Stuttgart 21 Höhlenforscher sollen schweigen
Thomas Braun, 02.02.2011 11:27 Uhr
Die Bleßberghöhle in Thüringen wurde während der Bauarbeiten für die ICE-Strecke Nürnberg–Erfurt entdeckt – und dann zubetoniert. Foto: dpa
Die Bleßberghöhle in Thüringen wurde während der Bauarbeiten für die ICE-Strecke Nürnberg–Erfurt entdeckt – und dann zubetoniert. Foto: dpa
""Es gibt noch keine festen Abmachungen, das ist alles noch in der Schwebe.""
Petra Boldt, Vorsitzende Höhlenforscherverband

Stuttgart - Die Sache klingt kurios wie so manches im Zusammenhang mit dem umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Noch während der Schlichtungsgespräche im Stuttgarter Rathaus hatte der von der Bahn beauftragte Ingenieur Walter Wittke mit Inbrunst versichert, die geologischen Risiken beim Tunnelbau für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm im Albkarst seien dank präziser Voruntersuchungen zu vernachlässigen.

Doch die baden-württembergischen Höhlenforscher trauen Wittkes Versicherungen offenbar nicht so ganz. Sie haben der Deutschen Bahn jedenfalls vorsorglich ihre Kooperation angeboten. Im Bedarfsfall stünden die Forscher bereit, neu entdeckte Hohlräume unter der Erde zu erkunden, hatte die Vorsitzende des Landesverband für Höhlen- und Karstkunde, Petra Boldt, kürzlich stolz verkündet. Und: "Die DB hat konkretes Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns gezeigt."

Zwar beteuert die Bahn auch weiterhin, die Risiken im Untergrund seien entweder nicht vorhanden oder zumindest beherrschbar. Doch der Konzern hat vorgebaut: Nach StZ-Informationen hat die Bahn die Kooperation mit den ehrenamtlichen Höhlenforschern davon abhängig gemacht, dass diese zumindest während der Bauzeit "strikte Vertraulichkeit" zu wahren haben. Sollten die Mineure der Bahn also unerwartet auf unbekannte Hohlräume stoßen, dürfe dies der Öffentlichkeit gegenüber zunächst nicht kundgetan werden. Manche Speläologen (so der lateinische Begriff für Höhlenforscher) haben kein Verständnis für den "Maulkorb", der Dachverband aber spielt die Thematik herunter. "Es gibt noch keine festen Abmachungen, das ist alles noch in der Schwebe", sagt die Verbandsvorsitzende der Höhlenforscher, Petra Boldt. Man habe verschiedene Möglichkeiten der Kooperation durchgespielt.

Beim Kommunikationsbüro des Bahnprojekts heißt es, im Februar werde es ein erstes Treffen geben. Zugleich wird versichert, dass solche Schweigeparagrafen nichts Unübliches oder gar Anrüchiges im Geschäftsleben seien. Schließlich sei es wenig hilfreich, wenn unausgegorene Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, heißt es. Das entspricht der sogenannten One-Voice-Strategie der Konzernspitze in Sachen Öffentlichkeitsarbeit.

Ausgebremste Höhlenspezialisten


Manche Höhlenspezialisten fürchten dagegen schlicht, in ihrem Forscherdrang ausgebremst zu werden, und erinnern an den Fall der Bleßberghöhle, die im März 2008 beim Bau der Schnellbahntrasse Nürnberg-Erfurt im Thüringer Karst entdeckt worden war. Arbeiter versuchten damals zunächst, die riesige Tropfsteinhöhle mit mehreren Hundert Kubikmeter Beton zu verfüllen. Nachdem dies wirkungslos blieb, schaltete die Bahn zunächst das Eisenbahnbundesamt ein, auch Höhlenforscher wurden hinzugezogen.

