Umgang mit Flüchtlingen „Die Spaltung der Gesellschaft nimmt zu“

Von Matthias Bury 

Wer die Ängste vor Zuwanderung schürt, treibt die Spaltung der Gesellschaft weiter voran. Davor warnt der Stuttgarter Psychoanalytiker Gerhard Salzmann. Von Donnerstag an trifft sich die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) in der Landeshauptstadt zu ihrem Jahrestreffen. Mit dem Kongresstitel „Heimatlos“ hat man sich in diesem Jahr ein aktuelles politische Thema gewählt.

Warnt davor, die Ängste der Menschen noch anzuheizen: Gerhard Salzmann Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Warnt davor, die Ängste der Menschen noch anzuheizen: Gerhard SalzmannFoto: Lichtgut/Max Kovalenko
Stuttgart - – Herr Salzmann, die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft widmet ihre Jahres­tagung dem Thema Heimatlosigkeit und nimmt sich der Flüchtlingsfrage an. Es ist nicht gerade üblich, dass die DPG sich einem aktuellen politischen Thema widmet.
Wir sind von der Realität überholt worden. Als wir uns vor eineinhalb Jahren das ­Tagungsthema ausgesucht haben, ahnten wir noch nicht, welche Aktualität das bekommen würde. Es gab damals zwar schon den IS-Terror und andere Krisen, aber die Destruktivität und Instabilität vor allem im Nahen Osten haben seither doch noch einmal stark zugenommen. Wir dachten jedenfalls, dass wir uns in dieser Zeit nicht einfach ein klinisches Thema wählen können.
Wie schlägt das Thema Flucht und Vertreibung in den Praxen auf?
Direkte Flüchtlingsarbeit machen wir in den Praxen ja nicht, da gibt es Einrichtungen wie Pro Asyl und andere, aber auch ­Kliniken. Viele unserer Patienten haben aber einen sogenannten Migrationshintergrund. Diese haben häufig Probleme im Umgang mit der hiesigen Kultur, vor allem mit dem Verhältnis der Geschlechter. Frauen, die in patriarchalischen Strukturen aufgewachsen sind, haben große Schwierigkeiten, wenn sie versuchen, aus der Enge der familiären Strukturen auszubrechen. Sie verlieren die Geborgenheit der Familie und werden irgendwie heimatlos. Zum Teil werden sie sogar verstoßen oder bedroht.
Sind bei diesen Menschen bestimmte Symptome besonders auffällig?
Häufig sind psychosomatische Symptome, Ängste und Schwierigkeiten in Beziehungen, im Umgang mit anderen Menschen etwa am Arbeitsplatz, oder Suchtneigung. Der Mangel an Selbstwertgefühl und das Problem der Anerkennung sind enorm stark. Eine Folge davon sind oft Depressionen und Identitätsstörungen, weil man zu seiner früheren Identität keinen Zugang mehr hat. Mit den Wurzeln geht auch das Gefühl der Geborgenheit verloren.
Gibt es Studien darüber, wie viele Flücht­linge traumatisiert sind?
Ich denke, dass jeder Flüchtling mehr oder weniger stark traumatisiert ist. Es sind ja doch oft schreckliche Umstände und Erfahrungen, mit denen sie hierherkommen. Deshalb werden, wenn man – auf beeindruckende Weise – die Versorgung der Flüchtlinge geleistet hat, die großen Probleme der Integration erst in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren auftreten. Es dauert im Allgemeinen eine Generation, bis sich ­jemand hier auch heimisch fühlt.
Und selbst das ist nicht gewiss.
Wir haben bei unserer Jahrestagung einen Vortrag über die Folgen bei schlesischen Spätaussiedlern aus den ehemaligen Ostgebieten. Diese Menschen sind schon 50, 60 Jahre alt und haben immer noch Schwierigkeiten, sich hier als vollwertig zu fühlen. Deshalb bilden sich auch so viele Parallelgesellschaften, um auf diese Weise ein Stück Heimat zu schaffen.
Und die werden mehr?
Die Spaltung der Gesellschaft wächst mit der großen Zahl von Flüchtlingen. Das zeigt sich am Beispiel der AfD, aber auch bei ra­dikalisierten muslimischen Jugendlichen. Angst und Unsicherheit gedeihen, mit politischen Folgen. Die Ängste sind allerdings überwiegend irrational und übertrieben. Die AfD zieht aus dieser Spaltung Profit und heizt das Ganze mit unlauteren Parolen an. Aber die politische Radikalisierung ist in anderen europäischen Ländern noch größer. Ich bin oft erstaunt, wie stabil die Verhältnisse hier doch noch sind. Das hat sicher mit unserer derzeitig guten wirtschaftlichen Lage zutun. Integrationsarbeit ist auf jeden Fall enorm wichtig für die Stabilität unseres Landes.
Welche Rolle spielt dabei die Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse?
Wir müssen unsere Kenntnisse der psychischen Prozesse vermitteln und neben psychotherapeutischer Behandlung durch Supervision unterstützend eingreifen.
Um die Psychoanalyse ist es in der Öffentlichkeit ruhig geworden. Früher gab es prominente Stimmen wie Alexander Mitscherlich oder Horst-Eberhard Richter. Wie erklären Sie sich diesen ­Bedeutungsverlust?
Die Zeit ist ganz anders als damals. Die Psychoanalyse war neben der Therapie immer auch eine Kulturtheorie und eine Kulturkritik. Heute geht es mehr um das Machen, nicht mehr so sehr um das Verstehen und Reflektieren. Ein Schlagwort lautet: Uns interessieren nicht Probleme, sondern Lösungen. In unserer hyperaktiven, erregten Gesellschaft haben Verstehen und Reflexion ­keinen großen Stellenwert. In Literatur, Kunst, Theater und Film ist das anders.
Die Geisteswissenschaften als Refugium der Psychoanalyse?
Das kann man so sagen. Aber vielleicht ist die Psychoanalyse ja selbst eher eine Geisteswissenschaft, wenn man diese Unterscheidung machen möchte.
Was kann die Psychoanalyse angesichts von Flucht und Vertreibung erklären, was andere Ansätze nicht können?
Zum Beispiel die Erforschung von Aggressivität. Viele der radikalisierten muslimischen Gewalttäter sind ohne Vater aufgewachsen oder mit einem schwachen Vater, der seinen Platz in unserer Gesellschaft nicht gefunden hat. Sie haben eine große Sehnsucht nach Halt und Orientierung und wenden sich deshalb diesen radikalen ­Organisationen zu. Sie haben eine große Vatersehnsucht und unterwerfen sich ­diesen Ideologien völlig. Im Grund sind es verlassene und verlorene Kinder. Das ist ein Ansatz für die Therapie.