Verratene Frauengeneration Teilzeit macht Altersarmut

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Christina Bylow und Kristina Vaillant rechnen in ihrem Buch „Die verratene Generation“ mit Lebenslügen der Politik ab, die Frauen der Babyboomer-Jahre Altersarmut bescheren werden. Unsere Autorin Katja Bauer hat mit beiden gesprochen.

Gut ausgebildet, Mutter mit Teilzeitjob – und trotzdem schlecht abgesichert Foto: photothek
Gut ausgebildet, Mutter mit Teilzeitjob – und trotzdem schlecht abgesichertFoto: photothek

Stuttgart - „Die verratene Generation“ heißt ihr Buch, und was Christina Bylow und Kristina Vaillant damit meinen, das ist ihre eigene Generation: Frauen in der Lebensmitte, die merken mussten, dass es mit Chancengleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und anderen Versprechungen, mit denen sie in den Siebzigern aufgewachsen sind, nicht weit her war.

Frau Bylow, Frau Vaillant, Sie gehören selbst zur Generation der Frauen, die zwischen 1958 und 1968 geboren sind. Was charakterisiert diese Generation?
Bylow Einerseits wurden wir mit dem Anspruch erzogen, dass uns alles offen steht. Aber dann haben wir schon als junge Frauen beobachtet, was
Christina Bylow Foto: Kuke
sich wirklich abspielt: Wo sind eigentlich die Frauen in den interessanten, anspruchsvollen Berufen, und wo bleiben sie, sobald sie Kinder bekommen? Dazu kam eine klare Erwartungshaltung, wie Frauen als Mütter zu sein hätten. Zwischen diesen Ansprüchen den eigenen Weg zu finden, war schwer. Bei Familie und Beruf galt: entweder oder!
Für die Männer nicht.
Bylow Die meisten gutausgebildeten Männern unserer Generation haben Kinder und Karriere, und sie werden im Alter eine hohe Rente haben. Sie mussten sich nicht entscheiden.
Aus Ihrem Buchtitel „Die verratene Generation“ spricht durchaus Wut.
Bylow Ja. Über politische Weichenstellungen, die dazu führen, dass Frauen wie wir, die ihr ganzes Leben lang viel gelernt und gearbeitet haben, die Kinder erzogen haben, im Alter möglicherweise nicht genug zum Leben haben. Und dass diese Wut nicht nur ein Gefühl ist, zeigt die Berliner Professorin Barbara Riedmüller in ihrer Studie über die Rentenerwartung von Frauen im mittleren Lebensalter. Wir sind nicht die Ausnahme, das glaubt nur jede von sich – und gibt sich oft selbst die Schuld. Dabei gibt es klar benennbare Ursachen, und die sind in der Politik auch seit langem bekannt.
Der Studie zufolge wird mehr als jede dritte Frau Ihrer Generation von ihrer Rente nicht leben können, 40 Prozent der Frauen werden höchsten 600 Euro bekommen, obwohl 80 Prozent berufstätig sind. Wie kann das sein?
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3 KommentareKommentar schreiben

Unter stärkstem Druck: Ich arbeite seit vielen Jahren Teilzeit 4x 7,5 Std. die Woche. Aufträge mussten immer "Diese Woche" fertig sein und ich hab` geschufftet. Jetzt geht es an das Ende. Verschlissen und Verheizt hab` ich den Salat.

Wahre Worte: Mag sein, dass viele Frauen bis vor ein paar Jahren sich einer Illusion und dem schönen Leben hingegeben haben und also "selbst schuld" sind. Allerdings war für die meisten dieser Frauen die Gesetzesänderung von 2008 wohl nicht absehbar, (Und niemand erzähle mir, dass andere das anders gehandhabt hätten. Ich kann mich noch an die Radiomeldung erinnern und daran, dass ich mich gefragt habe, wie man das anstellen soll: jetzt plötzlich wieder Vollzeit einsteigen, nachdem der gesamte Lebensentwurf anders ausgerichtet war und die Berufsaussichten entsprechend düster sind.) Damals hatte ich selbst noch keine Kinder und habe Vollzeit gearbeitet. Aber jetzt geht mein Sohn in die Kita, ich habe Glück, er hat einen guten Platz, liebevolle Betreuung bis 16h und er geht gern hin. Damit bin ich, sind wir als Familie privilegiert und auch mein Mann kann ohne schlechtes Gewissen zur Arbeit gehen - Vollzeit selbstredend. Ich hingegen arbeite "nur" 30 Stunden, mehr wäre sehr schwierig. Und ich führe mit meiner Personalchefin gerade die Debatte, dass ich auch nach Ende der dreijährigen Elternzeit im Mai nicht gleich wieder in Vollzeit arbeiten will und kann - dass ich aber gern die Möglichkeit hätte, in einigen Jahren neu darüber zu entscheiden. Der Grund, den ich ihr nannte, war mein Misstrauen in die Versorgerehe als Finanzierungsmodell. Auf die Antwort warte ich jetzt seit vier Wochen.

Was bitte ist fair?: Meine Mutter ist in der selben Generation geboren. Doch Sie hat trotz Kindererziehung immer Vollzeit gearbeitet. Wieso soll sie jetzt mit Ihren Steuern dafür aufkommen, dass die Frauen, die sich für den Luxus des Zuhausebleibens entschieden haben, vergessen haben frühzeitig vorzusorgen? Auch weil gerade jene Frauen meine Mutter immer schön selbstgerecht angeklagt und als Rabenmutter tituliert haben.

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