Stuttgart-Album Als die Strambe noch auf der Weinsteige fuhr

Von Uwe Bogen 

Die Neue Weinsteige gab’s auch mal ohne Stau, wie alte Fotos beweisen. Im 19. Jahrhundert hat König Wilhelm I. die Panoramastraße bauen lassen. Später wurde sie zur schönsten Straßenbahnstrecke Europas. Vor 30 Jahren ist dort die Strambe im Tunnel verschwunden. Unsere Leser erinnern sich.

Bis 1987 sind die Straßenbahnen auf der Neuen Weinsteige gefahren. Foto: Thomas Mack 10 Bilder
Bis 1987 sind die Straßenbahnen auf der Neuen Weinsteige gefahren. Foto: Thomas Mack

Stuttgart - Heute sieht man triste Wände an einem vorbeiflitzen, wenn man mit der Stadtbahn von den Filderhöhen in die City fährt. Wer in der Gelben einen kurzen Blick auf den Kessel erhaschen will, muss auf der Hut sein, um das Aussichtsloch nicht zu verpassen. Bald ist’s 30 Jahre her, dass der Sechser und der Fünfer – diese Linien verkehrten damals dort – in die parallel verlaufende Tunnelröhre verbannt worden sind.

Deutschlands schönste Einfallstraße gehört seit 1987 nur noch den Autos (und mutigen Radfahrern). Davon versprachen sich die Stadtplaner weniger Staus auf dieser kurvigen und stark befahrenen Strecke, die den Talkessel mit dem um 200 Meter höher gelegenen Degerloch verbindet. Die Rathaus-Rechnung ging nicht auf. Obwohl die Strambe fehlte, ist das Verkehrsaufkommen immer weiter gewachsen. Um es positiv zu sehen: Wenn schon Stau, dann könnte er kaum aussichtsreicher sein als hier.

Die Neue Weinsteige hieß zunächst Wilhelmstraße

Die historische Aufnahme von der leeren Weinsteige mit hellem Straßenbelag und den angrenzenden Reben hat im Facebook-Forum unseres Geschichtsprojekts zu schnellen Ermittlungsergebnissen der Stuttgart-Album-Fans geführt. Von dem Foto wussten wir nicht, von wann es stammt. „Es muss vor 1905 gewesen sein“, schreibt Dirk Wein. Denn auf dem Foto könne man im Kessel das Renaissance-Rathaus erkennen. Das neu-gotische Rathaus war erst 1905 fertig.

Stuttgart besitzt gleich zwei befahrbare Weinsteigen. Der extrem steile Weg der Alten Weinsteige ist 1350 erstmals erwähnt. Bis zu 16 Pferde brauchte man, um den Berg zu bewältigen. Weil manche Pferdefuhrwerke den Aufstieg nicht schafften, beauftragte König Wilhelm I. im Jahr 1822 seinen Oberbaurat Eberhard von Etzel, die Residenzstadt an die damals selbstständigen Gemeinden im Süden über eine Panoramasteige anzubinden. Nach fünfjähriger Bauzeit war die Wilhelmstraße, wie sie damals hieß, vollendet. Da die Neue Weinsteige von 1904 an auch von Straßenbahnen befahren wurde und immer mehr Benzinkutschen die Pferde ersetzten, hat man sie in den 1930ern verbreitert. Als Pionierleistung der Ingenieurkunst rühmte man die Steige, deren Bau mit 76 000 Gulden als teuer galt. Bis 1922 verlangte die Stadt Zoll- und Pflastergeld.

Tunnelblick statt Panoramafahrt

Das Kopfsteinpflaster, schreibt Rainer Müller in unserem Internetforum, war der Grund, warum die alte Idylle trügt: „Die Weinsteige mit Straßenbahn war zwar romantisch, jedoch auch unfallträchtig, wenn man mit dem Auto bei Regen in das Pflaster zwischen den Schienen geriet und das Fahrzeug in den Kurven schwer zu kontrollieren war.“ Rolf Zimmermann erinnert sich gern zurück: „,In meiner Ausbildung fuhr ich mit der Strambe morgens runter nach Stuttgart und abends hoch nach Degerloch. Damals (1961) gab es noch teilweise alte Straßenbahnen mit Hängern dran.“

Tunnelblick statt Panoramafahrt: Die Ära der traumhaften Aussicht endete für die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs im September 1987 mit der Fertigstellung der Straßenbahnröhre. „Besser wäre es gewesen, wenn man die Autos in den Tunnel gesteckt hätte“, findet Thomas Schulz. Volker Biedinger hat eine Idee: „Man sollte die ehemalige Straßenbahnspur für Fahrgemeinschaften (mit mehr als zwei Insassen) und Elektroautos freihalten – dann ließen sich Luftverbesserungen in Stuttgart erreichen.“

Buch zur Serie im Silberburg-Verlag

Auf der Weinsteige sollen Fußgänger und Radfahrer bald nicht mehr wie Fremdkörper wirken. Die Stützmauer, die die B 27 am Hang fixiert, muss saniert werden. Schrittweise sollen dann Gehsteige verbreitert und ein Radweg angelegt werden. Und wann wird in Degerloch ein Schild auf der vierspurigen Hauptverkehrsachse aufgestellt? Darauf könnte stehen: „Willkommen im schönsten Stau der Welt! Oder wollen Sie lieber einen Park-and-ride-Platz nehmen?“

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stutttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Stadtgeschichtsserie erschienen.