Stuttgart-21-Wasserwerferprozess Hartnäckigkeit der Gegner überrascht Kommandanten

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Ein Beamter berichtet, dass er sich am „schwarzen Donnerstag“ wunderte, weil die Demonstranten vor den Wasserwerfern ausharrten. Dass es Verletzte gegeben hat, habe er erst am Abend erfahren, als der Einsatz vorüber war.

Der Kommandant eines Wasserwerfers sagt in dem Verfahren aus. Foto: dpa
Der Kommandant eines Wasserwerfers sagt in dem Verfahren aus.Foto: dpa

Stuttgart - Eine zentrale Frage taucht im sogenannten Wasserwerferprozess an jedem Sitzungstag auf. „Haben Sie im Laufe des Tages Verletzte im Schlossgarten gesehen?“ Bisher haben alle Zeugen diese Frage verneint, so auch der Wasserwerferkommandant, der am Freitag als Zeuge aussagt. Den zweiten Teil der Frage, den die Vorsitzende Richterin und ihre Kollegen nachschieben, beantwortet der 52 Jahre alte Polizeihauptmeister als erster Zeuge aber anders als alle vor ihm. Dass Demonstranten Fotos hochhielten, auf denen „eine männliche Person“ zu sehen war, das habe er erkannt, sagt der Polizist. Dass jedoch auf dem Bild der bei dem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz schwer verletzte Dietrich Wagner zu sehen war, habe er aus der Fahrerkabine des Wasserwerfers nicht sehen können, fügt der Zeuge hinzu.

Die Frage nach den Verletzten – und damit auch die Antwort des 52-jährigen Polizeihauptmeisters aus Biberach – ist deshalb so bedeutsam, weil es ein zentrales Anliegen der Verfahrensbeteiligten ist, herauszufinden, ob die beiden Angeklagten im Verlauf des Einsatzes etwas von verletzten Demonstranten mitbekommen haben.Den hochrangigen Polizeibeamten wirft die Anklage vor, bei dem Einsatz am 30. September 2010 im Schlossgarten gegen Stuttgart-21-Gegner nicht eingegriffen zu haben, als durch den Strahl des Wasserwerfers mehrere Menschen verletzt wurden, einige von ihnen sogar schwer. Vier Verletzte treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Der 42-jährige Polizeioberrat und der 48-jährige Polizeidirektor waren an jenem Tag, der als „schwarzer Donnerstag“ in die Geschichte der Stadt einging, als Einsatzabschnittsleiter tätig. Sie sollten die Räumung eines Teils des Schlossgartens koordinieren, weil dieser abgesperrt werden sollte. Die Bahn fing am 1. Oktober an, Bäume im Baustellenbereich zu fällen.

Noch nie hat der Kommandant im Einsatz Verletzte erlebt

Er habe erst abends, als er im Hotel angekommen sei, mitbekommen, was das Bild tatsächlich zeigte, dass die Demonstranten hochhielten. Kollegen hätten das Foto des Dietrich Wagner, der aus den Augenhöhlen blutete, im Fernsehen gesehen. In keinem früheren Einsatz habe er erlebt, dass Menschen durch Wasserwerfer Verletzungen erlitten hätten, schildert der Polizist.

Ein Nebenklagevertreter will genau wissen, welche Erfahrungen der Beamte mit Wasserwerfern hat. Er sei 1986 zu der Einheit der Bereitschaftspolizei in Biberach gekommen. Als Kommandant werde er seit 1988 eingesetzt, einen entsprechend Lehrgang habe er 2006 besucht, antwortet der Zeuge. Und berichtet, wie unterschiedlich Demonstranten auf Wasserwerfer reagieren: „Bei einem Einsatz in Friedrichshafen haben wir es nur ein paar Sekunden regnen lassen, dann waren alle weg“, erzählt er. Dass wie im Schlossgarten die Demonstranten bleiben, habe er noch nicht erlebt. Am Tag vor dem Einsatz habe er erfahren, wohin die Wasserwerferstaffel am 30. September fahren solle. Er habe gegenüber Vorgesetzten Bedenken geäußert, weil aus Personalmangel unerfahrene Kollegen in den Wasserwerfern Dienst tun sollten. „Aber sie haben sich dann gut angestellt.“

Im Verlauf des Einsatzes habe er immer darauf geachtet, dass der Wasserstrahl nicht auf Köpfe gerichtet werde. So schreibt es die Dienstvorschrift für den Einsatz von Wasserwerfern vor. Auch habe er seinen Kollegen gesagt, sie sollten nicht auf Personen in Bäumen zielen. Zeugen aus den Reihen der Demonstranten hatten ausgesagt, das wäre der Fall gewesen.

Das Verfahren wird am Montag, 13. Oktober, fortgesetzt.

