Vernetzung Schalt mich ab!

Von Christiane Schulzki-Haddouti 

Das Forschungsfahrzeug Mercedes-Benz F 015 steht unter anderem für ständigen Datenkontakt nach außen. Es gibt aber Autofahrer, die die Kontrolle über ihre Daten behalten wollen. Ein Leonberger Autokäufer erfuhr, dass das nicht immer klappt.

Der autonom fahrende Mercedes-Benz F 015 ist Exponat auf dem Festival Ars Electronica in Linz (noch bis Montag). Das Forschungsfahrzeug  steht dort unter anderem für kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen Fahrzeug, Passagieren und Außenwelt. Doch mancher Autokäufer von heute würde solche Datenverbindungen gerne kappen. Foto: Florian Voggeneder
Der autonom fahrende Mercedes-Benz F 015 ist Exponat auf dem Festival Ars Electronica in Linz (noch bis Montag). Das Forschungsfahrzeug steht dort unter anderem für kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen Fahrzeug, Passagieren und Außenwelt. Doch mancher Autokäufer von heute würde solche Datenverbindungen gerne kappen.Foto: Florian Voggeneder

Moderne Fahrzeuge sind nicht nur voller Elektronik, sondern auch voller Hard- und Software. Mehr als vierzig Mikroprozessoren werten Daten von Dutzenden Sensoren aus. Jede Stunde werden Datenmengen zwischen zehn und 25 Gigabyte produziert. Überdies hat jedes Fahrzeug eine eindeutige Fahrzeug-Identifizierungsnummer, die online abgefragt werden kann. Navigationsdienste verwenden zudem Daten aus GPS-Modulen und die Nummer der eingebauten SIM-Karte (mit der Teilnehmer sich im Mobilfunknetz identifizieren).

Manche Autos verfügen über einen Unfalldatenspeicher, der Daten dreißig Sekunden vor sowie während und nach einem Verkehrsunfall speichert. Mit den Daten zur Geschwindigkeit, Richtung, Zündung, Bremse, Blinker und Licht können Sachverständige später die Ereignisse rekonstruieren. Der Fahrer kann die Daten in der Regel löschen, wenn die Funktion nicht, wie etwa bei Firmen- oder Mietwagen, gesperrt wurde.

Die meisten Kunden sehen die Entwicklung positiv

Nicht allen Fahrzeugkäufern sagen diese neuen Funktionen zu; viele Kunden haben sich aber auch noch gar nicht damit befasst. Eine Umfrage von TNS Infratest fand im vergangenen Jahr heraus, dass nur fünf Prozent der Autofahrer bereits vernetzte Dienste nutzen oder dies planen. Nur neun Prozent haben sich überhaupt mit dem Thema befasst. Gleichwohl stehen die meisten der Entwicklung positiv gegenüber, da sie sich einen Sicherheitsgewinn durch Notrufe und Vorteile durch Navigationsdienste versprechen.

Es gibt aber auch Kunden, die großen Wert auf ein unbeobachtetes Fahren legen. Der Leonberger Ingo Scherzberg etwa fährt seit vierzig Jahren Mercedes. Jüngst aber scheiterte eine Neuanschaffung daran, dass er dem Vernetzungskonzept von Daimler nicht genügend vertrauen konnte. So lehnen er und seine Frau eine Übertragung von Ortsdaten „strikt“ ab. Scherzberg kann darin keinen Service erkennen: „Der Staat hat die Speicherung von Telefondaten durchgesetzt und das Bankgeheimnis ausgehebelt, zweifellos wird er auch die Herausgabe der Ortsdaten fordern.“ Bei dem Gedanken, nun auch von der Daimler AG und deren Dienstleistern überwacht zu werden, drängt sich Scherzberg „der Vergleich mit einem Sträfling auf, der seine ‚Freiheit‘ mit einer elektronischen Fußfessel genießen darf.“

Was lässt sich deaktivieren?

