Winnenden Kein amerikanisches Problem

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Reverend David Brawley und Rabbi Joel Mosbacher aus den USA wollen Waffenhersteller zu besseren Sicherheitsvorkehrungen bewegen. Auf ihrer Europatour haben sie das Aktionsbündnis Amoklauf in Winnenden besucht.

Rabbi Joel Mosbacher (links) und Reverend David Brawley tauschen sich mit dem Aktionsbündnis Amoklauf aus Foto: Gottfried Stoppel
Rabbi Joel Mosbacher (links) und Reverend David Brawley tauschen sich mit dem Aktionsbündnis Amoklauf ausFoto: Gottfried Stoppel

Winnenden - Die Geschichte des Amoklaufs zu hören sei das eine, aber die Gesichter dahinter zu sehen, etwas anderes und äußerst schmerzhaft. So beschreibt Reverend David Brawley seine Eindrücke vom Besuch der Albertville-Realschule und seine Gefühle im Gedenkraum. Zusammen mit Rabbi Joel Mosbacher unternimmt er diese Woche eine Tour durch Europa. Gestern haben sie in Winnenden Halt gemacht, um sich mit Vertretern des Aktionsbündnisses Amoklauf auszutauschen.

Die beiden Geistlichen kommen zwar nicht direkt aus Newtown, wo es an der örtlichen Grundschule am 14. Dezember vergangenen Jahres ebenfalls zu einem Amoklauf gekommen ist. Aber der Zeitpunkt der Reise ist trotzdem kein Zufall – bewusst haben sie ihn in zeitlich nah an den Tattag gelegt.

Auch den Rabbi hat der Besuch an der Albertville-Realschule bewegt und wütend gemacht: „Ich möchte an keine Schule mehr gehen müssen, an der solche Erfahrungen gemacht werden. Keine Kinder, keine Eltern sollen mehr von einer Schulschießerei betroffen sein. Wir müssen aufhören zu lamentieren, sondern endlich etwas tun“, sagt Joel Mosbacher aus New Jersey. Er selbst könne sehr gut nachvollziehen, wie sich die Hinterbliebenen derjenigen fühlten, die beim Amoklauf in Winnenden getötet wurden: Sein Vater sei vor 14 Jahren von einem bewaffneten Räuber erschossen worden.

Gleiche Ziele

„Es kann nicht sein, dass Regierungen, Institute und Firmen still bleiben und nichts tun“, sagt der Rabbi. Er gehört der amerikanischen Organisation Metro IAF an, die etwas ändern und die Welt für Kinder sicherer machen will. Darin sind sich die Geistlichen mit den Vertretern des Aktionsbündnisses einig. „Es mag große Unterschiede zwischen den USA und Europa geben. Aber uns verbinden Erfahrungen, die es hätte niemals geben dürfen. Und wir haben gemeinsam, dass unsere Regierungen zögerlich sind und wir selbst aktiv werden müssen“, sagt die Aktionsbündnis-Vorsitzende Gisela Mayer. Die amerikanischen Geistlichen lachen, da sie ihnen dies übersetzt – und stimmen zu.

Brawley und Mosbacher bringen konkrete Vorstellungen mit, wie sie etwas ändern wollen. „Als wir analysiert haben, wer wirklich die Macht hat, um einige der Leben zu retten, die durch Waffengewalt verloren gehen, kamen wir auf Namen, von denen die meisten Amerikaner niemals gehört haben“, sagt Mosbacher. Sie stießen auf die europäischen Waffenhersteller Glock, Baretta und SIG Sauer. Sie nahmen mit den Firmen Kontakt auf – oder versuchten es zumindest. Einige hätten erst gar nicht geantwortet, andere mitgeteilt, sie sollten sich an die amerikanischen Firmenvertreter wenden.

Appell an Waffenhersteller

So schnell wollen die Geistlichen jedoch nicht aufgeben: „Wir möchten erreichen, dass sie darin investieren, ihre Waffen sicherer zu machen“, sagt Brawley. Der Rabbi Joel Mosbacher zeigt sein Smartphone und kommentiert: „Auch dieses kann nur ich mit meinem Daumen freischalten – und wenn das hiermit geht, dann geht das auch bei Waffen. Die Technik ist da.“

Das bestätigt auch Hardy Schober. „Aber die Waffenhersteller haben kein Interesse daran“, sagt der Vorsitzende des Aktionsbündnisses. Einen Brief mit ihren Forderungen haben die Geistlichen dennoch auf ihrer Europatour direkt an Baretta übergeben. Zudem haben sie sich mit einem Hersteller getroffen, der bereits Sperrvorrichtungen entwickelt hat. „Dann könnten Kinder nicht mehr die Waffen ihrer Eltern nutzen“, erklärt Mosbacher.

Das Gespräch in Winnenden haben David Brawley und Joel Mosbacher als lehrreich empfunden: „Wir dachten immer, wir hätten ein amerikanisches Problem. Dabei ist es ein internationales Problem“, meint Joel Mosbacher und verspricht. „Wir kommen bald wieder.“