Weiers Weinlese Ein Platz an der Theke

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Der Job als Hobbywinzer bringt nicht nur Arbeit im Weinberg mit sich, als Genosse muss der Mensch auch bei den Festen seines Vereins ran. Unser Weinkolumnist Michael Weier hat auf der Weinmeile ausgeschenkt – und einiges dabei gelernt.

Der Weinkolumnist hinter der Theke: Ein anstrengender Job
Foto: Martin Stollberg Foto:  
Der Weinkolumnist hinter der Theke: Ein anstrengender Job Foto: Martin Stollberg
Michael Weier

Stuttgart - Der beste Platz, heißt es in einschlägigen Kreisen, ist immer noch an der Theke. Diesen Ratschlag habe ich bei meiner jüngsten Feldforschung befolgt. Auf der Weinmeile in Rotenberg habe ich dieses Mal allerdings auf der anderen Seite der Theke meinen Platz eingenommen und bei dem Fest fleißig ausgeschenkt.

Ich habe dabei gemerkt: Auch an dieser Stelle kann man sehr viel lernen, ohne einen Schluck zu trinken. Regel eins im Gastrogewerbe ist nämlich: nüchtern bleiben. Aber dies war wirklich das kleinste Problem, denn ohne klaren Kopf wäre das mit dem Kopfrechnen doch ziemlich kompliziert geworden. Ein Glas Rosé für 2,50 Euro, einen Weißburgunder für 3 Euro, einen Sprudel für 2,50 Euro, das Pfand aber nicht ­vergessen. Und immer an das Zauberwort mit zwei T denken, das mein Sohn so liebt: Aber flott! In der Reihe ­warteten schon jede Menge weitere Menschen, die sich auf ein Glas Wein mitten zwischen den Reben freuten. Ich war gut sechs Stunden im Einsatz, langweilig wurde mir nie.

Die Menschen lieben Rosé

Ich habe nicht nur gelernt, dass dieser Job anstrengend sein kann, ich habe auch die Vorlieben des Publikums studiert. Bei angenehmen Temperaturen ging natürlich vornehmlich kühler Wein über die Theke. Wobei ich die Vorlieben nicht hundertprozentig erfasst habe. ­Cuvée blanc (eine Mischung von Kerner, ­Chardonnay und Sauvignon blanc, wie ich als Kenner mehrfach erklären durfte) und Weißburgunder, gefolgt vom Riesling Sand – so schätze ich. Auf dem ­ersten Platz müsste allerdings der Rosé gelandet sein. Was davon weggepichelt wurde, hat mich total erstaunt. Hier ­wurde übrigens seltener nach den Rebsorten gefragt. Ich hätte sie auch nur schwer runterbeten ­können: Herold, Merlot, Lemberger, Spätburgunder und Acolon. Noch so eine Denksportaufgabe wie das Kopfrechnen hätte mein Gehirn sicher nicht bewältigt.

Letztlich bestätigte sich dadurch aber meine These: Rosé, vielfach als lästiges Nischenprodukt belächelt, hält sich ­nicht nur wacker, er legt sogar zu. Über zehn Prozent am gesamten Absatz nimmt er inzwischen ein, Tendenz nach wie vor steigend. Was natürlich auch daran liegt, dass die Tropfen immer besser gemacht sind und nicht mehr nur Abfallprodukt von Rotweinen (denen Saft entzogen wird, damit sie kräftiger werden). Rosé wird bewusster produziert.

Aber das wusste ich bereits, gelernt habe darüber hinaus noch: Der Mensch lässt sich vom Äußeren leiten. Als es um eine Nachfrage ging und mein Nebenmann Matthieu nicht sofort die Antwort wusste, sagte der Kunde: Fragen wir mal beim Chef nach. Und er meinte tatsächlich mich! Matthieu hat Weinbau ­studiert, ich bemühe mich als blutiger Anfänger. An der Theke mache ich ganz offenbar stets einen sehr professionellen Eindruck, was nicht nur allein am Alter liegen kann.