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47 Kommentare Kommentar schreiben

@ Bieberle: Sie bleiben Ihrem polemischen und unsachlichen Stil treu. "Dass die Grünen lange Zeit Öl ins Feuer des Konfliktes gossen", ist einfach nicht wahr. Die "Radikalisierung" des Widerstands gegen S21 hatte eine Eigendymamik, die sich hauptsächlich aus der Verlogenheit des ganzen Projekts nährte. Haben Sie schon die ganzen Propagandalügen der Befürworter vergessen, Stuttgart würde ohne S21 vom schnellen Bahnverkehr abgehängt, der neue Bahnhof würde die doppelte Kapazität des Kopfbahnhofs haben, u. ä.? Das war Öl ins Feuer. "Waren es nicht grüne Politiker, die am 30.09.2010 mit einstimmten in den schrägen Chor, "das sind die Bilder, die wir brauchen", "wir brauchen mehr von diesen Bildern"? Meine Antwort: Einen solchen Chor gab es nicht, allenfalls ein paar Einzelstimmen. Die Bilder vom 30. 9. wurden von denen produziert, die die Wasserwerfer bestellten, und das waren nun mal nicht die Grünen.

@Herr Bieberle, man kann vieles machen und sich auch vieles wünschen: Entscheidend ist ob ich jemand Menschen, welche zu 99% sich im Bereich der ORDNUNGSWIDRIGKEIT befinden teilweise schwer verletz. Sie reihen sich leider ein in den schrägen Chor der "ich kenne einen der hat was gesagt". Entscheidend ist wer hat etwas getan! Sprechen Sie doch mal mit Menschen, welche ein sehr konkretes Bild von Straftaten haben und dabei auch Zeuge am Schwarzen Donnerstag waren. Sprechen Sie doch mal z.B. mit Richter a.D. Dieter Reicherter. Sie treffen ihn bei fast allen Verhandlungstagen. Und anschliessend melden Sie sich hier wieder zu Wort. Na, trauen Sie sich?

Hans König : VB...: nennt man " vorgeschobene Beobachter " .Die sind zwingend beim Einsatz von Distanzwaffen notwendig. Fehlten die etwa ? Eher unwahrscheinlich bei der jahrelang vom Stuttgarter Polizeipräsidenten geübten, defensiven Taktik. Denn diese beruhte mit Sicherheit auf Kenntnis der Gefahren von Wasserwerfern- und wie in diesem Fall - der Unbrauchbarkeit bei bestimmten Einsätzen.

Aber Herr Siber! Das waren doch die "Bilder die wir brauchen"!: Hallo Herr Siber, welcome back! Warum legen Sie mir Worte wie "illegitim" oder "rechtswidrig" in den Mund, die ich nie äußerte? Antworten zu Ihren Fragen: Natürlich darf man demonstrieren (gegen WAAs, KKWs, Pershings, CO2-Anstieg, Islamismus oder eben, in Stuttgart, gegen einen Bahnhof). --------- Beispiele für (Bau- und anderes) Recht brechen sind jedoch: Baustellenzufahrten blockieren, Bauflächen besetzen, in einem Stadtpark ein Zeltlager errichten, von genehmigten Demonstrationsorten abweichen und Autofahrer nötigen, später dann auch Bauzäune einreißen, Baustellen stürmen, Sachbeschädigung begehen, die Liste ist lang. ---------- Dass die Grünen lange Zeit Öl ins Feuer des Konfliktes gossen und sich aktiv gegen S21 engagierten nur um nach der Machterlangung in verlogener Passivität zu erstarren, das müssen wir nicht mehr aufwärmen, das haben wir hier inklusive mit Ihnen seit Jahren ausdiskutiert. Waren es nicht grüne Politiker, die am 30.09.2010 mit einstimmten in den schrägen Chor, "das sind die Bilder, die wir brauchen", "wir brauchen mehr von diesen Bildern". Die Bilder, die sie aktiv mit herbei geführt hatten.------------ Sie spekulieren, dass gezielt auf Köpfe gezielt wurde. Ich spekuliere, dass dieser Prozess auf politisches Strippenziehen zurückgeht, nachdem die UAs nichts Gescheites hervorbringen wollen (genauso wenig, wie die eigene Politik). Allerdings ist dieser Prozess noch peinlicher als vieles zuvor. Man könnte genauso gut oder schlecht 1001 andere Person anklagen, und das seit vier Jahren oder in den nächsten 10 Jahren. Wenn man rückwärtsgerichtet tickt.

@ Gabi Wihr - viele, die nicht mehr richtig ticken: Ich kann es mir direkt bildlich vorstellen, wie es für Sie gewesen sein muss. Für die Mannschaft im WaWe muss es wie ein Ballerspiel gewesen sein. Nur der Punktestand und wer gewonnen hat an diesem Tag, bleibt wohl immer ein Geheimnis. Es scheint, als ticken viele Zeitgenossen nicht mehr richtig. Manche hätten sogar am liebsten noch härter durchgezogen. Ist das nicht krank im Kopf? Einige Mitmenschen haben eine regelrechte Allergie und reagieren schon über, wenn sie nur das Wort Demo und Meinungsfreiheit hören. Ihnen noch einen schönen Feierabend. Es grüßt mitfühlend das Motzkigele

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