KommentarUnwort des Jahres 2016 „Volksverräter“ – Im Schatten des Hakenkreuzes

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Das Unwort des Jahres 2016 ist gekürt. Es lautet „Volksverräter“ und stellt jene, die es verwenden, klar in die Tradition des Nationalsozialismus, kommentiert Lukas Jenkner.

In der verzerrten Gedankenwelt rechter Populisten sind deutsche Politiker „Volksverräter“. Foto: dpa
In der verzerrten Gedankenwelt rechter Populisten sind deutsche Politiker „Volksverräter“.Foto: dpa

Darmstadt/Stuttgart - „Volksverräter“ also lautet das neue Unwort des Jahres. Damit bezeichnen vor allem rechte Populisten und radikale Schreihälse deutsche Politiker, die nach ihrer Auffassung nicht mehr die Interessen der Deutschen vertreten, sondern verraten, in dem sie – nur ein Beispiel aus der kruden Gedankenwelt dieser Menschen – vermeintlich zu viele Migranten nach Deutschland einreisen lassen.

Mit diesem Begriff, der sich in den vergangenen Monaten und Jahren bei vielen Protesten und Demonstrationen als „normales“ im Sinne eines häufig genutzten Wortes festgesetzt hat, ist in der unrühmlichen Tradition des „Unwort des Jahres“ ein neuer Tiefpunkt erreicht. In den vergangenen Jahren waren zwar mit „Gutmensch“ (2015) , „Lügenpresse“ (2014) und „Sozialtourismus“ (2013) ebenfalls Begriffe aus dem braunen Wortsumpf der rechten Populisten gehoben worden, doch „Volksverräter“ weist mehr als bisher klar und deutlich in den Abgrund der deutschen, nationalsozialistischen Vergangenheit.

Der braune Sumpf trocknet nicht aus

Wer einen anderen Menschen als „Volksverräter“ beschimpft, stellt sich in die Tradition des Volksgerichtshofs unter dem infamen Roland Freisler, der im Dritten Reich zahlreiche Deutsche mit Hilfe des NS-Straftatbestands des Volksverrats zum Tode verurteilt hat, darunter die Mitglieder der Weißen Rose und Beteiligte des Attentats vom 20. Juli 1944 um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Wer den „Volksverräter“ in seinem Vokabular hat, über dem schwebt des Hakenkreuz. Dazu passen auch „Volksfeind“ und „Volksschädling“. Der Weg bis dahin und von dort in die politische Verfolgung ist nicht mehr weit, sondern nur eine Frage der Machtverhältnisse. Bereits jetzt heißen nicht mehr nur deutsche Politiker bei den Rechten „Volksverräter“, sondern auch ganz normale Menschen, die sich gegen diese braune Flut stemmen. Wer sich in den sozialen Medien umschaut, merkt schnell, wie vergiftet das Klima inzwischen ist. Was passiert, wenn diese Hetzer ernsthaft Macht in die Hände bekommen sollten?

Mit dem „Volksverräter“ ist ein Begriff aus der nationalsozialistischen Ideologie zurück auf die Plakate der rechten Hetzer gelangt. Dies zeigt, welche Ideen und Vorstellungen auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches in manchen Wirrköpfen noch herumschwirren. Der braune, deutsche Sumpf – er trocknet einfach nicht aus. Das ist vielleicht eine der bedrückendsten Erkenntnisse aus dem neuen „Unwort des Jahres“.