The Cure in der Schleyerhalle Der heitere Schmerzensmann

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12000 Zuschauer sind am Sonntagabend in die ausverkaufte Schleyerhalle gekommen, um das Konzert der britischen Indieband zu erleben.

Längst nicht so düster, wie es scheint: der Sänger und Gitarrist Robert Smith  in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Verena Ecker 13 Bilder
Längst nicht so düster, wie es scheint: der Sänger und Gitarrist Robert Smith in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Fast zweieinhalb Stunden ist das Konzert am Sonntag schon alt, da intoniert die Band ihr Stück „Friday I’m in Love“. Gleich nach den ersten Tönen brandet ein Riesenapplaus auf. Die Vorschusslorbeeren tönen lauter als bei jedem anderen der dreißig an diesem Abend präsentierten Songs – und das an diesem an Applaus wahrlich nicht armen Abend in der mit 12 000 Zuschauern erwartungsgemäß ausverkauften Arena.

Warum so viel Jubel gerade über dieses Lied? Über die zweite Singleauskoppelung des neunten von dreizehn Alben dieser Band, das dreizehn Jahre nach dem ersten und sechzehn Jahre vor dem bis dato letzten Album erschienen ist und mithin vierundzwanzig Jahre alt ist?

Einerseits mag das ein Rätsel sein, hat The Cure doch auch jede Menge anderer großer Hits im Gepäck. Andererseits kommt noch ein zweites Rätsel hinzu, denn wie bei kaum einer anderen Band hat jeder (und ganz besonders vermutlich jeder Konzertbesucher) seine persönlichen Favoriten unter den Cure-Songs, bei denen wiederum – auch das außergewöhnlich – völlig egal ist, ob ihnen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kommerzieller Erfolg beschieden war oder nicht. Die Frage, welche Lieder dieser Band man ganz besonders mag, ist bei The Cure wesentlich von der Sozialisation der Zuhörer abhängig, von Musikszenen, denen man sich einmal zugeneigt fühlte, von künstlerischen Stilen, die man geschätzt hat, und von gewiss vielen Jugenderinnerungen, die mit bestimmten Cure-Songs für ewig ins Gedächtnis gebrannt sind. Der eine Besucher hätte in der Schleyerhalle vielleicht gerne „Plastic Passion“ und „Jumping Someone Elses Train“ gehört, der andere „10.15 Saturday Night“ und „Siamese Twins“.

Alles auf einmal geht nicht

Alles geht aber nicht, selbst bei dreißig gebotenen Stücken in ausufernden, aber dennoch wie im Flug vergehenden zwei Stunden und vierzig Minuten Konzertdauer. Und so hat sich die Band zwei bemerkenswerte Strategien zurecht gelegt.

Die eine besteht darin, die Setlist um ein Grundkorsett herum allabendlich zu variieren. „Shake Dog Shake“ oder „One Hundred Years“ etwa, zwei große Nummern, wurden auf der Tournee, auch beim vorangegangenen Konzert am Freitag in Basel, schon häufig gespielt, in Stuttgart jedoch nicht; wie umgekehrt in der Schweiz „The Lovecats“ und „Let’s Go To Bed“ nicht auf der Liste standen. Und damit zur zweiten Strategie, der speziellen Konzeption des Stuttgarter Konzerts, das wirklich clever angelegt ist. Die beiden eben genannten Songs leiten nämlich den poppigen Endspurt ein, der mit dem eingangs erwähnten „Friday I’m In Love“, „Boys Don’t Cry“ und „Close To Me“ fortgesetzt wird, ehe zum Grande Finale der poppigste aller Cure-Popsongs erklingt, „Why Can’t I Be You?“.

Das Ganze ist ein grandioses Finish, sechs Riesenhits aneinandergereiht, wuchtig, bombig, famos. Umgekehrt gibt es einige große Verehrer dieser Band, die ihr gerade diese poppigen Nummern fast schon übel nehmen. Die Übelnehmer hingegen werden im mittleren Teil des Konzerts bestens bedient. Da gibt es Stücke wie „Primary“, „A Forest“ und „Disintegration“: Cure-Klassiker, die den Weltschmerz atmen, die für jene Bandphasen stehen, die früher Indie und Wave hießen und heute Gothic oder Alternative genannt werden – quasi die „schwarze Periode“ der Klangmaler. Im ersten Drittel des Konzerts wiederum findet sich das bei The Cure zu Songs geronnene Beste aus beiden Welten, „A Night Like This“ oder „In Between Days“.

Wobei die Unterteilung in Drittel künstlerischer Natur ist. Organisatorisch nämlich ist eine weitere Originalität zu bewundern. Während Rod Stewart am Freitag in der Schleyerhalle komplett auf Zugaben verzichtete, bevorzugt The Cure eine entgegengesetzte Lösung. Nach achtzig Minuten sind sechzehn Songs gespielt – und das Konzert ist vorbei. Natürlich nicht wirklich, jeder im Saal weiß das, denn es folgen nun drei Zugaben mit vierzehn weiteren Songs, insgesamt nochmals achtzig Minuten, fast schon ein zweites Konzert. Bar jeder Logik, aber gerade deshalb cool.