Stuttgart 21 Streit über den Brandschutz

Von  

Für Christoph Engelhardt von der Plattform „Wikireal“ war es, wie der vehemente S-21-Kritiker selbst sagt, „ein Quantensprung“. Engelhardt diskutierte mit der Bahn über seine Kritik am Brandschutz – und handelte sich dabei eine Abfuhr ein.

So stellt sich die Bahn die Situation im Tiefbahnhof vor – hier noch ohne die neuerdings  geplanten acht Fluchttreppenhäuser. Foto: Aldinger+Wolf
So stellt sich die Bahn die Situation im Tiefbahnhof vor – hier noch ohne die neuerdings geplanten acht Fluchttreppenhäuser.Foto: Aldinger+Wolf

Stuttgart - Für Christoph Engelhardt von der Plattform „Wikireal“ war es, wie der vehemente S-21-Kritiker selbst sagt, „ein Quantensprung“. Erstmals konnte er, der im Frühjahr im Gemeinderat kein Rederecht bekommen hatte, offiziellen Stellen seine Bedenken wegen der sogenannten Entfluchtung, also der Räumung des neuen Tiefbahnhofs im Brandfall, vortragen: Am Dienstag war er bei Frank Knödler, dem Chef der Stuttgarter Branddirektion, und auf dessen Vermittlung am Mittwoch im Arbeitskreis Brandschutz, in dem die Experten von Bahn, Stadt und Regierungspräsidium sitzen. Doch die Hoffnung Engelhardts, in der Sache weiter zu kommen, erhielten tags drauf einen herben Dämpfer. „Keine neuen Erkenntnisse“, schreibt der S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich lapidar in einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage der StZ. Mehr noch: „Die Anfragen zu dem Treffen lehren alle Beteiligten, dass eine vertrauensvolle Anhörung DIESER Projektkritiker zu laufenden Themen in bestehenden und hervorragend funktionierenden Runden wie dem Arbeitskreis Brandschutz nicht möglich ist“, formuliert Dietrich mitsamt der unübersehbaren Großschreibung, die keinen Platz für Interpretationen lässt.

Kritik an bisher angewendeten Berechnungsmodellen

Engelhardt kritisiert an den bisherigen Modellen für die Entfluchtung, dass die Zahl der Personen, die den Bahnhof verlassen müssen, zu niedrig angesetzt sei. Insgesamt würden „nur 50 bis 70 Prozent der Reisenden angenommen, die im Betriebsprogramm geplant sind“, sagte er. So werde beispielsweise die Doppelbelegung eines Bahnsteigs mit voll besetzten Regionalzügen, also wenn zwei Züge gleichzeitig halten, nicht ausreichend berücksichtigt. Statt dessen würden Regionalzüge als Maßstab für die „höchste Maximalbelegung“ genommen, die in dieser Form bei S 21 gar nicht fahren würden. Allein das führe dazu, dass mit rund 40 Prozent mehr Personen gerechnet werden müsse. Auch die Zahl der Wartenden sei zu gering angesetzt – statt der in Richtlinien genannten 30 seien es nur 15 Prozent der Plätze in einem Zug. Insgesamt kommt Engelhardt damit auf rund 6500 Personen auf jedem der vier Bahnsteige für die acht Gleise des neuen Tiefbahnhofs, während die Bahn bisher von einer Zahl von gut 4000 ausgeht, die sich auf die rund 16 000 Personen summiert, die in ihrem Modell im Brandfall den Bahnhof verlassen.

Anders als die Bahnexperten erwartet Engelhardt weitere Probleme dadurch, dass die Bahnsteige für die erwarteten Personenströme seiner Meinung nach zu gering dimensioniert sind. Auch hier seien Doppelbelegungen von Zügen und die höheren Reisendenzahlen in den Regionalzügen nicht berücksichtigt worden. Für„völlig unrealistisch“ hält Engelhardt auch die Annahme der Bahn, dass 40 Prozent der S-Bahn-Umsteiger den längeren Weg über die Einkaufsebene nehmen und damit nicht die kritischen engen Bereiche auf dem direkten Weg von Bahnsteig zu Bahnsteig nutzen. Bei der Präsentation dieser sogenannten Personenstromanalyse habe die Bahn zudem den Stadträten eine Folie präsentiert, die die Situation besser darstelle als auf der Bahnsteigebene: Allein dort gebe es 61 Bereiche, die nach internen Bahnkriterien nicht akzeptabel seien und hinter dem für den Tiefbahnhof anvisierten Standard blieben. Engelhardt spricht insgesamt von einem „desaströsen Bewegungskomfort“, der sich trotz des Einbaus von acht Fluchttreppenhäusern auch auf die Sicherheit und Evakuierungszeit im Brandfall negativ auswirken werde.