Weltreisender aus Stuttgart-Ost Im Osten geprägt, in der Welt zuhause

Von Benjamin Schieler 

Stefan Krieger ist im Stuttgarter Osten groß geworden, hat bei DJK Tischtennis gespielt – und jetzt über eine Weltreise geschrieben. Für ihn ist Reisen eine Geisteshaltung.

Für Stefan Krieger ist Reisen „eine Geisteshaltung“. Foto:  
Für Stefan Krieger ist Reisen „eine Geisteshaltung“. Foto:  

S-Ost - Hamburg im Jahr 2013. Ein weiterer anstrengender Arbeitstag liegt hinter Stefan Krieger und seiner Freundin Aylin Berktas. Gerädert sitzen sie in der Küche ihrer Wohnung zusammen, schauen sich seufzend an und entscheiden: So kann, so soll es nicht weitergehen. „Wir haben uns eingeschnürt gefühlt, hatten den inneren Drang, etwas anderes zu machen“, erinnert sich Krieger. Also nehmen sie sich zwei Zettel, um Träume und Ziele zu notieren. Das Wörtchen Weltreise steht hinterher auf beiden Blättern. Ein halbes Jahr der Planung und Vorbereitung später steigt das Paar mit pochendem Herzen in ein Flugzeug nach Bangkok – und bleibt Deutschland fortan für 18 Monate fern. Über ihre positiven und negativen Erfahrungen in dieser Zeit haben sie nun ein Buch geschrieben: „101 Dinge, die ein Weltenbummler wissen muss“, heißt es.

Stuttgart ist sein Rückzugsort

Stefan Krieger, Jahrgang 1981, ist ein Kind des Stuttgarter Ostens. Anfang der Neunziger wird er mit dem Nachwuchs des DJK Sportbund deutscher Mannschaftsmeister im Tischtennis, „in einem Team voller Ost-Kids aus sieben unterschiedlichen Nationen“, wie er lächelnd betont. Das Aufwachsen in einem multikulturellen Umfeld prägt ihn. Seine Heimatstadt schenkt ihm auch heute noch ein Gefühl der Vertrautheit. Stuttgart ist sein Rückzugsort. Doch die weite Welt ruft ihn schon bald – auch wenn weite Welt vorerst nur Hamburg heißt. Dorthin zieht Freundin Aylin, aus Bremen stammend, und Stefan Krieger folgt ihr. Kennengelernt haben sich die Kulturwissenschaftlerin und der Romanistik- und Amerikanistik-Student standesgemäß: beim Auslandssemester in Guadalajara (Mexiko).

Vier Jahre nach ihrer Ankunft kehren sie Hamburg fürs Erste den Rücken. Ihr Gefühl des Eingeschnürtseins ist mit der Ankunft in Bangkok prompt passé. Die thailändische Metropole, Enklave der Rucksacktouristen mit ihrer Khao San Road, nennt Krieger „eine total verrückte Stadt“. Die Aufbruchstimmung junger Fernsüchtiger aus aller Welt steckt an. „Genau das hatten wir gesucht. Wir waren voller Energie, sind mit der Bierdose in der Hand durch den Regen gelaufen, waren die ganze Nacht in der Stadt unterwegs, ohne müde zu werden. Ein halbes Jahr lang bleiben die Reisenden in Südostasien. Bevor sie nach Nordamerika weiterziehen, wollen sie eigentlich auch Indien sehen, entscheiden aber kurzerhand, vorerst genug von überbordender Zivilisation zu haben – und machen sich auf nach Nepal.

Ein Buch für Menschen, die gerne unterwegs sind

Zu den 101 Dingen, die sie erfahren und nun in ihrem Buch weitergeben, zählen praktische Tipps wie der Umgang mit Bettwanzen oder die Handhabung von Hocktoiletten. Sie verraten, wie sich Probleme gelegentlich weglächeln lassen und warum man für eine Weltreise weniger Geld und Gepäck braucht als kalkuliert, ein Lottogewinn also keine Voraussetzung ist. Sie reflektieren aber auch darüber, wie man seinen ökologischen Fußabtritt klein hält und wie das Internet das Reisen erleichtert und gleichzeitig durch die Tendenz, alles auf einer Skala von eins bis fünf zu bewerten, seiner Faszination ein Stück weit beraubt. „Wir wollten nicht nur ein Buch für Welt- oder Langzeitreisende schreiben, sondern allgemein für Menschen, die gerne unterwegs sind“, sagt Krieger.

In den Vereinigten Staaten von Amerika bleibt das Paar nur drei Wochen, schaut sich New York, Philadelphia und Washington DC an. Der zweite große Teil ihres Trips startet im kolumbianischen Palomino und geht hinunter in den südlichsten Süden Südamerikas, nach Ushuaia in Feuerland. Die unendliche Leere und Weite Patagoniens macht Eindruck. Für Stefan Krieger bildet sie den Höhepunkt zum Schluss. Der Regen peitscht ihm ins Gesicht, das Klima ist rau, die Landschaft auch. „Es passte zum Narrativ unserer Reise, dass wir vor unserem Rückflug am Ende der Welt angekommen sind.“‟ Und haben sie diese Welt verstanden? Er lacht. „Bei weitem nicht. Wir hatten hinterher mehr Fragen als vorher.“‟ In Anspruch nehmen zu behaupten, aus der rein subjektiven Beobachterrolle heraus ließe sich stichhaltig erklären, wie Menschen hier und dort ticken – das möchte der 35-Jährige nicht.

Die Weltenbummler leben inzwischen wieder in Deutschland, haben geheiratet und sind fest in einem neuen Alltag verankert. Aber die Lust am Reisen und am Schreiben ist geblieben. In ihrem Blog „Today we travel“‟ berichten sie von neuen Erlebnissen in der Ferne. „Es gibt noch so vieles, was wir entdecken wollen. Wir haben Blut geleckt.“

Weitere Informationen:

Mitautorin Aylin Krieger kam 1985 in Bremen zur Welt. Ihre Reiseleidenschaft trieb sie in etliche Länder der Welt. Während ihres Studiums verbrachte sie jeweils mehrere Monate in Mexiko und der Türkei. Über ihre Weltreise-Erfahrung sagt sie: „Mit zehn Kilogramm Gepäck zu reisen hat mir gezeigt, wie wenig ich wirklich zum Leben brauche.“

Buch Die 101 kurzen Kapitel tragen Titel wie „Abzocke oder wie man einen schlechten Deal entlarvt“ und „Zeit oder warum Reisen das Leben verlängert“. All das sei Ausdruck persönlicher Haltungen, schreiben die Autoren im Vorwort, haben allerdings eine klare Botschaft an Menschen, die vom Aufbruch träumen: „Gebt dem Fernweh nach, besser heute als morgen“.

Blog Auf www.todaywetravel.de berichten Aylin und Stefan Krieger seit August 2013 über Erfahrungen und Erlebnisse auf ihren Trips und Touren nach nah und fern. „Reisen ist eine Geisteshaltung und eigentlich ortsunabhängig“, heißt es in der Beschreibung. Unter den letzten Zielen: Büsum im Dezember und Sri Lanka im Herbst – letzteres war die Hochzeitsreise.

Titel
Aylin und Stefan Krieger: „101 Dinge, die ein Weltenbummler wissen muss“, Bruckmann Verlag München 2016. 192 Seiten broschiert, 14,99 Euro. ben

Sonderthemen