Wimsener Höhle auf der Alb Entdecker in der Unterwelt

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Deutschlands tiefste Unterwasserhöhle ist länger als bisher bekannt. Der Taucher Salvatore Busche meißelte sich durch die Engstellen der Wimsener Höhle, quetschte sich in Felsspalten und fand, was er jahrelang gesucht hat: eine Fortsetzung.

Salvatore Busche beim Tauchen in der Wimsener Höhle Foto: K.     Gessert 11 Bilder
Salvatore Busche beim Tauchen in der Wimsener Höhle Foto: K. Gessert

Hayingen - Am Ende des Ganges muss ein neuer Anfang sein. Versteckt im Fels, der nichts preisgeben will. Kaum sichtbar in der Dunkelheit der Tiefe. Im Schein seines LED-Strahlers tastet sich Salvatore Busche voran, an einem Ort, den noch niemand vor ihm gesehen hat. Es ist ein schlauchartiger Hohlraum, kaum einen Meter breit, oben eine Luftglocke, der Rest glasklares Wasser. Irgendwo hier muss es weitergehen, vermutet der 50-Jährige im Taucheranzug und weiß, dass die Zeit allmählich knapp wird. Viel Luft in Reserve hat er nicht mehr.

Salvatore Busche sucht die Fortsetzung der Wimsener Höhle, der tiefsten Unterwasserhöhle Deutschlands. Seit zwanzig Jahren durchschwimmt der Mediziner das verzweigte Wegesystem auf der Schwäbischen Alb, das sich nur jenem öffnet, der die Angst vor der Enge und Einsamkeit überwunden hat. Mehr als 150 Mal ist er abgetaucht in die Unterwelt bei Hayingen, er kennt bald jede Windung, jeden Siphon, er hat knapp einen Kilometer zusammen mit anderen Forschern über die Jahre vermessen und sorgfältig kartiert. „Das Profil ist anspruchsvoll“, sagt Busche, der in Simmozheim bei Calw wohnt, „zwischendrin geht es auf 60 Meter unter den Grundwasserspiegel.“ Da muss Druck aus dem Taucheranzug gelassen, vom Sauerstoffgemisch auf ein Heliumgemisch gewechselt werden.

Die Nabelschnur der Höhlenforscher ist ein vier Millimeter dickes Seil

Ein vier Millimeter dickes Seil ist die wichtigste Orientierung unter Wasser, alle zehn Meter ist es am Boden fixiert. Die Nabelschnur der Höhlenforscher führt hinein in eine Welt, in der es keinen Funkkontakt gibt, kein Handy, keine Notrufsäule wie an der Autobahn. „Du bist letztlich ganz auf dich selbst angewiesen“, sagt Busche, auch wenn er ohne die Hilfe der anderen Höhlenforscher der Gruppe Ostalb-Kirchheim nie so weit gekommen wäre. Sie haben unter der Erde Leitern auf schwierigen Kletterpassagen eingebaut, haben Busche geholfen, Taucherflaschen über die Lehmberge in den luftgefüllten Hallen zu schleppen und in der Tiefe Depots anzulegen. Im Team laufen die Vorbereitungen, beim Tauchgang ist Busche allein.

Außer den Blasen seiner Atemluft, die im Quellarm der Zwiefalter Aach gleichmäßig aufsteigen, hört er nichts. Es ist vollkommen still unter Wasser, und Busche ist schon weit gekommen an diesem Samstagvormittag. Er taucht seit 55 Minuten, er hat sich vorwärts gekämpft mit froschartigen Stößen der Beine, damit möglichst wenig Sediment aufgewirbelt wird. Denn eine getrübte Sicht macht den Rückweg schwieriger. Albträume vom Tauchen hatte er noch nie, im Gegenteil: Busche, der als Jugendlicher Leistungsschwimmer war, erkundet im Schlaf neue unterirdische Ziele, er stößt vor in abgelegene Regionen, wo außer ­Höhlenflohkrebsen und Asseln kaum Leben zu finden ist.

Am Kiosk stehen die Ausflügler Schlange

Vom Trubel des beliebten Ausflugsziels über ihm bekommt der Forscher nichts mit. An sonnigen Tagen brummt der Gasthof mit der Bioküche, das renovierte Mühlenmuseum ist bestens besucht, und am Kiosk vor der Höhle formiert sich eine lange Schlange. In einem Aluminiumboot kann die Kalkhöhle auf den ersten 70 Metern befahren werden. Die Besucher ziehen vorsichtshalber die Köpfe ein, sie erfahren, dass Kurfürst Friedrich von Württemberg bereits 1803 hineingerudert wurde. Eine lateinische Inschrift auf einer Tafel über dem Eingang erinnert an den Gast.

Das Seil, das den Weg aus der Höhle zeigt, kann reißen. Ein Super-GAU für die Speläologen, ein Test für die Nerven von Busche. Er war mit einem Freund in der Wimsener Höhle unterwegs – wieder auf dem Rückweg, das Wasser trüb von den Aufwirbelungen. Mit der Flosse durchtrennte der Partner die Rettungsleine und schwamm weiter. „Panik kann in solchen Momenten tödlich sein“, sagt er und erzählt von Tauchern, die mit vollen Flaschen leblos unter der Höhlendecke schwimmend gefunden wurden. Sie haben hyperventiliert, wurden bewusstlos.