Wald in Baden-Württemberg Der Wald bleibt ein Dauerpatient

Andrea Koch-Widmann, 21.11.2012 18:25 Uhr

Stuttgart - Es gibt keinen Anlass zur Entwarnung: Der Zustand der Wälder im Land hat sich in diesem Jahr verschlechtert. Die Bäume zeigen Kronenschäden und Blattverluste, leiden unter Kaliummangel. 36 Prozent der Waldfläche sind deutlich geschädigt, das ist eine Zunahme um drei Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr, sagte der Minister für den Ländlichen Raum, Alexander Bonde (Grüne), bei der Vorstellung des Waldzustandsbericht 2012. Besorgnis erregend sei der deutliche Rückgang der ungeschädigten Waldflächen um fast ein Drittel. Nur noch 26 Prozent der Waldfläche sei gesund. Dies sei vor allem auf den Spätfrost und die lange Trockenheit im Frühjahr, auf Schädlingsbefall und Krankheiten zurückzuführen.

„Es ist klar, dass der Klimawandel ein erkennbarer Stressfaktor für das Ökosystem Wald ist“, sagte Bonde. Die Prognose sieht nicht gut aus: Ungewöhnliche Witterungsabläufe und Extremwetterlagen werden zunehmen. Der Wald müsse also fit gemacht werden für den Klimawandel. Dazu zähle insbesondere der Aufbau von klimastabilen Mischwäldern. Laubbäume, so erläuterte der Minister, wurzelten tiefer als die Fichte, die bisherige Hauptbaumart (35,6 Prozent) im Staatsforst. Buche, Eiche, Esche oder Ahorn seien deshalb standfester bei Orkanen, widerstandsfähiger gegenüber Umwelteinflüssen und Witterungsschwankungen.

Minister Bonde: „Waldböden haben ein langes Gedächtnis“

Allerdings wirken bei den tief wurzelnden Laubbäumen nun die Belastungen der vergangenen Jahrzehnte nach – zum Beispiel der saure Regen. „Waldböden haben ein langes Gedächtnis“, sagte Bonde. So hat sich der Gesundheitszustand der Eiche 2012 erheblich verschlechtert – sie hat mit 31,6 Prozent den größten sogenannten mittleren Blattverlust. Zugesetzt haben der Eiche das trockene Frühjahr, Raupen und Mehltau. Der Zustand der Buche ist mit 28,1 Prozent Blattverlust laut Bonde auch Besorgnis erregend, habe sich jedoch leicht verbessert. Nach drei guten Jahren hat sich die Situation bei der Fichte wieder verschlechtert, um 5,1 Prozent auf ein Schadenniveau von 21,4 Prozent.

Für den Forstminister ist der jährliche Waldzustandsbericht ein „umfassender Umwelt- und Ökosystembericht“, der den Zustand der Wälder, der „naturnächsten“ Lebensräume, umfassend beschreibt. Angesichts der schlechten Prognose müsse alles darangesetzt werden, den Treibhausgasausstoß deutlich zu reduzieren. Dazu zähle die konsequente Umsetzung der Energiewende und der Ausbau der erneuerbaren Energien. „Jeder muss seine Hausaufgaben machen“, sagte Bonde.

CDU-Opposition und Naturschutzverbände vermissen Konzepte

Die oppositionelle CDU wirft dem Minister Untätigkeit vor. Er biete „ Allgemeinplätze“, aber keine konkreten Konzepte, wie der Zustand der Wälder verbessert werden könne, kritisierte der forstpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Patrick Rapp. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) moniert, dass die Landesregierung „viel zu wenig Taten folgen“ lasse. Die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender fordert mehr Anstrengungen bei der Luftreinhaltung. Die Kalkung der Waldböden behandle nur das Symptom der Versauerung, nicht aber die Ursache, also die viel zu hohen Emissionswerte bei Industrie, Gewerbe, Verkehr und Landwirtschaft. Das sieht auch Andre Baumann so, der Landeschef des Naturschutzbunds. Er verweist zudem auf den zu hohen Wildbestand. Junge Tannen und Eichen, die Hoffnungsträger im Klimawandel, hätten wenig Chance hochzuwachsen, weil sie zu oft von Rehen verbissen würden. „Unser Wald bleibt Dauerpatient“, sagte Baumann.