Umwelt Skifahren auf Kunstschnee

Tanja Volz, 10.01.2013 07:00 Uhr

Stuttgart - So richtig idyllisch ist das nicht: Die Hütte ist zwar eine Skihütte, umgeben von Schnee. Doch der Blick ins Tal und auf die Nachbarhügel ist eher trüb. Kein bisschen weiß, alles nur matschig-braun. Es hat eben nicht mehr geschneit zum Ende des Jahres. Auf das Skifahren muss man aber nicht verzichten, denn die Betreiber der Liftanlagen und die Tourismusverbände bemühen sich eifrig und ersetzen den fehlenden Schnee durch künstlichen. Irgendwie wirkt dadurch aber alles ein bisschen künstlich. Denn der Kunstschnee kann es mit dem echten nicht wirklich aufnehmen: Er knirscht nicht und er ist viel schwerer als die echte Variante. Das macht sich auch beim Skifahren bemerkbar. Die dicht zusammengebackenen Eiskristalle machen die Abfahrt anstrengend.

Doch ohne den künstlichen Schnee geht in den meisten Skigebieten in den Alpen gar nichts mehr: Der Klimawandel setzt dieser Region besonders zu. Nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden die meisten der bayerischen Skigebiete in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. Bei einer Erwärmung um vier Grad wäre in Deutschland nach Berechnungen der OECD nur noch die Zugspitze schnee­sicher. Und im Alpenraum steigt die ­Temperatur schneller als anderswo: In den vergangenen 50 Jahren war die Erwärmung in dieser Region mit etwa 1,2 Grad doppelt so hoch wie der weltweite Anstieg. Dennoch setzt man in den Ski­gebieten weiter aufs Skifahren und installiert eine Schneekanone nach der anderen. „Zwischen 2005 und 2011 hat sich in den Alpen die Fläche der mit Kunstschnee bedeckten Pisten verdoppelt“, berichtet Carmen de Jong vom Hochgebirgsinstitut der Universität von Savoyen im Jahresbuch des Vereins zum Schutz der Bergwelt. In der Schweiz beschneit man nach Angaben des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos mittlerweile mehr als ein Drittel der Pistenfläche, in Österreich sind es schon zwei Drittel, und auch in Italien findet man immer weniger echten Schnee auf den Hängen.

Technisch hoher Aufwand

Hinter der weißen Kunst-Pracht aus der Maschine steckt eine ganze Menge Aufwand. Alle Schneekanonen haben einen unterirdischen Starkstrom- und Wasseranschluss. Und sie verschandeln die Bergwelt. Umweltschützer stört jedoch vor allem der enorme Wasser­verbrauch. Eine Schneekanone benötigt für einen Kubikmeter Schnee durchschnittlich etwa 1000 Liter Wasser. Für etwa 600 Hektar Beschneiungsfläche in Bayern sind nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz 600 000 Kubikmeter Wasser nötig – nur für die Grundbeschneiung. Das entspricht etwa der Wassermenge des Schwansees bei Füssen. Oder man könnte den jährlichen ­Wasserbedarf von 14 000 Personen in Deutschland damit decken.

„Die Schneekanonen verbrauchen eine Menge Wasser in einer Jahreszeit, in der es in den Alpen schon von Natur aus wenig Wasser gibt“, sagt Thomas Frey vom Bund Naturschutz in Bayern. Damit fehle das Wasser, um die natürlichen Feuchtgebiete zu versorgen. Bei extremem Niedrigwasser hätten vor allem auch die Fische Schwierigkeiten zu überleben. Um die Unmengen Wasser liefern zu können, werden immer häufiger Speicherseen angelegt. Doch auch die werden von natürlichen Flüssen, Bächen und Seen gespeist. Die künstliche Beschneiung drohe daher die Alpen auszutrocknen, warnt de Jong, die wegen ihrer kritischen Studien in Sachen Kunstschnee vor allem in Frankreich immer wieder angefeindet wird. „In einigen Skigebieten sind die Böden unterhalb der Speicherbecken derart ausgetrocknet, dass die dort landwirtschaftlich genutzten Böden an Fruchtbarkeit verlieren und Feuchtgebiete austrocknen“, so die Hydrologin. Zudem werden die Speicherbecken in die Berglandschaft gefräst, oft an ökologisch empfindlichen Stellen. Und weil Quell- oder Trinkwasser chemisch anders zusammengesetzt ist als Schmelzwasser, kommt es bei der Kunstschneeschmelze zu einem ungewollten Düngeeffekt – was die Pflanzenwelt im alpinen Raum dauerhaft verändern wird.

„Schneekanonen als Übergangslösung“

„Die Schneekanonen können allenfalls eine Übergangslösung sein“, meint Umweltschützer Frey. Man sollte in Zeiten des Klimawandels auf eine andere Art der Freizeitgestaltung setzen. Es gebe, so Frey, einige gut funktionierende Beispiele schneeunabhängiger Winterangebote, etwa den Nationalpark Berchtesgaden oder den Rückbau des Skigebietes am Gschwendner Horn in ein Winter- und Sommerwandergebiet. Zudem hätten Umfragen ergeben, dass ein Großteil der Touristen im Allgäu gar nicht zum Skifahren komme.

Sorgen macht den Umweltschützern im Skizirkus der zunehmende Verkehr: Immer mehr Tagesgäste kommen durch den garantierten Kunstschnee ins Allgäu – und das meist im eigenen Auto. „Obwohl von Stuttgart nach Oberstdorf ein Zug durchfährt“, sagt Frey. Weil die teuren Schneekanonen irgendwie wieder erwirtschaftet werden müssen, sollen zudem immer mehr Menschen so schnell wie möglich auf den Berg transportiert werden. Die gemütlichen Zweier-Sessel findet man nur noch selten. „Zudem möchte man immer höher hinauf“, so Frey. Dieser Trend sei sehr viel besorgniserregender als die künstlich beschneite Piste. Seit 40 Jahren gebe es den sogenannten Alpenplan. Durch ihn werde die einzigartige Bergwelt wirksam geschützt, weil etwa die Ruhezonen in der Höhe nicht erschlossen werden dürfen. Dies jedoch, so fürchtet Frey, droht nun zu kippen.

Artikel wurde am 10. Januar 2013 um 14.29 Uhr von der Redaktion im dritten Absatz geändert: "Für etwa 600 Hektar Beschneiungsfläche in Bayern sind nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz 600 000 Liter Wasser nötig." Richtig ist: 600.000 Kubikmeter Wasser.