KommentarVfB Stuttgart und die Profi-Ausgliederung Ansatz richtig, Zeitpunkt falsch

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Der VfB Stuttgart forciert mitten im Aufstiegsrennen die Umwandlung der Profiabteilung in eine AG und setzt damit ein Thema, das polarisiert. Er tut dies zum falschen Zeitpunkt, kritisiert der StZ-Autor Peter Stolterfoht.

Wolfgang Dietrich will seinem Ruf als Macher gerecht werden. Foto: dpa
Wolfgang Dietrich will seinem Ruf als Macher gerecht werden. Foto: dpa

Stuttgart - Im Fußball gibt es diese ganz besonderen Unentschieden. Das sind jene, die eine eigentlich enttäuschende Punkteteilung in etwas Außergewöhnliches verwandeln. Dieses Kunststück ist am Sonntag dem VfB Stuttgart geglückt, als gegen Dynamo Dresden ein 0:3-Rückstand in letzter Sekunde egalisiert wurde. Dramaturgisch gekrönt wurde das Spiel, dass es eben dieser eine Punkt ist, der Stuttgart wieder zum Tabellenführer in der zweiten Liga macht.

Im Sport ist in diesen seltenen Fällen auch immer wieder vom „Timing“ die Rede, vom richtigen Zeitpunkt. Den hat die Vereinsführung des VfB am Sonntag allerdings nicht erwischt, als sie direkt vor dem Dresden-Spiel eine Gruppe handverlesener Journalisten über die nun ganz konkreten Pläne zur Ausgliederung informiert hat.

Fehlendes Fingerspitzengefühl

Dieses sehr heikle Thema in einer Woche zu platzieren, die sportlich mit dem Mittwochspiel bei 1860 München und dem anschließenden Derby gegen den Karlsruher SC hoch emotional ist, zeugt von wenig Fingerspitzengefühl. In der entscheidenden Saisonphase, in der doch eher der Schulterschluss zwischen Club und Fans zielführend erscheint, wird stattdessen ein polarisierender Programmpunkt aufgerufen. Denn unter den Mitgliedern gehen die Meinungen über die mögliche Ausgliederung der Profiabteilung in eine AG weit auseinander. Es ist vor allem die große Fanbasis in der Cannstatter Kurve, die sich in der Vergangenheit dafür stark gemacht hat, die bisherige Rechtsform als komplett eingetragener Verein beizubehalten.

In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 1. Juni sollen nun die Mitglieder darüber entscheiden, ob sie den vom Präsidenten Wolfgang Dietrich eingeschlagenen Weg mitgehen wollen. Der benötigt dort eine 75-prozentige Zustimmung. Die sehr hohe Hürde, die vor der Umstrukturierung steht, scheint nur dann zu nehmen zu sein, wenn der VfB zuvor den Aufstieg feiern durfte.

Am 1. Juni wird darüber entschieden, ob 24,9 Prozent der Clubanteile an Investoren, allen voran Daimler, veräußert werden. Gleichzeitig sind es aber auch Vertrauensfragen, die sich die Mitglieder stellen. Wird die aktuelle Vereinsführung der hohen Verantwortung gerecht, die eine Umstrukturierung mit sich bringt? Hat sie die Kompetenz, um die rund 100 Millionen, die die Ausgliederung in die Kasse spülen soll, gewinnbringend einzusetzen? Und lohnt es sich für die Mitglieder, ihr direktes Mitspracherecht im Verein in ein indirektes in einer AG umwandeln zu lassen? Es ist zu früh, diese Fragen fundiert zu beantworten – auch angesichts eines Präsidenten, der gerade erst ein halbes Jahr im Amt ist.

Jetzt soll es plötzlich schnell gehen

Während der Zeitpunkt für die Entscheidung zur Ausgliederung falsch ist, erscheint die prinzipielle Idee für die Ausgliederung richtig. Zumindest wenn man will, dass der VfB wieder konkurrenzfähig wird und es dann auch bleibt. Eine Verweigerungshaltung ändert nichts daran: Fußball ist schon lange ein Millionengeschäft und funktioniert in der Spitze nach rein marktwirtschaftlichen Regeln. Ein Verein bewegt sich in diesem Umfeld schwerfällig wie ein Dinosaurier und wird irgendwann ausgestorben sein. Seit gefühlten Urzeiten doktert auch der VfB bereits an einer Umstrukturierung herum. Dieses Thema hat Wolfgang Dietrich von seinen Vorgängern übernommen. Jetzt will er es einer schnellen Entscheidung zuführen, wohl auch mit der Absicht, seinem Ruf als Macher gerecht zu werden. Dabei sollte aber auch immer die Prioritätenliste im Auge behalten werden. Und auf der müsste im Moment einzig und allein das Wort „Aufstieg“ stehen.

Für dieses wichtigste VfB-Projekt seit Jahrzehnten sollten alle Kräfte gebündelt werden. Schließlich ist auch die Umsetzung dieses Plans nach vier sieglosen Spielen in Gefahr geraten. Darüber können das Spiel gegen Dresden und die Tabellenführung nicht hinwegtäuschen.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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