Wahlkampf in Baden-Württemberg Mössingen rechnet mit Schwarz-Rot

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Mössingen liegt im Kreis Tübingen und hat bei der Landtagswahl vor fünf Jahren fast genau das Landesergebnis erzielt. So nahe dran war sonst keine der 1102 Gemeinden in Baden-Württemberg. Wenn das kein Grund ist, dort zu fragen, wie es diesmal ausgeht.

Ein paar Plakate machen deutlich: auch in Mössingen ist der Wahlkampf angekommen. Dahinter geht es auf die Alb rauf. Foto: Klaus Franke
Ein paar Plakate machen deutlich: auch in Mössingen ist der Wahlkampf angekommen. Dahinter geht es auf die Alb rauf.Foto: Klaus Franke

Mössingen - So sieht es also aus, wenn der Wahlkampf tobt: Die Straßenlaternen an den Einfallstraßen sind von der AfD okkupiert. Die Linke hat sich noch ein paar Plätzchen gesichert. Von den anderen sieht man kaum etwas. Was ist los in Mössingen? Keine Lust auf Wahlkampf? Fragen wir mal. Den jungen Mann da, der auf seinen Steppke aufpasst ...

Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?
Hm.
Können Sie mir vielleicht sagen, wie die Landtagswahl am 13. März ausgeht?
Hm?
Vor fünf Jahren hat Mössingen fast genau so gewählt wie das Land; deshalb dachte ich, hier zu erfahren, wie es diesmal kommt.
Ich glaube, da bin ich der falsche Ansprechpartner.
Werden Sie denn nicht wählen gehen?
Weiß ich noch nicht.
Auch was Sie dann wählen würden?
Keine Ahnung.
Meinen Sie, Winfried Kretschmann kann sich im Amt halten?
Da bin ich der falsche Ansprechpartner.

Okay, liebe Wahlkampfstrategen bei den Parteien, es gibt offensichtlich noch einiges zu tun. Es ist die Fasnetswoche. So lange ist es also nicht mehr bis zum 13. März.

Dirk Abel müsste mehr wissen. Auch er war zunächst überrascht von der Ansage, dass unter den 1102 Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg am 27. März 2011 Mössingen das Endergebnis fast genau getroffen hat. Abel hat sich vergewissert. Er hat dabei festgestellt, dass Mössingen auch die Bundestagswahl 2013 „gar nicht so schlecht“ abgebildet habe. Der stellvertretende Referatsleiter im Finanz-und Wirtschaftsministerium wünscht sich, dass seine Partei in seiner Stadt dieses Ergebnis wiederholen könnte.

Spätestens jetzt ist klar, dass Dirk Abel Christdemokrat ist. Die CDU holte bei der Bundestagswahl 46,5 Prozent. In Mössingen. Das ist eine stolze Zielmarke, denn die Umfragewerte für die Union sind nicht berauschend. Abel weiß das und relativiert: Wenigstens über dem Landesdurchschnitt will er liegen.

Wie kommt’s, dass die Mössinger in der Wahlkabine ein geschicktes Händchen haben? „Eigentlich ist Mössingen gar nicht so politisch“, sagt Abel. Jedenfalls nicht an den Parteien orientiert. Die Kommunalpolitik spielt die Hauptrolle, und die werde von den Freien Wählern dominiert.

Geschichtsträchtige Stadt

Diese Einschätzung teilt Arno Valin; er ist der Chef der Mössinger Sozialdemokraten. Die SPD hat bei der Gemeinderatswahl 2014 ganz ordentlich abgeschnitten, hinter den Freien Wählern ist sie die zweitstärkste Liste. Ihre Gemeinderäte seien die eigentlichen Galionsfiguren der SPD in der Stadt. Sie sind bekannt und werden angesprochen. Da kann sich der Ortsverein noch so bemühen, mit politischen Stammtischen bei den Leuten im Gespräch zu bleiben.

Auch für Ralf Stahl ist wichtig, dass seine Partei Spuren im unmittelbaren Nahbereich hinterlässt. „Die Stadtverwaltung kümmert sich um ökologisches Bauen,“ sagt der Kassier im Grünen-Ortsverband durchaus zufrieden.

