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Tocotronic im LKA Tausend kleine Tode

Jan Ulrich Welke, vom 12.03.2010 07:08 Uhr
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Noch immer erfolgreich: Das neue Album von Tocotronic "Schall und Wahn" ist auf Platz Eins der deutschen Charts eingestiegen. Das LKA war nahezu ausverkauft. Foto: Universal
Noch immer erfolgreich: Das neue Album von Tocotronic "Schall und Wahn" ist auf Platz Eins der deutschen Charts eingestiegen. Das LKA war nahezu ausverkauft. Foto: Universal
Stuttgart - Beruhigend ist, dass der Gitarrist Rick McPhaill auf dem Bandfoto des neuen Tocotronic-Albums weiße Tennissocken trägt und der Schlagzeuger Arne Zank einen geringelten Pulli. Es entlarvt Behauptungen wie jene der Castingshowjurorin Anke Engelke (für Sänger ist es wichtig, schöne Schuhe zu tragen) und des Stuttgarter Popbüros (man muss als Band lernen, sich auf Pressefotos gut in Szene zu setzen) als das, was sie sind: dummes Zeug. Verstörend hingegen ist, dass der Begriff Diskurspop auch heute noch bedeutungsschwanger für Musik verwendet wird, deren Aussagen "irgendwie politisch" sind; die sich also nur dadurch von Westernhagen'scher Poesiealbumlyrik oder Grönemeyer'schem Betroffenheitsmenscheln absetzen, dass sie Tiefe besitzen.

Die vielen Besucher im nahezu ausverkauften LKA sowie das auf Platz Eins der deutschen Charts eingestiegene Album "Schall & Wahn" zeigen jedenfalls, dass gutes Schuhwerk offenbar nicht die einzige Grundbedingung für künstlerischen Erfolg ist. Und der vermeintliche Diskurs? Je nun, "Eure Liebe bringt mich ins Grab/Jeden Tag/ Senkt ihr mich tiefer herab/Die Blumen glotzen mich an/Von oben herab/Ein Sterben lang" singt Dirk von Lowtzow in "Eure Liebe tötet mich" - fein gedrechselte Zeilen hat das Eröffnungsstück des Konzerts wie des Albums zu bieten. Auf ihm finden sich noch viele andere tiefgründige, lyrische, bisweilen gar launige Zeilen, etwa der Reim "Was du auch machst, sei bitte schlau/Meide die Marke Eigenbau" aus der Heimwerkerveräppelungsnummer "Macht es nicht selbst", die Tocotronic im LKA ebenfalls spielt.

Aber lassen wir die Kirche im Dorf. Die Band Tocotronic schreibt gute Texte und spielt gute Musik, nicht mehr - und nur manchmal weniger. Dirk von Lowtzow befeuert mit seinen Ansagen den Popdiskurs nicht über die Maßen, das Konzert ist von den lauen akustischen Bedingungen abgesehen (Leadgitarre viel zu sehr im Hintergrund, Sound oft verschmiert und dünn) in Ordnung, ohne allerdings in seinem Ablauf durch besondere Originalität zu glänzen. Im 17. Jahr des Bestehens darf Tocotronic noch immer als eine der besten deutschen Bands gelten, wer zwischendurch inmitten der recht schematisch angelegten Songs wehmütig national an Get well soon oder international an Joanna Newsom denkt, könnte sich allerdings ein wenig mehr Erleuchtung und Feuer herbeisehnen. Gerade so, wie Tocotronic in "Aber hier leben, nein danke" es im Longhorn selbst besungen hat: "Ich mag das Licht, das du mir bringst, wenn du dich um mich bemühst, wenn der Wahnsinn flammend grüßt."
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Kommentare (1)
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MRZ
12
16:10 Uhr, geschrieben von Already well
Lob
...fällt manchmal sooo schwer. In erster Ableitung ist es zwar genau das, ein Lob, was ich aus der Kritik raushöre und das zu Recht, wie ich als Konzertbesucher finde. Aber wer dürfte denn nach 17 Jahren Bandaktivitäten noch straight forward preisen- wäre ja uncool. Dann lieber "wehmütig" the next hot shit "anpreisen", mit einem kurzen Verweis...wieso find ich genau das jetzt aber total uncool!? Jedenfalls schläft mir beim Hören von Herrn Gropper sofort das Gesicht ein, da muss dann Herr Welke ohne mich aufs Konzert...und sich unbedingt dran erinnern, dass "Diskurs-Pop" Tiefe besitzen muß, Tieeefe...
 
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