Deren Bitten, die Höhle für eine spätere Erforschung zugänglich zu halten, wurde vom Konzern erst einmal ignoriert. Der örtliche Bund für Umwelt und Naturschutz erstattete daraufhin Anzeige wegen Verstoßes gegen das europäische Naturschutzrecht. Wenige Tage später stellte die Bahn auf öffentlichen Druck die Tunnelgrabung vorübergehend ein, um den Forschern zwei Wochen Zeit für eine Erkundung einzuräumen. Bereits nach sieben Tagen jedoch wurde die Höhle verschlossen. Der Chef des Thüringer Höhlenvereins warf der Bahn einen Bruch der Absprachen vor.

Der baden-württembergische Landesverband der Speläologen nimmt offiziell zu Stuttgart 21 eine neutrale Position ein. Dennoch gibt es kritische Mitglieder, die die von der Bahn geforderte Vertraulichkeit als "Diktat" kritisieren. Es stehe im Widerspruch zu der von Bahn-Chef Rüdiger Grube zugesagten transparenten Informationspolitik. Andere argumentieren, das Angebot zur Kooperation könne Konflikte wie in Thüringen verhindern.

Bei der Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist die Bahn übrigens weniger rigide, was Auskünfte angeht. So durfte dieser Tage ein Vertreter des Landesdenkmalamts ohne Bahn-Pressesprecher an seiner Seite über archäologische Funde berichten, die bei der Erkundung der ICE-Strecke über die Alb entdeckt worden sind. Sein Fazit: es sei "spannend, wie viel auf dieser Trasse anfällt".
Kommentare (92)
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FEB
07
Eisenbahner, 17:46 Uhr

Langsam fahren - nicht Sinn der Neubaustrecke!

Werter Hoss, "Die NBS ist für Personenzüge schneller braucht jedoch mehr Energie, die Altbaustrecke ist langsamer und braucht dafür aber weniger Energie." Nicht die Altstrecke braucht weniger Energie, sondern eine geringere Geschwindigkeit. Sie können auch auf der NBS langsam fahren. Pi * Daumen können Sie mit der Energie, die Sie auf der Altstrecke verbrauchen mit wechselnden Geschwindigkeiten 70 bis 160 und dem Umweg, immer noch durchgehend 180 auf der NBS fahren und sind damit in unter 40 min. in Ulm gegenüber 54 Minuten auf der Altstrecke. Das ist aber nicht Sinn und Zweck des ICE-Verkehrs und einer teuren Strecke. Die IRE werden dagegen genau das tun. "Ich wehre mich nur gegen die Aussage, daß sich bei der NBS Zeit und Energie sparen ließe, diese Aussage wäre so nicht korrekt." Wenn wir gleiches mit gleichem vergleichen, schon. Das bedeutet, entweder ABS mit NBS in Maximalgeschwindigkeit vergleichen oder Altstrecke mit NBS in gleicher Höchstgeschwindigkeit, wie von den IRE befahren. In beiden Fällen gewinnt die NBS klar nach Energieaufwand UND Zeitersparnis. "Schade bei der NBS ist aus meiner Sicht auch die Tatsache, daß ein Großteil der Fahrt über unsere schwäbische Alb dann im Tunnel verläuft, Externe müssen dann mit S21 und NBS bei einer Durchfahrt durch BW ja denken, daß wir Einiges zu verbergen haben." Trösten Sie sich, das geht den Westerwäldern, den Unterfranken und den Nordhessen genauso. Die sind allerdings mächtig stolz auf ihre Schnellstrecken und fahren sehr gern. Wenn Sie mal eine Zugfahrt von Frankfurt nach Köln erlebt haben, auch die Geschwindigkeit an sich ist ein Erlebnis. Besonders, wenn sie mit 300km/h direkt neben der Autobahn langfahren, wo sich ein getunter Golf mit gequälten 110km/h den Elzer Berg hochwurschtelt... Es tut mir leid, aber wenn der ICE1 quietschend und mit Querbeschleunigung die Geislinger Steige raufeiert, dann hat niemand so recht Spaß am Bahnfahren. Am Rhein ist das anders, die Fahrt von Frankfurt nach Köln über Koblenz ist was für Romantiker mit einer Stunde zuviel Zeit... "Das Ganze führt wiederum zum Ausgangspunkt zurück, die NBS ist für ICE-Verkehr optimal, für Güterzüge gänzlich ungeeignet und daher nicht wirtschaftlich." Dieser Schluss ist nicht zulässig. Bei keiner einzigen Hochgeschwindigkeitsstrecke entscheidet der direkte Güterverkehr über wirtschaftliches Wohl und Wehe, auf den meisten in Deutschland findet gar kein Güterverkehr statt. Auf der erwähnten NBS Köln-Rhein/Main noch nicht einmal schneller Regionalverkehr, dort darf nur der ICE3 fahren. Grüße

