten Schichten aufeinander und in all den Jahren habe ich nicht eine Situation erlebt, in der dies zu irgendeinem Problem geführt hätte.“

Seit er als kleiner Junge das erste Mal auf einem Skateboard unterwegs war („Auf Knien“, sagt er schmunzelnd, denn das mit dem Stehen hätte damals noch nicht so gut geklappt), lässt ihn dieser Sport nicht los. Richtig ab ging es bei ihm dann 1999 – wie unzählige andere getriggert durch das Videospiel „Tony Hawk‘s Pro Skater“. „Das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen“, sagt er mit schwärmendem Blick. Dass es nicht beim aktiven Skaten geblieben ist und dabei sogar eine ausgewachsene Karriere als Fotograf und Filmemacher der Skateszene heraussprang, konnte selbst Wagner persönlich lange nicht absehen. „Ich habe damals einfach ohne irgendwelche Hintergedanken das gemacht, was mir Spaß gemacht hat – skaten und fotografieren“, meint er. „Als die Fotos besser wurden, hat sich das herumgesprochen. Und als irgendwann die ersten Fotos in Magazinen gedruckt wurden, war ich ehrlich gesagt ziemlich überrascht, dass ich später noch eine E-Mail bekommen habe, in der stand, dass ich eine Rechnung schreiben durfte.“

Nach zehn Jahren Selbstständigkeit war Wagner mit all den Helden beruflich unterwegs, die er aus den Videospielen und dem Fernsehen kannte. Doch auch wenn er heutzutage nicht mehr nur Skater und ihre Bretter vor der Linse hat, spielt der Sport noch immer eine große Rolle in seinem Leben – und wird das immer tun, wie er betont. Logisch, dass wir uns auch mal mit einem wie ihm über unsere Stadt unterhalten mussten ...

Seit wann lebst du in Stuttgart? Eine eigene Wohnung habe ich hier seit 2008, aber eigentlich habe ich auch schon die Jahre vorher mehr oder weniger bei Stuttgarter Freunden auf dem Sofa gewohnt.

Wo wohnst du heute? Im Lehenviertel, eine schöne Ecke mit hübschen kleinen Cafés und Bars, die ich selber gar nie so auf dem Schirm hatte. Sehr ruhig und dennoch so zentral, dass man auch mal zu Fuß in die Stadt laufen kann.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Als Dorfkind bin ich natürlich zum Skaten schon früher immer in die Stadt gekommen. Da habe ich schnell entdeckt, wie viele neue Möglichkeiten einem so eine richtige Stadt bieten kann – und vor allem wie sehr sich die Jugend dort von der, die nur 20 Kilometer außerhalb wohnt, unterscheidet. Damals waren die Firma Bonn im Radio Barth-Gebäude oder der alte Schlossplatz mit der Freitreppe und dem Skatepark im stillgelegten Tunnel meine Anlaufstelle.

Welche Rolle spielt Stuttgart heute im internationalen Skate-Vergleich? Der Arrow&Beast Shop ist einer der anerkanntesten Shops in Europa und hat auf jeden Fall auch eines der besten Skateshop-Teams. Ansonsten hatte die Stuttgarter Skateszene immer auch international bekannte Namen, seien es Skater wie Matthias Bauer, der ehemalige Europameister in den 80er Jahren, oder der heute noch aktive Profi-Skater Lem Villemin. Auch hinter den Kulissen hat Stuttgart immer Leute gehabt, die einiges bewirkt haben, wie beispielsweise der Filmer Torsten Frank. Allein durch die Produktion seiner Formate waren natürlich immer wieder bekannte amerikanische Profis in der Stadt.

Wo ist deine Hood? Am Hans im Glück Brunnen vor dem Arrow&Beast Shop. Dort trifft man zu jeder Tageszeit immer auf ein bekanntes Gesicht. Leider muss der Laden zum Jahresende umziehen.

Ist Stuttgart eine gute Stadt zum Skaten? Durch die Kessellage auf jeden Fall. Die Innenstadt hat so viele Orte, die gut zum Skaten geeignet sind, dass Stuttgart irgendwann einmal den Spitznamen „Stuttpark“ bekommen hat, denn eigentlich ist die ganze Stadt ein riesiger Skatepark.

Wo ist Stuttgart am schönsten? In Heslach, im Bohnenviertel und eigentlich überall, wenn man etwas den Kesselhang hochkommt.

Wo am hässlichsten? Im Zentrum und momentan natürlich am Hauptbahnhof. Am und im Milaneo oder Gerber ist es auch super hässlich – und der Marienplatz ist eine einzige große Betonwüste.

Ein Daueraufreger in dieser Stadt sind …? Die vielen Baustellen, die ganzen neuen Shopping-Tempel, keine Spätis oder Bars, die kein ordentliches Bier ausschenken.

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: LALA Healthy Livin im Fluxus. Dort gibt es die besten Säfte! Oder das Ritterstüble am Bihlplatz, wo ich auch einige Jahre gewohnt habe.

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Dann kann ich das irgendwie auch verstehen. Ich denke, man muss sich schon irgendwie mit der Stadt identifizieren und einiges in ihr erlebt haben, um sie wirklich schön finden zu können.

Dein Lieblingsrestaurant? Die Imme 14 in der Immenhofer Straße, die haben mit Abstand das beste Cordon-Bleu der Stadt und dazu gibt es ordentliches Gruibinger Brunnenbier.

Was würdest du sofort erlassen oder ändern, wenn du OB wärst? Die Hauptstätter Straße unter die Erde verlegen, das Milaneo abreißen, mehr Bäume in der Stadt pflanzen – in der Johannesstraße geht das doch auch.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Wasser! Ein schöner Fluss oder ein richtiger See würden die Stadt um einiges aufwerten.

Was wolltest du in Stuttgart immer schon mal machen, hast es aber noch nie geschafft? Mit der Zacke fahren. Die Kehrwoche ordentlich durchführen. Auf’s Lichterfest gehen.

Weitere Infos zu Daniel Wagner unter www.danielwagnerphoto.com