Weil im Schönbuch/Ludwigsburg Mordversuch im Namen der Ehre

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Das Stuttgarter Landgericht hat einen 56-Jährigen zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Der Mann aus Weil im Schönbuch hatte vorigen Sommer auf einem Parkplatz in Ludwigsburg seine Frau fast tot geprügelt.

Zwölf Jahre muss ein Mann  ins Gefängnis, der seine Frau fast tot geprügelt hat. Foto: dpa
Zwölf Jahre muss ein Mann ins Gefängnis, der seine Frau fast tot geprügelt hat. Foto: dpa

Ludwigsburg - Der Angeklagte springt vom Sitz und brüllt, als er das Urteil hört: zwölf Jahre Gefängnis wegen versuchten Mordes an seiner Frau. Der 56-Jährige stößt Tiraden auf Türkisch aus, drei Wachtmeister des Stuttgarter Landgerichts zerren den tobenden Mann aus dem Gerichtssaal. Nach einer halben Stunde hat er sich etwas beruhigt. Während die Vorsitzende Richterin Regina Rieker-Müller das Urteil der 1. Schwurgerichtskammer begründet, lässt der Angeklagte nun schluchzend den Kopf auf die Tischplatte vor sich sinken.

Der 56-Jährige hat am 13. Juli des vorigen Jahres auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Ludwigsburg seine Ehefrau mit einer Eisenstange fast totgeprügelt. Mehrmals schlug er auf ihren Kopf, und als sie mit gespaltenem Schädel zusammensackte, drosch er noch auf ihren Oberkörper ein. Er hörte erst auf, als er überzeugt war, dass die 52-Jährige nicht überleben würde. Dann ließ er die Frau, mit der er 36 Jahre lang verheiratet war, auf dem Parkplatz liegen, stieg in seinen Wagen und fuhr weg.

Angeklagter hat seine Frau immer wieder geprügelt

Der Tat waren jahrelange familiäre Auseinandersetzungen vorausgegangen. Der Mann war 1991 aus der Türkei gekommen, Frau und Kinder waren nachgezogen. Das Paar kam nach Weil im Schönbuch und zog vier Kinder groß. Er arbeitete im Bauhof, sie als Reinigungskraft in einem Pflegeheim. Bereits Ende der 1990er Jahre kam es regelmäßig zu familiären Spannungen. Der Mann, so die Richterin, habe zu Hause den Patriarch gegeben, „der alles bestimmen wollte und seine Regeln notfalls mit Gewalt durchsetzte“. Gattin und Tochter sollten daheim sein, wenn sie nicht gerade in die Schule oder zur Arbeit mussten. Er nötigte seiner Familie eine Lebensweise auf, „die nicht in unsere heutige Zeit und in die hiesigen Verhältnisse passen“, sagte die Richterin Regina Rieker-Müller.

Wiederholt prügelte der Angeklagte seine Frau. Ende März vorigen Jahres war es wieder so weit: Er beschuldigte seine Frau, ihren Lohn vor ihm zu verstecken, drosch auf sie ein und drohte, „ich mach es mit dir wie mit einem Huhn am Hals“, wenn sie nicht sofort aus der Wohnung verschwinde. Tatsächlich aber hoffte er, seine Frau werde zu ihm zurückkehren.

Doch die Frau zog zu ihrer erwachsenen Tochter nach Ludwigsburg und blieb zunächst dort. Der 56-Jährige terrorisierte sie mit Anrufen und flehte sie an, wieder nach Hause zu kommen. Der Grund dafür war, so die Richterin in ihrer Urteilsbegründung, dass er befürchtete, „vor der Verwandtschaft als Ehemann dazustehen, der seine Frau nicht im Griff hat“.

Aussprache eskaliert

Am 13. Juli traf sich das Paar in Ludwigsburg, sie unterhielten sich im Wagen. Die Frau willigte ein, zu ihm in die Wohnung zurückzukehren, stellte aber Bedingungen. Darüber geriet der 56-Jährige derart in Rage, dass er beschloss, seine Frau umzubringen. Nachdem sie sein Auto verlassen hatte, schritt er eilig zum Kofferraum und nahm eine Eisenstange heraus, mit der er auf die völlig überraschte Frau einschlug. „Sie sollte mit ihrem Leben bezahlen, dass sie ihn vor der Familie blamiert hatte“, sagte die Richterin.

Bei der Polizei, die den Täter eine knappe Stunde später festnahm, hatte er noch herausposaunt: „Das hat sie verdient.“ Im Prozess klang er demütiger: Er sei froh, dass seine Frau noch am Leben sei. Die 52-Jährige geht heute am Stock, ist körperlich und seelisch für ihr Leben gezeichnet.