KommentarStuttgart und Denkmalschutz Leerstelle Geschichte

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Das Desinteresse am Erwerb des Cannstatter Offizierskasinos beweist erneut, dass an der Rathausspitze kein histroisches Bewusstsein herrscht. Es ist überfällig, dass sich der Gemeinderat einschaltet, meint Thomas Durchdenwald.

Das ehemalige Offizierskasino auf dem Hallschlag Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Das ehemalige Offizierskasino auf dem Hallschlag Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn es denn eine Konstante im Stuttgarter Rathaus gibt, dann ist es die seit Jahrzehnten anhaltende Gleichgültigkeit gegenüber der Stadtgeschichte. Wohl keine Rathausspitze einer Großstadt behandelte und behandelt Denkmalpflege und Archäologie so stiefmütterlich wie die Führungsetage der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Das war unter Manfred Rommel und Wolfgang Schuster so, und daran hat sich bei Fritz Kuhn wenig geändert.

Lange Liste

Gewiss: endlich wird das längst überfällige Stadtmuseum gebaut. Doch das sollte den Blick nicht dafür verstellen, dass der von Experten geforderte Stadtarchäologe noch immer eine Leer-Stelle ist. Und bei der Denkmalpflege geht die Geschichtsvergessenheit weiter, wie das Beispiel des Offizierskasinos auf dem Hallschlag zeigt. Man kann das Objekt für unbedeutend halten, die Umbaukosten für zu hoch, die Nutzung für ungeklärt – aber das ist doch keine Einschätzung, die ohne öffentliche Debatte vorgenommen werden kann. Dass Finanzbürgermeister Michael Föll quasi im Alleingang und ohne Beteiligung des Gemeinderats den Daumen senkt, ist einer Stadtverwaltung, die sonst Transparenz wie eine Monstranz vor sich herträgt, unwürdig. Und es ist nicht der erste Fall: Schon bei der Hajek-Villa hat das Rathaus eine Chance verspielt, beim Wohngebäude und der Sammlung des Designers Wagenfeld ebenfalls – und die Liste ließe sich verlängern.

Kuhn ist gefragt

Es ist richtig, dass der Gemeinderat jetzt endlich auf Mitsprache dringt. Und es lässt aufhorchen, dass die Grünen bei Föll wenig Einsicht erkennen und deshalb auf den Oberbürgermeister mit ihrem Parteibuch setzen. Bisher ist Kuhn aber nicht dadurch aufgefallen, dass er den Konflikt mit seinem machtbewussten Stellvertreter sucht.