FEB
07
Eisenbahner, 17:15 Uhr

Eisenbahnphysik leicht gemacht

Werter Albert, "Sie unterschätzen Luftwiderstand und Rollreibung! " Im Gegenteil. Hr. Ostermann und ich haben klar ausgeführt, dass Arbeit gegen Luft- und Rollreibung den Löwenanteil des Energieverbrauchs ausmachen. Nur gelten sie, bei ähnlichen angenommenen Geschwindigkeiten, eben auch für beide Strecken (ABS und NBS) gleich. Die Neubaustrecke hat dabei höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten, die Altstrecke macht einen Umweg. Das dürfte sich unterm Strich etwa ausgleichen. Ich habe lediglich versucht, den zusätzlichen Energiebedarf für a) Höhenerklimmung und b) zusätzliches Beschleunigungsmanöver zu berechnen, um einen Gefühl zu vermitteln, welche Energie bei den Spezifika der jeweiligen Strecke zusätzlich aufgenommen wird. Hierbei anschließend die Bemerkung, dass die Lageenergie der NBS besser wiedergenutzt werden kann als die kinetische Energie bei der ABS. "Sie sehen also, wir sind im richtigen Leben und da bestimmt eben der Widerstand die Kosten. " So ist es. Aber warum schreien dann soviele S21-Gegner, der Höhenunterschied sei das Problem und die Neubaustrecke deshalb unwirtschaftlich/umweltschädlich/verdammenswert? Wenn wir mal die Überschlagsrechnung vergleichen, Ihr Kollege gibt für die 21minütige Fahrt des Zuges einen Energieverbrauch von 974 kWh an. Aufgrund der höheren Durchschnittsgeschwindigkeit auf der NBS dürfte es in unserem Beispiel mehr sein, deutlich vierstellig. Meine Berechnungen für den zusätzlichen Energieaufwand allein aufgrund des Höhenunterschieds von 160m kommen zum Ergebnis: 276 kWh brutto zusätzlich. Davon können ein Gutteil wieder in Beschleuning umgesetzt werden. Ergo: Der Höhenunterschied ist energetisch drittrangig und spart in der Gesamtrechnung im Vergleich zur Altstrecke noch Energie. Grüße

FEB
07
Hoss, 16:56 Uhr

Na also

Werter Eisenbahner, jetzt haben wir es doch geschafft und beide Recht behalten: Die NBS ist für Personenzüge schneller braucht jedoch mehr Energie, die Altbaustrecke ist langsamer und braucht dafür aber weniger Energie. Ich wehre mich nur gegen die Aussage, daß sich bei der NBS Zeit und Energie sparen ließe, diese Aussage wäre so nicht korrekt. Schade bei der NBS ist aus meiner Sicht auch die Tatsache, daß ein Großteil der Fahrt über unsere schwäbische Alb dann im Tunnel verläuft, Externe müssen dann mit S21 und NBS bei einer Durchfahrt durch BW ja denken, daß wir Einiges zu verbergen haben. Das Ganze führt wiederum zum Ausgangspunkt zurück, die NBS ist für ICE-Verkehr optimal, für Güterzüge gänzlich ungeeignet und daher nicht wirtschaftlich. Wir hätten dringendere Projekte zu realisieren in BaWü, aber rationale Maßstäbe erübrigen sich im Zusammenhang mit S21 von selbst, das Ding soll gebaut werden, koste es was es wolle.

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