Stuttgart 21 Tag des Abrisses spaltet Stadt
Susanne Janssen und Wolfgang Schulz-Braunschmidt, Fotos: Vogt, 25.08.2010 21:52 Uhr
vorherige Bild 1 von 6 nächste
 Foto: Zweygarth
Foto: Zweygarth
""Ich habe so eine Wut im Bauch. OB Schuster verschanzt sich im Rathaus wie in einem Bunker.""
Der Stuttgarter Architekt Roland Ostertag

Stuttgart - Die Trommelwirbel sind schon von weitem zu hören. Mitten auf der B 27, zwischen Bahndirektion und Hauptbahnhof, flackern Blaulichter. Zwischen dem Polizeikordon sitzen etliche Demonstranten auf dem Asphalt: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Bahnhof klaut." Dessen Nordflügel ist verbotenes Gebiet. Vor dem mit Plakaten geschmückten Bauzaun hat die Polizei Bereitschaftspolizisten aufgereiht, die ein zusätzliches Absperrgitter beschützen sollen. In den Einsatzanzügen stecken junge Gesichter, die den Blickkontakt zum Gegenüber möglichst meiden. Ein Abrissbagger steht bereit. Als dessen Greifarm sich langsam hebt und die Hydraulikschläuche unter dem aufgebauten Druck zucken, schwillt auf dem Bahnhofsvorplatz ein Pfeifkonzert an. "Aufhören, aufhören", skandieren die anfangs rund 800 Demonstranten.



Es ist vergeblich. Um 14.25 krallt sich der Greifer in die Dachkante des Nordflügels, eine Staubwolke steigt in den blauen Himmel, Steine fallen. "Das ist eine Schande und Barbarei", schimpft eine Demonstrantin. Es sei beschämend, wie rücksichtslos Stuttgart mit seinen architektonischen Kulturdenkmälern umgehe. "Erst das Kaufhaus Schocken und das Kronprinzpalais und jetzt der Bahnhof."

Hinter dem Bauzaun fliegen weitere Steine


Immer wieder beißt sich der Bagger in den Nordflügel. Hinter dem Bauzaun fliegen weitere Steine, vor der Polizeikette wächst die Zahl der Demonstranten. Mittendrin steht einer der prominentesten Kämpfer gegen Stuttgart 21, der Schauspieler Walter Sittler. "Der Abbruch ist ein Zeichen der Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber der Bevölkerung." Das Projekt Stuttgart 21 sei zu teuer, seine demokratische Legitimation fragwürdig.



Ein Rentnerehepaar aus Waiblingen ist eigentlich zum Einkaufen in die Landeshauptstadt gekommen. Jetzt schauen die beiden konsterniert auf die bröckelnde Fassade. "Der Hauptbahnhof ist doch ein Stück Stuttgart", sagt die Seniorin fassungslos. Für viele Demonstranten ist der Beginn des Abbruchs ein Symbol für die Entfremdung zwischen Staat und Bürgern. "Für mich wird gerade ein alter Freund umgebracht", sagt ein Rechtsanwalt im feinen Tuch. "Der Bonatzbau war eine Insel im Meer der seelenlosen Glas- und Betonmoloche, die die Innenstadt verschandeln."

Kommentare (51)
Anzeigen
AUG
27
Platzwart, 10:08 Uhr

Platz für Demonstranten

Die Demonstranten sollen doch froh sein, dass der Nordflügel abgerissen wird, denn 1. Haben sie dann mehr Platz zum Demonstrieren (und müssen nicht mehr auf Kreuzungen ausweichen) und 2. Wäre ihnen sonst am Ende noch langweilig geworden!

AUG
27
Klartext, 00:14 Uhr

Darstellung in den Medien

@ Vielen Dank für die Grüße aus Berlin! Die Darstellung in den Medien ist wirklich interessant: Seit die Proteste gegen S21 zunehmen hat die FAZ, die den Bonatz-Bau bis dahin als Denkmal würdigte und S21 eher kritisch sah umgeschwenkt. Timo John schreibt für die FAZ ist doch aber auch im Kreisvorstand der CDU Stuttgart, oder?

AUG
27
Monte, 00:05 Uhr

Irrational

Interessierte Leserin, 26.08.2010 "....Wenn so viele Menschen verschiedenen Alters "die Nase vollhaben" von der Politk in ihrer Stadt, dann dann ist da etwas faul! Wohin ist unsere Demokratie gekommen, wenn die Polzei eine Baustelle vor den eigenen Bürgern schützen muß?" Gegenfrage: wohin kommt die Demokratie, wenn die Entscheidungen aufder Strasse gemacht werden ??? Wer mehr Menschen mobilisiert, lauter ist, die "Medien gewinnt " bestimmt ??? Wer mehr schwangere Frauen auf Strassenkreutungen bring, mehr ruehrselige Rentner.. mehr gefuehle zeigt hat die Macht ??? Ist das wirklich die Loesung. Muss wirklich jeder gefragt werden ???? Eine Volksdemokratie der 85 Millionen ????? Das Empfinden der Strasse bestimmt den Geschmack. Das Bild, welches unsere Politiker in den letzten Jahren abgeben haben war wirklich schlecht .. ok,. gebe ich zu... aber Irrationalitaet kann Volksvertreter nicht ersetzten. Und aus einem Flaschmob darf kein Lynchmow werden ! Wehret den Anfaengen !!!

Kommentar-Seite 1  von  17