Tatort-Vorschau „Auge um Auge“ Darum geht es im neuen Tatort aus Dresden

Von Michael Setzer 

Allgemeine Verunsicherung: Bei „Auge um Auge“, seinem zweiten Fernseheinsatz, ermittelt das Dresdner Tatort-Team mitten in der deutschen Seele.

Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Sieland (Alwara Höfels) ermitteln. Foto: MDR 10 Bilder
Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Sieland (Alwara Höfels) ermitteln. Foto: MDR

Stuttgart - Huch. Heiko Gebhardt, Abteilungsleiter der Alva-Versicherung in Dresden, wird am helllichten Tage von einem Scharfschützen niedergestreckt – beim Telefonat, durchs Bürofenster, vom Gebäude gegenüber. Es braucht nicht lange, bis die Ermittlerinnen Henni Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und der Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) allerlei hinreichend Verdächtige auftun, denn dem Firmenmotto „Ihr Partner für Ihre Sicherheit“ leistete die Versicherung seit geraumer Zeit kaum Folge.

Der Tatort erzählt vom deutschen Zeitgeist

Harald Böhlert (Peter Schneider) beispielsweise sitzt im Rollstuhl, doch laut Gutachten der Versicherung ist er hundert Prozent arbeitsfähig. Den zehnten Hochzeitstag feiert Böhlert mit einem Becher Sekt und einem anschließenden, mit Verlaub, slapstickartigen Selbstmordversuch. Doch seine Frau Ines (Marie Leuenberger) und die Rechtsanwältin Martina Scheuring (Henny Reents) wollen im Rechtsstreit und Kampf gegen die betrügerische Versicherung nicht aufgeben. Die gute Nachricht: Der etwas abgehangene Kriminalfall dient hier lediglich als willkommener Anlass, eine überraschend vielschichtige Geschichte über deutschen Zeitgeist, Profit, Unsicherheit, Rache und Befindlichkeiten zu erzählen. Die schlechte Nachricht: Dass gerade dieser Sendeplatz regelmäßig die Zuschauer mit „Deutschland“ überfordert, sollte hinlänglich bekannt sein. Doch die Mühe ist aller Ehren wert.

Irgendwo zwischen Krimi und Sozialstudie

Besonders stark tut sich da schon wieder Martin Brambach als etwas trotteliger Chef hervor. Das ist einer, der seine Welt von früher wiederhaben will. Da war alles besser und funktionierte noch auf Knopfdruck, sogar sein mittlerweile ausrangierter Computer. Kommissarin Henni Sieland steht am anderen Ende dieser Lebensrea­lität, auch zwischenmenschlich läuft es wieder besser. Ihr abtrünniger Lebens­abschnittsgefährte Ole ist wieder zurück. Das bedeutet, dass sie nicht länger im nächtlichen Schein des Laptoplichts alleine, dekorativ und angetrunken auf der Couch sitzen muss, sondern sich jetzt um Flüchtlinge kümmern kann. Oder wie Ole sagt: „Unsere Flüchtlinge.“

Denn auch das ist wichtig, besonders natürlich bei einem „Tatort“ aus Dresden: Ein Teil des Plots brüllt förmlich, dass nicht alle Sachsen Rassisten sind. Doch letztlich geht es in „Auge um Auge“ um den Verlust von Sicherheit und Absicherung – und um viele vage Ideen, wo beides herrühren könnte. So oder so pendelt „Auge um Auge“ zwischen einem biederen Krimi und einer übers Knie gebrochenen Sozialstudie. Oder eben so: Die besten Melodien spielen die Töne zwischen der Handlung.

ARD, Sonntag, 12. November, 20.15 Uhr