Stuttgarter Jahresrückblick Die Mär von der selbstbestimmten Hure

Von Andrea Jenewein 

Im April bringt die Stadt Stuttgart mit einer provokanten Freierkampagne das Thema Armutsprostitution in die breite Öffentlichkeit. Die Plakate sind umstritten. Die Sozialarbeiterin Sabine Constabel von Sisters e.V. bewertet sie als positiv.

Sabine Constabel  (li.) mit Schwester Margret. Mit   Plakaten  machte die Stadt auf die Probleme im Milieu aufmerksam. Foto: Lichtgut/Willikonsky, Piechowski
Sabine Constabel (li.) mit Schwester Margret. Mit Plakaten machte die Stadt auf die Probleme im Milieu aufmerksam. Foto: Lichtgut/Willikonsky, Piechowski

Stuttgart - Du kommst und ich verkomme.“ Das ist eine von drei Botschaften, die künftig bundesweit auf Plakaten prangen sollen. Deutliche Worte. Drastische Worte. Worte, die manche für längst überfällig halten. Andere hingegen für überflüssig. Und die wieder andere wegen der Gossensprache ablehnen werden.

Sabine Constabel streicht sich das dunkelblonde Haar aus dem Mundwinkel. Sie hat mit klaren Worten kein Problem. Solange sie helfen, die Dinge beim Namen zu nennen, scheut sie sie nicht. Dann sagt die zierliche und zurückhaltende Frau Sätze wie: „Auf der Kurfürstenstraße in Berlin penetrieren Freier für zehn Euro alle Körperöffnungen einer Prostituierten.“

Um dieser „Verrohung der Gesellschaft“ entgegenzuwirken, hat die Vorsitzende des vor zwei Jahren gegründeten Vereins Sisters zusammen mit dem Landesfrauenrat Baden-Württemberg die Plakatkampagne auf die Beine gestellt. Das klare Ziel: ein Sexkaufverbot.

Provokante Plakate in der Stadt

Um das zu erreichen, müsse die Aktion „Emotionen wecken und zur Diskussion anregen“, sagt Constabel. Wie die provokanten Plakate, die die Stadt Stuttgart im vergangenen April zum selben Thema aufgehängt hatte. Wegen Sätzen wie „Nutten sind Menschen“ und „Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“ war die Kampagne umstritten. „Ich fand die Aktion toll“, sagt Constabel. „Die Stadt hat erreicht, dass über Zwangsprostitution gesprochen wurde“, sagt die 57-Jährige.

Vor allem hätten die meisten Prostituierten positiv auf die Plakate reagiert. „Sie haben gesagt: Endlich spricht es jemand mal aus“, sagt Constabel. „Und: Sie haben sich wahrgenommen gefühlt.“ Das hat selbst sie, die seit 25 Jahren als Sozialarbeiterin in der Beratung und Betreuung von Prostituierten arbeitet, überrascht. „Ich habe mit mehr Kritik gerechnet, da den Frauen peinlich ist, was sie da machen müssen.“

Für diese jungen Frauen kämpft Constabel seit mehr als zwei Jahrzehnten. Bereits während ihres Studiums engagierte sie sich ehrenamtlich für den Verein Wildwasser und kam mit Frauen in Kontakt, die sexuelle Gewalt erfahren hatten. Als sie dann auf Prostituierte traf, merkte sie, „dass das die gleichen Geschichten sind“.

Bis heute berührt es sie, wenn ihr eine Prostituierte ihre Geschichte erzählt, und sie merkt, wie diese sich bemüht, nicht zu weinen. „Wenn man das erlebt, glaubt man nicht mehr, dass Prostitution okay ist“, sagt sie. Deswegen hilft sie mit Sisters nicht nur Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, sondern sie kämpft auch gegen den legal käuflichen Sex an.

Constabel: Prostitution ist Sklaverei

„Ja, ich bin dafür, dass – ähnlich wie in Schweden – das Freien verboten wird“, sagt sie mit kämpferischem Unterton. Denn sie weiß um den starken Gegenwind: Ob es nicht kontraproduktiv sei, die Prostitution zu kriminalisieren, diese Frage muss sie sich oft gefallen lassen. „Man dürfte auf keinen Fall die Frauen bestrafen – sondern allein die Freier“, sagt Constabel. Gleichzeitig aber müsse man Hilfsstrukturen für die Männer anbieten: „Sie glauben gar nicht, wie viele Männer an Sisters schreiben – die wissen, dass es nicht richtig ist, was sie machen, kommen da aber nicht raus.“

Constabel bildet mit ihrer Einstellung einen Gegenpol zu den Befürwortern einer Berufsanerkennung für Sexarbeiterinnen. „Fast alle Frauen, die ich kenne, werden zur Prostitution gezwungen. Viele zerbrechen daran, psychisch wie physisch. Keiner, der die Geschichten der Frauen kennt, kann sagen, es ist ein Job.“

Vielmehr sei es Sklaverei. Die meisten Prostituierten in Stuttgart stammten derzeit aus Osteuropa und würden von ihren Vätern, Brüdern, Cousins oder manchmal auch Müttern zum Anschaffen gezwungen, damit sie für die Familie das Geld verdienten. „Das sind fast noch Mädchen“, sagt Constabel. Deshalb plädierte sie für eine Novellierung des Prostitutionsgesetzes, auch vor dem Bundestag hatte sie damals gesprochen: Sie wollte etwa das Mindestalter für Prostituierte auf 21 Jahre hochsetzen. „Dann sind die Frauen etwas reifer“, sagt Constabel. Indessen: Sie hat ihr Anliegen doch nicht durchbringen können. Die Begründung der SPD dafür, das Schutzalter nicht zu erhöhen, war, dass die Berufsfreiheit der unter 21-Jährigen nicht eingeschränkt werden dürfe.

Constabel streicht sich wieder eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel. „Ich weiß, ich polarisiere“, sagt sie. „Aber das muss ich tun. Ich muss es schließlich nicht aushalten, dass ich zehnmal am Tag vergewaltigt werde.“ Denn nichts anderes sei es, was die Prostituierten erduldeten. Klare Worte. Und so steht auch auf einem der Plakate: „Dein Spaß ist mein Horrortrip.“