Krimikolumne

Willi Achten: „Nichts bleibt“ Kriegsfotograf am Abgrund

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Wie ergeht es einem Kriegsfotografen, den die Bilder in seinem Kopf nicht mehr schlafen lassen? Willi Achtens „Nichts bleibt“ ist ein eindringliches Stück Krimi – und mutet seinem Leser einiges zu.

Willi Achten hat einen verstörenden Thriller geschrieben. Foto: Ludwig Körfer
Willi Achten hat einen verstörenden Thriller geschrieben. Foto: Ludwig Körfer

Stuttgart - Wer als junger Journalist die Welt verändern will und vom Tod noch nicht viel erfahren hat, dem erscheint die Profession des Krisenreporters spannend und herausfordernd. Ein Leben am Limit, um Fotos und Reportagen zu liefern, die bestenfalls die Welt verändern. Von den Krisenherden der Welt zu berichten, gilt oft als Krönung im Journalismus.

Über die Schattenseiten des Reporterdaseins an den Fronten dieses Globusses ist meist wenig zu hören: Journalisten, die ihre posttraumatischen Belastungsstörungen mit Alkohol und Tabletten bekämpfen, die in der Nacht von den grausamen Bildern in ihren Köpfen verfolgt werden, zerbrochene Beziehungen und schließlich namenlose Reporter, die im Kugelhagel oder durch Bomben sterben.

Wie der Anblick von Steinigungen in Afrika oder Massakern wie in Srebrenica einen Menschen verändern und traumatisieren, hat der Schriftsteller Willi Achten in seinem Krimi „Nichts bleibt“ zum Thema gemacht. Sein Protagonist Franz Mathys ist preisgekrönter Kriegsfotograf, doch die grauenhaften Bilder und die teils moralisch fragwürdigen Umstände, unter denen seine Motive zustande kommen, lassen Mathys depressiv werden. Oder was ist davon zu halten, wenn Kriegsfotografen ein kleines Kind in der Hitze hungern und dürsten lassen, bis die Hyäne nah genug dran ist, damit das Foto endlich seine nötige Dramatik hat?

Mathys lebt abseits seiner Kriegseinsätze ein zurückgezogenes Leben mit Vater und Sohn in einem deutschen Landstrich von Böllscher Tristesse. Die Ehefrau ist längst über alle Berge, trotzdem kommt Mathys allmählich zur Ruhe, eine neue Liebe zur Lehrerin seines Sohnes erblüht. Doch die Idylle zerbricht, eines Nachts wird der Vater von zwei Männern halbtot geschlagen, und in Franz Mathys erwacht ein unguter Drang zur Selbstjustiz. Gemeinsam mit einem ebenso verschrobenen Freund macht er sich auf die Suche nach den Schlägern.

Vom Wunsch nach Rache besessen

Der Wunsch nach Rache entfremden Mathys immer mehr von den Menschen, die er liebt und am Ende stellt sich für ihn die Existenzfrage: Was bleibt?

Willi Achten zeichnet das Psychogramm seines verzweifelten und zunehmend unkontrolliert gewalttätigen Protagonisten mit starken, wuchtigen Bildern und Sätzen. Nicht nur die aufwühlenden inneren Monologe, auch die intensiven Naturbeschreibungen fallen auf. Wäre „Nichts bleibt“ ein Tatort, die Bilder wären wohl kaltblau und kontrastreich. Wie Achten die Erlebnisse des Kriegsfotografen an den Fronten und die Machenschaften perverser Aktivisten schildert, reicht von drastisch bis degoutant und ist sicher nicht jedermanns Sache. Doch dem Sog, den der Strudel aus zerstörter Psyche, wilder Natur, Gewalt und deutscher Provinztristesse erzeugt, kann sich der Leser nur schwerlich entziehen.

Willi Achten: Nichts bleibt. Pendragon Verlag Bielefeld 2017. 376, Seiten, Klappenbroschur, 17 Euro. Auch als E-Book erhältlich.