Stuttgart 21 Die Bahn verstößt gegen den Artenschutz

Markus Heffner, 03.12.2012 20:15 Uhr

Stuttgart - Sie steht nicht nur in Deutschland auf der roten Liste der streng zu schützenden Tierarten: die Zauneidechse, die in Städten vorzugsweise auf den Schotterflächen von Gleisanlagen ihren Lebensraum findet. Bei Arbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist nun offenbar beim Umgang mit entdeckten Populationen gegen Auflagen verstoßen worden, was wohl etliche Tiere nicht überlebt haben dürften. Es sei ein Umweltschaden entstanden, der gegebenenfalls zulasten einzelner Zauneidechsen gegangen sei, bestätigte der S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich am Montag auf Anfrage.

Aufgrund der beengten örtlichen Situation und der Anzahl der insgesamt nachgewiesenen Tiere ist nicht davon auszugehen, dass alle betroffenen Tiere adäquate Ausweichhabitate finden konnten. Aus einem Schreiben der Gruppe für ökologische Gutachten (GÖG)

Zwischenzeitlich hat die Bahn den Vorgang beim Eisenbahnbundesamt (Eba) angezeigt, das den Fall nun untersucht. Betroffen ist dabei zum einen der Bereich des Feuerbacher Bahnhofs, der momentan umgebaut wird. Unter anderem müssen hier Fundamente für neue Oberleitungsmasten betoniert und Bahnsteige umgebaut werden, weil während der Hauptbaumaßnahmen von Stuttgart 21 zwei zusätzliche Gleise benötigt werden. Bei Untersuchungen vor Ort, die von der Gruppe für ökologische Gutachten (GÖG) durchgeführt wurden, war im Sommer eine Population von mindestens 70 Tieren entdeckt worden. Um zu verhindern, dass sich die wechselwarmen Zauneidechsen ihr Winterquartier im Bereich der Baustellenfläche suchen, hatten die Gutachter angeordnet, bestimmte Schotterflächen mit Folie abzudecken.

Folien sollen Eidechsen vertreiben

Nun wurde festgestellt, dass die beauftragte Firma die so genannte Vergrämungsfolie in einem zu großen Bereich ausgelegt hat – mit schwerwiegenden Folgen für die Tiere, wie die GÖG-Gutachter betonen. „Durch das Abdecken wurde der den Tieren zur Verfügung stehende Lebensraum deutlich reduziert“, heißt es in einem dreiseitigen Schreiben an die Bahn. „Aufgrund der beengten örtlichen Situation und der Anzahl der insgesamt nachgewiesenen Tiere ist nicht davon auszugehen, dass alle betroffenen Tiere adäquate Ausweichhabitate finden konnten.“

Eine weitere Population Zauneidechsen war am Ostportal des Pragtunnels entdeckt worden, auch dort wurde den Tieren laut Gutachter beim Abdecken zu wenig Lebensraum gelassen. Zudem sei „die Vergrämung Anfang September und somit recht spät im Jahr durchgeführt worden“.

Bahn will Maßnahmen zur Wiedergutmachung ergreifen

Die Folien, mit denen eine Besiedelung von Arbeitsflächen verhindert wird, sollen nun auf Empfehlung der Gutachter wieder entfernt werden. Für jene Eidechsen, die noch kein geeignetes Quartier gefunden haben, kommt diese Maßnahme aber wohl zu spät: die Tiere befinden sich längst in der Winterstarre. Die Flächen seien entgegen der Weisung und ohne das Wissen der Bahn abgedeckt worden, betont Dietrich. Der Sachverhalt sei von eigenen Umweltexperten bei einer Inspektion festgestellt worden. Die Bahn habe daraufhin sofort reagiert und das Gelände von einem externen Gutachter untersuchen lassen.

Das abschließende Urteil besagter Gutachter fällt derweil eindeutig aus: „Somit ist von einer Verwirklichung der Verbotstatbestände nach Bundesnaturschutzgesetz auszugehen“, heißt es in dem Schreiben. Die Bahn will nun in Abstimmung mit Experten für Artenschutz Wiedergutmachungsleistungen veranlassen, so Dietrich. „Ein Konzept wird derzeit erarbeitet.“