Untersuchungsausschuss tagt „Ludwigsburg-Connection“ des NSU im Visier

Von Sven Ullenbruch 

Der Untersuchungsausschuss des Landtags will klären, ob die Rechtsterroristen Unterstützer in Baden-Württemberg hatten.

Im Brandschutt des NSU-Unterschlupfs fand sich ein Stadtplan von Ludwigsburg. Foto: StZ
Im Brandschutt des NSU-Unterschlupfs fand sich ein Stadtplan von Ludwigsburg.Foto: StZ

Stuttgart/Ludwigsburg - Die Kameraden waren bei bester Laune. „Wir haben einfach dumme Sprüche gemacht und Spaß gehabt“, gab Barbara E.-N. Beamten des ­Bundeskriminalamtes zu Protokoll. Beate Zschäpe habe ihrer Mutter Tipps für den Garten gegeben, und Uwe Mundlos sei ein „liebevoller und toleranter“ Mann gewesen. Um Politik sei es nie gegangen. Damals, in den 1990er Jahren, als jene Thüringer Neonazis zum Feiern nach Ludwigsburg kamen, deren Namen heute untrennbar mit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrundes verbunden sind. Am Montag wird die 48-Jährige mit dem Spitznamen „Uschi“ den Landtagsabgeordneten des NSU-Untersuchungsausschusses ihre Erinnerungen an diese Zeit schildern.

Kontakte nach Ludwigsburg als wichtige Spur

Auch Hans-Joachim S., der bei den Zusammenkünften dabei war, ist als Zeuge geladen. Damit nähert sich das Gremium einer Kernfrage seines Aufklärungsauftrages: Hatten die Rechtsterroristen Unterstützer im Südwesten? Die Kontakte des Trios zur Ludwigsburger Clique gelten dabei als wichtige Spur. Immerhin zogen die Ermittler aus dem Brandschutt des NSU-Unterschlupfes in Zwickau auch einen Plan der ehemaligen Residenzstadt. Eine Markierung zeigt: Möglicherweise hatten die Rechtsextremen einen türkischen Kulturverein im Visier.

Etwa 30-mal sollen die Jenaer zwischen 1993 und 2001 die Stadt besucht haben. Im Gegenzug machten Barbara E.-N., Hans-Joachim S. und der 2003 verstorbene Ludwigsburger Neonazi Michael E. Wochenendausflüge in den Osten der Republik. Der zwischen 1991 und 1994 in Stuttgart lebende Skinhead Markus F. aus Chemnitz soll die Baden-Württemberger zu Szenetreffs in Thüringen und Sachsen gelotst haben. Vor dem Oberlandesgericht in München, wo seit Mai 2013 der NSU-Prozess stattfindet, bestritt der Textilreiniger im April 2015 allerdings seine Rolle als Kontaktvermittler. „Nö“, nuschelte F. immer wieder, als ihn der Vorsitzende Richter nach „Uschi“ und Hans-Joachim S. fragte.

Kontaktliste in Garage gefunden

Uwe Mundlos reiste auch noch in den Süden, als er bereits polizeilich gesucht wurde. Ab Januar 1998 führte er mit seinen Komplizen Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ein Leben im Untergrund. Auf die Fahrt nach Baden-Württemberg begab er sich, obwohl Ermittlern bei der Durchsuchung einer Garage der Abgetauchten deren Kontaktliste in die Hände gefallen war.

Darauf standen auch die Telefonnummern der Ludwigsburger. Dass die „Garagenliste“ von der Polizei nicht sachgemäß ausgewertet wurde, wie der NSU-Ausschuss des Bundestages bemängelte, konnte Mundlos zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Als er im Januar oder Februar 2001 in Ludwigsburg ankam, hatte Mundlos bereits seinen ersten Mord begangen. Am 9. September 2000 hatte er zusammen mit Böhnhardt den 38-jährigen Blumenhändler Enver Simsek in dessen Transporter erschossen. Die dabei verwendeten Waffen, eine Ceska Zbrojovka Modell 83 und eine umgebaute Bruni-Schreckschusspistole, sind ein weiterer Anlass dafür, die Verflechtungen des NSU genauer unter die Lupe zu nehmen.

Erstaunt über die Anzahl der Waffen

In Briefen schwärmte Mundlos von den „Spätzles“ in Ludwigsburg: „Wir waren vor allem über die Waffen, die sie alle haben, erstaunt – schon fast ein kleiner Waffenladen.“ Ein V-Mann des Berliner LKA wurde in seiner Vernehmung im Jahr 2012 konkret: Hans-Joachim S. habe mit Waffen gehandelt. Dafür fanden die Ermittler allerdings keine Anhaltspunkte. Bei Hausdurchsuchungen stellten sie neben Neonazi-Devotionalien nur Munition, veränderte Dekowaffen, Schwarzpulver, Messer und Dolche sicher. Mundlos und Böhnhardt seien bei einem Besuch in Ludwigsburg 1996 enttäuscht gewesen, „dass ich damit ja nicht richtig schießen könne“, erklärte der 48-jährige S. dem BKA.

Andere aus der Clique waren besser ausgerüstet. In der Kneipe Oase in Ludwigsburg kam man damals zusammen. Der rechtsextreme Hooligan Steffen J. gehörte zur Stammkundschaft. Er ist den Behörden seit 1987 durch schwere Straftaten bekannt, darunter Raub, schwere Brandstiftung und Verstöße gegen das Sprengstoff- und Waffengesetz. Im März 1996 soll er dem Wirt der Oase eine Pistole des Typs „Magnum 45“ mit 50 Schuss Munition zum Kauf angeboten haben.

Pikante Erkenntnisse

Pikant: Offensichtlich verfügt J. heute legal über Schusswaffen, besitzt als Sportschütze den Europäischen Feuerwaffenpass und eine sprengstoffrechtliche Erlaubnis zum Erwerb von Treibladungspulver. 2014 waren auf den Mann sieben Langwaffen und zwei Kurzwaffen angemeldet.

Auch der militante Neonazi Jug P. aus Marbach zählte zu den Bekannten von Hans-Joachim S. und „Uschi“ und verkehrte in den 1990er Jahren in der Oase. Laut BKA kommt P., der zeitweise in der Schweiz und in Thüringen lebte, als Waffenbeschaffer des NSU in Betracht. Eins ist deshalb sicher: Die „Ludwigsburg-Connection“ des NSU wird die Parlamentarier auch nach der Sitzung am Montag weiter beschäftigen.