Wirtschaftskongress in Stuttgart Kretschmann verspricht Informatik für alle

Von  

Ministerpräsident Winfried Kretschmann kündigt überraschend an, dass in Zukunft alle Schulen in Baden-Württemberg Informatik unterrichten werden. Dafür erhält der grüne Regierungschef überschwängliches Lob von führenden Wirtschaftsvertretern.

Keine Zukunft ohne MINT? Darüber diskutierten (von links) Ortwin Renn, Karin Winkler, Winfried Kretschmann neben der Moderatorin Tatjana Geßler, Franz Fehrenbach und Dieter Zetsche. Foto: Baden-Württemberg-Stiftung
Keine Zukunft ohne MINT? Darüber diskutierten (von links) Ortwin Renn, Karin Winkler, Winfried Kretschmann neben der Moderatorin Tatjana Geßler, Franz Fehrenbach und Dieter Zetsche.Foto: Baden-Württemberg-Stiftung

Stuttgart - Der Daimlerchef Dieter Zetsche und Franz Fehrenbach, der Aufsichtsratsvorsitzende der Robert Bosch GmbH sind mit dem Forum „Wir. Unternehmen.MINT“ sehr zufrieden. Dazu hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wesentlich beigetragen. Der Regierungschef hat beim Mintkongress der Baden-Württemberg Stiftung und der Wissensfabrik überraschend ein neues Konzept zum Informatikunterricht an Schulen angekündigt. In der Vergangenheit war vielfach ein Schulfach Informatik gefordert worden.

Kretschmann versprach am Dienstagabend in Stuttgart „alle Schüler an allgemein bildenden Schulen werden eine verbindliche Grundbildung in Informatik bekommen“ und erntete dafür großen Applaus von Wirtschaftsvertretern. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) werde das Konzept bald vorstellen, sagte Kretschmann.

Beifall von den Wirtschaftsbossen

Dieter Zetsche honorierte die Ankündigung umgehend. Im Zeitalter der Digitalisierung seien IT-Kenntnisse entscheidend, bekräftigte der Daimlerchef eine entsprechende Äußerung Kretschmanns. Zetsche zeigte sich „sehr erfreut, dass Informatik in den Lehrplan von Baden-Württemberg kommt“. Franz Fehrenbach sprach gar von „exzellenten News bezüglich der Informatik“. Er macht deutliche Schwächen in der Softwareentwicklung aus, und hofft auf neue Kompetenzen.

Das Interesse der Jungen und Mädchen an naturwissenschaftlichen Fächern sinkt. Nur drei bis vier Prozent der Schüler entscheiden sich für Leistungskurse in Chemie oder Physik. Das wirkt sich auch auf die Studienwahl aus und könnte den Fachkräftemangel in den Mint-Berufen verschärfen. Die Baden-Württemberg-Stiftung und die Bildungsinitiative Wissensfabrik wollen frühzeitig das Interesse an technisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern wecken. Dazu sollte das Forum im Haus der Wirtschaft beitragen.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion legten sich die Spitzen von Politik und Wirtschaft bei dem Forum mächtig ins Zeug für die Mintberufe und warnten vor dem drohenden Fachkräftemangel. Der könnte durch Zuwanderung behoben werden, aber auch dadurch bei Jungen und vor allem Mädchen die Begeisterung für die Mintfächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu wecken, betonten alle Podiumsteilnehmer.

Zähe Vorurteile gegenüber technischen Fächern

Zetsche und Kretschmann klagten, dass sich Vorurteile gegenüber den technischen Fächern nachhaltig hielten. Ortwin Renn von der Universität Stuttgart zitierte neueste Untersuchungen, nach denen Mädchen in den technischen Fächern Kreativität und Kommunikation vermissen. Zetsche hielt dagegen: „Autobauen ist ein kreativer Teamsport“ und macht ein „Kommunikationsproblem“ in Bezug auf die technischen Berufe aus.

Kretschmann mahnt ein Umdenken in der Gesellschaft aus, und kritisiert: „in Teilen des deutschen Bildungsbürgertums wird damit kokettiert, dass man in Mathe schlecht sein darf“. Solche Äußerungen führten zu negativen Vorprägungen, warnte der Regierungschef. Als ehemaliger Chemielehrer könne er sich gar nicht erklären, warum Chemie als schwer gelte, das sei „ein unausrottbares Vorurteil“.

Neue Didaktik verlangt

Da wusste Ortwin Renn eine Antwort. Chemie sei langweilig, weil vorne im Klassenzimmer die Tafel mit dem Periodensystem hänge und die Schüler sie auswendig lernen sollten. Er verlangte eine neue Didaktik, „Schüler wollen Neues entdecken“, sagte der Dekan der Uni Stuttgart. Karin Winkler, die Schulleiterin des Stuttgarter Eberhard Ludwigs-Gymnasiums sieht nicht so schwarz. Ein Drittel bis ein Viertel der Absolventen des humanistischen Gymnasiums würden sich für einen naturwissenschaftlich oder technischen Beruf entscheiden, sagte Winkler.

Sie verlangte jedoch eine bessere Ausstattung für die Schulen: „Ohne Schule 4.0 wird der Prozess Industrie 4.0 für Sie furchtbar hart werden“, sagte die Schulleiterin an die Adresse von Politik und Wirtschaft. Sie wartete zudem mit einer neuen Definition der Abkürzung Mint auf: „Motivation, Inspiration, Neigung und Talentförderung“. Das sieht die Pädagogin als das Rezept gegen Fachkräftemangel in den entsprechenden Berufen an.