Im Verkaufsberatungsgespräch betonte er deshalb ausdrücklich, dass er keineswegs vom Hersteller und seinen Dienstleistern überwacht werden wolle. Der Verkäufer sagte ihm zu, dass sich alle „optionalen“ Funktionen deaktivieren ließen. Daimler-Sprecher Benjamin Oberkersch betonte gegenüber der Stuttgarter Zeitung überdies, dass personenbezogene und personenbeziehbare Daten nur dann gespeichert würden, wenn der Kunde dies genehmigt habe. Seine Genehmigung kann der Kunde jederzeit widerrufen und die Übertragung von Daten aus dem Fahrzeug abschalten. So war Daimler auch auf Scherzbergs energischen Einspruch bereit, die Notruffunktion zu deaktivieren, die „permanent und vollautomatisch aktiviert“ war.

Erst nach der Auftragsbestätigung wurde Scherzberg bei der Lektüre der Broschüre „Ihr Weg zu Mercedes connect me“ klar, dass das Kommunikationsmodul, über das die Ortsdaten übertragen werden, nicht ausgebaut werden würde. Als er in den Hinweisen zur „Informationssicherheit“ in der Broschüre auch noch Hinweise auf mögliche Hackerangriffe entdeckte, war es bei ihm „ganz aus“, wie er sagt. Nachdem er heftig protestiert und sowohl den baden-württembergischen Landesdatenschützer wie auch die baden-württembergische Verbraucherzentrale eingeschaltet hatte, annullierte Daimler den Kaufvertrag. Auch bei einem Bekannten von Scherzberg scheiterte ein Neukauf bei einem anderen Händler aus den gleichen Gründen.

Verbraucherschützer Eckhard Benner meint, dass Scherzbergs Chancen, den Vertrag gerichtlich erfolgreich anzufechten, gut gewesen seien. Denn obgleich er im Kaufvertrag über das Kommunikationsmodul schriftlich aufgeklärt wurde, sei im Beratungsgespräch wohl irgendwie ein falscher Eindruck entstanden. Scherzberg genügte die Zusage von Daimler nicht, das Notrufsystem abzuschalten. „Wie kann ich denn als Kunde wirklich kontrollieren, ob keine Daten übertragen werden? Vertrauen allein reicht mir nicht.“

Der Kunde muss der Werkstatt vertrauen

Daimler-Sprecher Benjamin Oberkersch betont, dass das Kommunikationsmodul in einen „Out-of-Service“-Modus versetzt werden kann, in dem das Fahrzeug „definitiv offline“ sei. Der Kunde merkt das daran, dass Funktionalitäten wie etwa die Echtzeitverkehrsinformationen nicht mehr verfügbar sind. Ein technischer Nachweis ist jedoch schwierig. „Letzten Endes muss der Kunde dem Mercedes-Benz Werkstattmitarbeiter vertrauen, dass das Modul in den entsprechenden Modus versetzt wurde“, meint Oberkersch.

Scherzberg wird sich jetzt nach vierzig Jahren von Mercedes ab und Volkswagen zuwenden. VW hat nämlich noch Neuwagen in petto, in denen keine Ortungsmodule eingebaut sind.

Andere Hersteller, andere Praxis

Wie bei Daimler kann der Kunde auch bei BMW die Dienste „Intelligenter Notruf“ und „Teleservices“ jederzeit bei einem Vertragshändler oder einer BMW-Niederlassung deaktivieren lassen. BMW bietet den Käufern eines neuen Connected-Drive-Wagens überdies einen speziellen „GetDisconnected“-Vertrag an, der die komplette Abschaltung des Kommunikationsmoduls nach sich zieht. Damit wird auch die im Fahrzeug verbaute SIM-Karte deaktiviert, so dass keinerlei Datenübertragung vom und zum Fahrzeug mehr möglich ist. Hier muss der Kunde darauf vertrauen, dass die SIM-Karte wirklich deaktiviert wurde, da sie nicht ausgebaut werden kann. Anders hat das übrigens Audi gelöst: Hier kann der Fahrer seine private SIM-Karte für die Datenübertragung nutzen – und hat es damit buchstäblich selbst im Griff, ob eine Kommunikation stattfinden kann.