Nun ist aber nicht Gemeinderats- sondern Landtagswahl. Und mit ihrer Historie kann das die Stadt ja wohl nicht kalt lassen.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers versammelten sich am Abend des 30. Januar 1933 etwa 200 Aktivisten aus Mössinger Arbeitervereinen in der Langgaß-Turnhalle. Sie beratschlagten über einen von der KPD deutschlandweit propagierten Generalstreik, der Hitler stoppen sollte. Tags darauf machten sie sich auf, die Arbeiter aus den Betrieben zu holen. Die Beschäftigten der Buntweberei Pausa folgten. Der Trikotwarenhersteller Merz, der größte Arbeitgeber am Ort, fand die Umtriebe indes unbotmäßig und rief die Polizei. Die auf 800 Menschen angewachsene Menge – bei damals rund 4000 Einwohnern! – traf auf die aus Reutlingen herbeieilende Polizei. Da wurde klar, dass sich außer den Mössingern niemand am Generalstreik beteiligt hatte.

300 Leute bei Kretschmann

Wenn man die Stadt heute sieht – hoher Freizeitwert, beste Wohnlagen am Albrand, die Nähe zu Arbeitsplätzen, seien es industrielle in Reutlingen oder akademische in Tübingen – kann man sich die rote Vergangenheit kaum vorstellen.

Die Pausa gibt es nicht mehr, das Gelände gehört jetzt der Stadt. Sie hat dort den Löwenstein-Platz eingerichtet – eine Reverenz an die damaligen Firmeneigner Artur und Felix Löwenstein; sie waren Juden und verloren schon 1936 ihren Besitz, sie wurden gezwungen, die Firma zu verscherbeln und auszuwandern. Heute versammelt man sich in der Tonnenhalle der Pausa gelegentlich zu Veranstaltungen. Etwa wenn der Ministerpräsident Winfried Kretschmann wahlkämpfend in die Stadt kommt.

Die Grünen sind stolz, 300 Leute zu dieser Veranstaltung mobilisiert zu bekommen. Anderswo wäre die Spitzenfigur im Wahlkampf vielleicht für 600 oder 1000 Besucher gut. Hier nicht. Obwohl sie aus dem ganzen Wahlkreis kommen. Täuscht der Eindruck, dass viele auch schon graue Schläfen haben? Kretschmann enttäuscht sie nicht, sie dürfen sich bestätigt fühlen.

Wie zufrieden ist das Volk mit der Regierung, die es 2011 gewählt hat?

Eigentlich ist Sven Kremer Chef der Nabu-Ortsgruppe in Mössingen und war als Auskunftgeber in Sachen Umwelt- und Naturschutz ausersehen. Aber Kremer ist auch Pädagoge, Leiter einer Sonderschule in Hechingen, und es pfupfert ihn doch sehr, auch die Bildungspolitik zu würdigen. Das fällt ziemlich durchwachsen aus.

3 Kommentare Kommentar schreiben

Wahlen 2016: Nicht nur in Mössingen problematisch, man weiß nicht wen man wählen soll und kann. Kretschmann im Prinzip ein bodenständiger Typ, umweltpolitisch super, aber leider zu weit links und die CDU inzwischen auf der Position der SPD und zu sehr lobbyistisch. Die SPD zu angepasst, farblos, wischi-waschi, opportunistisch und dann die Alternative, na ja Alternative? Alternative zum Wachrütteln damit wir in Zukunft wieder Alternativen haben? In allen Nachbarländern schlagen die Politiker in der Flüchtlingspolitik andere Wege ein, nur Deutschland bleibt seiner Welcomepolitik treu. Keine Partei außer der CSU, die Kritik äußert, aber letztendlich doch immer wieder kneift und der AfD, die als einzige Partei eine andere Position vertritt, aber rechts eingestuft wird.

Eine mögliche und gute "Alternative": Freie Demokraten.

Tja ... : Da ist wohl guter Rat teuer. Nun, wenn Sie einen krisensicheren, wirtschaftsunabhängigen Job (z.B. Verbeamtung, am besten in der höheren Beamtenlaufbahn) haben und das Flüchtlingsthema, wie scheinbar für alle anderen hier auch, ihr einziges Wahlkriterium ist, können Sie ja AfD zum "Wachrütteln" wählen. Wenn das nicht der Fall ist, könnten Sie auch einen aktuellen Blick nach Polen werfen wo sich verständlicherweise immer mehr gepiesackte ausländische Investoren zurückziehen. ____ http://www.welt.de/finanzen/immobilien/article152043511/Polen-aergert-internationale-Immobilien-Investoren.html _____ um mögliche Auswirkungen abzuschätzen. Ich für meinen Teil bin mit meinem Leben so wie es ist zufrieden. Ob mit oder ohne Flüchtlingen. Und ich halte auch Frau Merkels Politik bei allen momentanen Problemen im gesamten politischen Kontext für klug und vorausschauend. Es wäre schön wenn sich daran nicht viel ändert. Wie gesagt ... wir sind noch ein freies Land. Sie können wählen wen Sie wollen.

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