  Artikel teilen
11 Kommentare Kommentar schreiben

Unverschämtheit eines Dekans: Was Herr Renn, Dekan (!) der Uni Stuttgart, von sich gegeben hat, ist eine Unverschämtheit! Ganz offensichtlich hat er in den letzten 20 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen. Denn sonst wüsste er, dass in Chemie wie in anderen naturwissenschaftlichen Fächern keineswegs Auswendiglernen, sondern Entdecken, Stukturieren und Reflektieren tragende Prinzipien des Unterrichts darstellen. Es ist beschämend, wenn ein "Akademiker" so dümmliche Aussagen tätigt.

Kompetente Uni-Vertreter sind alles :-): Das Periodensystem auswendig lernen ... Das hat Herr Renn persönlich vermutlich schon vor 30 Jahren nicht mehr tun müssen. Das ist also alles Polemik. Es hilft aber niemandem, sondern schüttet nur Wege zu. Wenn Schulen mehr MINT machen sollen (verschont uns bitte mit verwässernden Neudefinitionen dieses Begriffes!), wo bleibt dann eigentlich die Initiative der Wirtschaft, dies mit zu finanzieren? Der Staat soll alles richten, man selbst zahlt dann aber doch lieber einen Großteil seiner Steuern gar nicht oder in anderen Ländern. Das wäre doch mal ein Ansatz: Eine Bildungsstiftung der Wirtschaft, in die ALLE Unternehmen einzahlen, um die Neuaustattung im MINT-Bereich zu bezahlen (IT-Einrichtung, naturwissenschaftliche Sammlungen mit Messwerterfassungssystemen etc.). Möglicherweise fiele dann auch noch etwas für die Nachschulung von Lehrkräften im IT-Bereich ab. Wer fordert, soll auch geben! Der Nachwuchsmangel im MINT-Bereich unter den Lehrkräften ist ebenso "hausgemacht" denn bitte mit einem Mathe-Physik-Informatik-Studium und einem guten Abschluss darin ausgerechnet in den Lehrberuf, wenn er gleichzeitig in der Industrie erheblich besser bezahlt wird? Es gehört derzeit ein großer Idealismus dazu, Lehrkraft zu werden - ganz besonders aber, wenn man zu den wenigen gehört, um die sich alle (Wirtschaft und Staat) reißen!

.auch schon gemerkt...: Immerhin wacht mal jemand auf. Die Leute gehen demonstrieren, weil sie Angst vor der "sexuellen Vielfalt" haben, aber dass Informatik und ITG im neuen Bildungsplan nur noch als optionale Fächer vorkommen, das stört keinen. Wir sind ein Land ohne Bodenschätze, wir haben nur eines: Gehirnschmalz. Und die Informatik ist nun wirklich nicht ein Fach, was in naher Zukunft absterben wird, ganz im Gegenteil! Laut Bildungsplan soll "Medienkunde" nun in jedem Fach "nebenher" unterrichtet werden. Lehrerqualifizierung? GIbts nich. Und ich möchte DEN Lehrer sehen, der von SEINEM wichtigen Fach abweicht und mal über den Tellerrand sieht und sich dann auch noch in der Internetlandschaft auskennt.

Internet: Sie können offensichtlich noch nicht mal "Informatik" von "Internet" unterscheiden. Das "Internet" wird mittlerweile - im angemessenen Umfang - überall in Schulen eingesetzt. "Informatik" dagegen ist ein spezielles Fach, für das man dann eben auch Lehrkräfte ausbilden muss. Und dies geschieht aber (fast) gar nicht! Außerdem ist zu hinterfragen, ob Programmiersprachen wirklich für alle SchülerInnen eine sinnvolle Thematik darstellen. Ich sage nein.

herzlichen glückwunsch: meine kommentare werden oft gar nciht veröffentlicht, ihre gleich dreimal :-) zum thema: ich behaupte mal, dass dreiviertel der schüler mehr mit informatik am hut haben als ihre lehrer. man sollte doch zuerst informatik für lehrer anbieten, gegeben von schülern, bevor man die lehrer auf die schüler loslässt. mein mann hatte im letzten semester seines studiums eine stunde pro woche edv. als er seinen dozenten fragte ob er nicht auch praktische übungen machen könne meinte der dozent: das wäre alles überbewertet, edv setzt sich im architekturberuf nicht durch. ich nehme nicht an, dass die lehrer heute noch so rückschrittlich sind, aber viel besser dürfte es nicht sein.

Vorurteile: "aber viel besser dürfte es nicht sein." Sie haben also keine Fakten oder Ekenntnisse, aber dafür wohl gepflegte Vorurteile. Herzlichen Glückwunsch...

ach : wissen sie mehr? die lehrer meiner kinder hatten weniger ahnung als meine kinder. gut, das ist jetzt 8 jahre her. hat sich in den letzten acht jahren wirklich so viel getan?

Informatik für alle: Da stellt sich nur die Frage wo denn die Lehrer herkommen sollen die dieses Fach "an allen Schulen" unterrichten sollen ... aber halt, es ist ja Wahlkampf im Lande ...

Informatik für alle: Da stellt sich nur die Frage wo denn die Lehrer herkommen sollen die dieses Fach "an allen Schulen" unterrichten sollen ... aber halt, es ist ja Wahlkampf im Lande ...

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.