Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart In Stuttgart landet das Politraumschiff

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Berlin riecht nach Buletten, Bayern gibt sich auf der Ländermeile kleinkariert und Baden-Württemberg verteilt eine Riesentorte unters Volk. Eindrücke von den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart.

Touch the President! Joachim Gauck gibt sich als Bundespräsident zum Anfassen. Was sonst alles bei den Feierlichkeiten in Stuttgart passiert ist, sehen Sie in unserer Bildergalerie. Foto:   34 Bilder
Touch the President! Joachim Gauck gibt sich als Bundespräsident zum Anfassen. Was sonst alles bei den Feierlichkeiten in Stuttgart passiert ist, sehen Sie in unserer Bildergalerie.Foto:  

Stuttgart - Der Kölner Dom steht im Weg. Das Wahrzeichen stört beim Blick auf jene weiße Zeltstadt, die über Nacht vor dem Rotebühlplatz entstanden ist und nun staatstragend als Baden-Württemberg-Pavillon eröffnet werden soll. Vorher muss der Dom jedoch zur Seite geschoben werden. Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seiner Frau Gerlinde das Bürgerfest in Stuttgart eröffnet, fristet das nachgebaute Wahrzeichen ein Schattendasein am Rande des Pavillons.

Alles drängt sich, manches staut sich. Menschenmassen ergießen sich zwei Tage lang auf die Theodor-Heuss-Straße, die sich von einer Party- in eine Ländermeile verwandelt hat, auf der sich die 16 Bundesländer präsentieren. Die Polizei spricht zuletzt von einer halben Million Besucher.

Am Tag der Einheit spielen die Regionen mit den Klischees: Bayern gibt sich kleinkariert in Weiß und Blau, der Stand des Spreewalds droht unter Gurkengläsern einzustürzen, vor Mecklenburg-Vorpommern drehen Orgelspieler am Rad. Berlin riecht nach Buletten, die es im 23. Jahr der Einheit auch vegetarisch gibt. Die Hauptstadt dünstet aus, die Schwaden ziehen mitten durch das Brandenburger Tor – unter dessen Miniaturausgabe aus Pappmaché die Besucher sich gegenseitig mit Smartphones fotografieren. Das Tor wird zum beliebtesten Fotomotiv der Stuttgarter Einheitsparty. Was Köln kann, kann Berlin schon lange.

Die Angst der Überwachung lastet auf den Menschen

Wer will, kann sich den Tag der Deutschen Einheit durch den Magen gehen lassen oder Postkartenmotive aus Rügen in Jutetüten stopfen. Die Einheitsfeier lässt sich zwischen dem Rotebühl- und dem Schlossplatz als Mischung aus Grüner Woche und Reisemesse konsumieren. Doch wer genau hinsieht, findet Orte, an denen man zuhören kann und dabei jene Geschichten erfährt, die ohne die Wende und die deutsche Wiedervereinigung anders verlaufen wären.

Geschichten wie sie Maximilian Wolf erzählt. Der 20-Jährige sitzt im Baden-Württemberg-Pavillon in einer Talkrunde, gemeinsam mit dem Landesminister Peter Friedrich, der für den Bundesrat und für Europa zuständig ist. Wolf erinnert sich daran, wie seine Eltern kurz nach der Wiedervereinigung von Jena aus in den Westen zogen und wie sie der Zufall nach Stuttgart spülte, wo er selbst 1993 auf die Welt kam. „Meine Eltern haben den Umzug damals finanziert, indem sie zu Hause Christstollen gebacken haben. Mit dem Wartburg voller Gebäck sind sie dann nach Berlin gefahren und haben die Stollen dort verkauft.“ Wolfs Eltern trennten sich früh. Der Junge zog mit seiner Mutter zurück in den Osten, während sein Vater in Stuttgart blieb.

So wurde Maximilian Wolf groß im wiedervereinigten Deutschland. Bis heute ist er ein Ost-West-Kind geblieben. Nach und nach hat er im Laufe der Jahre Bruchstücke seiner Familiengeschichte erfahren. „Vor zwei Jahren hat mein Opa seine Stasiakte angefordert. Er war überrascht, wie viel über ihn drinstand und wer alles etwas über ihn aussagte.“ Durch die Gespräche mit seinen Großeltern sei ihm klar geworden, wie die Angst vor der Überwachung auf den Menschen lastete. „Wenn ich mit meinen Eltern über die Wiedervereinigung rede, dann sagen sie mir, wie viel Glück ich habe, dass ich in Freiheit aufwachse.“