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Stuttgart 21 Augen zu und durch

Marc Schieferecke, 20.02.2013 09:00 Uhr

S-Mitte - Karl-Stephan Quadt sieht es so: „Es wird einem ganz warm ums Herz, dass hier endlich mal was passiert.“ Quadt sitzt für die Sozialdemokraten im Bezirksbeirat Mitte. Dort ist seine Freude keineswegs mehrheitsfähig. Die mit Abstand größte Fraktion stellen die Grünen. Die Gemeinschaft von SÖS und Linken zählt ebenso viele Köpfe wie die der Sozialdemokraten.

Quadt ist ein Freund von Stuttgart  21. Ihn nervt, dass die Bahn ihr Großprojekt nicht auf die Reihe bekommt, und seine Freude gilt der Tatsache, dass eine Baustelle am Bahnhof sauber durchgeplant ist – von der SSB AG, nicht von der Bahn. Es geht um den Neubau, der teils unter-, teils überirdischen Stadtbahn-Strecke für die U 12 zwischen Haupt- und Nordbahnhof, deren Hauptbauwerke zwei Tunnelröhren und eine 145 Meter lange Brücke über die Wolframstraße sind.

Laut SSB ist bauen tatsächlich billiger als ein Verzicht

Vor allem die Grünen im Bezirksbeirat empfinden wie zu erwarten beim Blick auf die Pläne anders als Quadt. „Wäre es denkbar, dass die U 12 fährt, wenn Stuttgart 21 wesentlich später in Bau geht oder gar nicht kommt?“, fragt Annegret Breitenbücher. Auf der untersten kommunalpolitischen Ebene, wo Parteienzank allenfalls im Ausnahmefall eine Rolle spielt, bekommt sie darauf die Antwort: „Wir machen das jetzt nach dem Motto Augen zu und durch, unabhängig davon, was passiert.“ So sagt es Winfried Reichle, der bei den Straßenbahnern für die Bauplanung zuständig ist. Die SSB sei tatsächlich über den Punkt hinaus, an dem „es günstiger ist zu bauen, als die beauftragten Firmen zu entschädigen“.

Eine kommunalpolitische Ebene höher, im Gemeinderat, ist die Sprachregelung eine andere. Dort gilt das Argument, dass Zuschüsse für das Projekt nur fließen, wenn die gesamte geplante Stadtbahn-Trasse verwirklicht wird. Die beginnt in Vaihingen und endet in Remseck. Ungeachtet dessen wären große Teile der neuen Strecke vom Hauptbahnhof in Richtung Nordbahnhof unnötig, sollte der Tiefbahnhof tatsächlich nicht gebaut werden. Die bisherige Röhre des Stadtbahntunnels ist schlicht dem Neubau der Bahn im Weg. Außerdem soll mit der verlegten Strecke das hinter dem Hauptbahnhof geplante Stadtquartier erschlossen werden.

Nach jüngstem Stand des Zeitplans soll die U 12 vom Jahr 2016 an auf der neuen Trasse fahren. Die Baustelle wird vorbereitet, was seit einigen Wochen an den Baken und verschwenkten Spuren auf der Heilbronner Straße offensichtlich ist. Im März soll die eigentliche Arbeit beginnen.

Bisher hatten Termine eine begrenzte Gültigkeit

Gemessen an den Erfahrungen der Vergangenheit haben Termine bei dem Projekt allerdings eine begrenzte Gültigkeit. Ursprünglich wollten die Straßenbahner im Jahr 2011 mit dem Bau beginnen. Wegen des Zoffs ums Großprojekt verschoben sie den Start auf den Sommer 2012, dann auf den Herbst 2012 und zurzeit eben auf den März 2013. Gründe für die jüngste Verspätung sind laut Reichle die Probleme der Bahn mit der Genehmigung des Grundwassermanagements. Außerdem solle die Bahn den Aushub der SSB-Baugruben abtransportieren. Die Logistik dafür stehe aber noch nicht zur Verfügung. „Ohne Stuttgart 21 könnten wir heute anfangen“, sagt Reichle.

Womöglich wird bei einer der nächsten Sitzungen des Bezirksbeirats Mitte ein wieder neuer Planungsstand verkündet. Ursprünglich wollte die Bahn den Lokalpolitikern am 4. Februar Auskunft über ihren aktuellen Stand der Planung zu S 21 geben. Das Unternehmen hat den Termin abgesagt, „aus nachvollziehbaren Gründen“, meint die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. Am 5. März will der Aufsichtsrat des Unternehmens beraten, wie das Großprojekt trotz massiver Mehrkosten fortgeführt wird.