Stadtmuseum Stuttgart Ein Glas Feinstaub kommt ins Museum

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Das Stuttgarter Stadtmuseum plant derzeit seine Abteilung über die Jahre von 1950 bis heute. Die Bürger können sich beteiligen, indem sie Berichte oder Fotos einsenden.

Stolz zeigt Markus Speidel die Modellbahn  der Solitude-Rennstrecke. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stolz zeigt Markus Speidel die Modellbahn der Solitude-Rennstrecke. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wie haben sich die 1980er Jahre in Stuttgart angefühlt, welche Themen hat die Menschen in den 1960ern beschäftigt, was waren die Höhepunkte der 2000er Jahre? Diese Fragen haben sechs bekannte Stuttgarterinnen und Stuttgarter, vom Dirigenten Helmuth Rilling bis zum Fußballer Andreas Beck, zuletzt in einer großen Interviewserie der StZ auf persönliche Weise beantwortet. Zugleich waren die Leser aufgerufen – und sind es noch immer –, selbst Geschichten zu erzählen und Berichte zu schreiben. Das Stadtmuseum Stuttgart, das Ende 2017 im Wilhelmspalais eröffnet, will die Abteilung über die letzten 60 Jahre auch mit Hilfe der Hinweise der Bürger entwickeln.

Die bisherigen Rückmeldungen haben Markus Speidel vom Stadtmuseum gezeigt, dass die Erinnerungen an und das vorherrschende Gefühl für ein Jahrzehnt oft mit Musik verbunden sind. Wer ein Lied der Fantastischen Vier hört, sagt dann oft: „Ja, das war Stuttgart in den 90er Jahren.“ Es habe sich auch eine Band bei ihm gemeldet, die in den 70er Jahren im Bunker unter dem Diakonissenplatz geprobt habe; weil dort ziemlich viel Abfall herumlag, nannte sich die Gruppe folgerichtig „Müll“.

Auch das ganz Alltägliche kann interessant sein

Ein anderer Bericht beschäftigte sich mit der Halfpipe unter dem Kleinen Schlossplatz; der Ort hieß bei den Jugendlichen makabrerweise „Gaskammer“. Und natürlich spielt die große Politik immer wieder im Kleinen auch in Stuttgart: Ein Leser erzählte von seiner Flucht aus der DDR in den 60er Jahren und wie mühselig der Start danach in Stuttgart war.

Noch immer freut sich das Stadtmuseum über Beiträge, und zwar gerne auch über ganz alltägliche Erlebnisse und Gegebenheiten. „Viele glauben, sie dürften sich nur melden, wenn sie etwas Besonderes erlebt hätten, aber das ist falsch“, sagt Markus Speidel: „Was für einen selbst normal ist, kennen die später Geborenen einfach nicht mehr.“ Vielmehr geht es dem Stadtmuseum darum, das Lebensgefühl der Menschen in der Zeit seit 1950 herauszufiltern, ihre Wohn- und Lebenssituation kennenzulernen und auch zu erfahren, was die Menschen bewegt hat jenseits der privaten Themen. Fotos sind willkommen. Mit manchen Personen möchte das Stadtmuseum gerne Kurzinterviews führen, die später in der Ausstellung als Film zu sehen sind.

Wie diese Abteilung im ersten Obergeschoss des Stadtmuseums aussehen könnte, darüber haben die Leiterin Anja Dauschek und ihr Team mittlerweile etwas konkretere Vorstellungen. Es soll sechs Themengebiete geben, und jedes wird mit zwei oder drei Objekten ver­anschaulicht. An einem Medientisch mit Fotos und Filmen kann dann jeder Besucher ein Thema, das ihn besonders interessiert, vertiefen.

Das Megathema „Auto“ darf natürlich nicht fehlen

Diese Bereiche sind: die Kultur vom Ballett bis zu den Wagenhallen, der Sport vom VfB bis zum Leuze, das Auto vom Sportwagen bis zum Österreichischen Platz, das Bürgerengagement von der Kehrwoche bis zur Anti-Atomkraft-Demo, die Kreativität vom Design bis zur Architektur und die Gesellschaft von den Gastarbeitern bis zur eingetragenen Partnerschaft. Es geht also um Querschnitte, nicht um Chronologie.

Um die richtigen Objekte zu finden, sind Markus Speidel und seine Kollegen ständig unterwegs, real und im Internet. Nach langem Suchen hat er zum Beispiel jetzt bei Ebay eine Spielzeugrennbahn aus den 1960er Jahren ersteigert, die den Solitude-Ring mit den berühmten Autorennen nachahmt. Diese Modellbahn könnte ein Objekt im Bereich „Auto“ sein, vielleicht ergänzt um ein Glas voller Feinstaub und um ein Modell des Charlottenplatzes, der nach dem Krieg mehrfach für Auto und Stadtbahn umgebaut worden ist. Das Megathema „Auto“ könnte so in seinen positiven wie negativen Facetten angerissen werden. Denkbar wären dazu zwei kurze Filme – ein Stuttgarter erzählt, wie Daimler für den Lebensunterhalt sorgt, ein anderer, wie er unter den Abgasen am Neckartor leidet.