Zeitung in der Schule: Gymnasium Rutesheim Zwei linke Schuhe und ein Lamm

Von Steffen Braun und Liana Bolay 

Kindheit in der Nachkriegszeit: zwei Schüler haben ihre Großeltern als ganz persönliche Zeitzeugen befragt. Die beiden erzählen von der Schule und der Ernte, vielen Momenten voller Entbehrungen, aber auch der Freude ganz normaler Kinder in einer anderen Zeit.

Gerhard (78) und Gertrud (75) Braun aus Heimsheim erzählen für Zisch aus ihrem Leben als Kinder  in der Nachkriegszeit. Foto: Braun/Bolay
Gerhard (78) und Gertrud (75) Braun aus Heimsheim erzählen für Zisch aus ihrem Leben als Kinder in der Nachkriegszeit. Foto: Braun/Bolay

Heimsheim - Gerhard (78) und Gertrud (75) Braun aus Heimsheim erzählen über schöne und schlimme Erlebnisse ihrer Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit.

Ihr beide habt die ersten Jahre im Krieg verbracht. Was waren eure eindrucksvollsten Erlebnisse?

Gertrud: Damals war ich erst vier und Gerhard sieben Jahre alt. Es war wirklich eine schlimme Zeit, man hat dauernd mit furchtbarer Angst vor dem Fliegeralarm gelebt.

Gerhard: Immer wenn die Sirene angefangen hat zu heulen, sind wir alle zusammen in den Schutzkeller gegangen. Am 18. April 1945 ist Heimsheim dann zu 80% zerstört worden.

Gertrud: An diesem Tag waren wir im Luftschutzkeller als plötzlich ein Marokkaner die Treppe herunter kam. Da mir als Kind immer Geschichten vom Teufel erzählt wurden, und ich noch nie zuvor einen dunkelhäutigen Menschen gesehen habe, dachte ich, dass dieser Mann der Teufel ist.

Gerhard: Im Ortskern brannte fast alles nieder, aber bei unserem Haus sind nur die Fensterläden angebrannt.

Musstet ihr nach dem Krieg bei der Arbeit mithelfen?

Gertrud: Schon als kleines Mädchen durfte ich auf dem Feld mitarbeiten, zum Beispiel beim Kartoffeln ernten. Das Strickle legen (Getreide binden) hat mir am meisten Spaß gemacht.

Sonntags musste ich zuerst die Schuhe meines Vaters, dann die der ganzen Familie putzen. Außerdem habe ich Most aus dem Keller geholt und für meine kleinen Brüder den Brei gekocht.

Gerhard: Ich habe meinem Vater bei kleinen Aufgaben in der Werkstatt geholfen, da er Wagner war. Mit dem Holzabfall durfte ich für mich etwas basteln.

Was hattet ihr damals für Schulfächer?

Gertrud: Ähnlich wie heute, hatten wir Rechnen, Lesen und Naturkunde. Außerdem haben wir sehr viel gesungen, was mir viel Spaß gemacht hat und wer wollte konnte auch Flötenunterricht nehmen. Leibesübungen und Religion waren auch wichtige Fächer.

Wenn man Geburtstag hatte, stellte man sich an die Tafel und die ganze Klasse hat für das Geburtstagskind ein Wunschlied gesungen.

Was habt ihr früher gespielt?

Gerhard: Wir haben selbst gebastelte Dänzer (Kreisel) aus Holz tanzen lassen. Fußball haben wir natürlich auch gespielt, jedoch mit zwei linken Schuhen, weil die Rechten beim Schießen immer kaputt gegangen sind. Die Bälle haben unsere Mütter aus Flachs selbst gemacht, da man keine Spielsachen kaufen konnte. Im Sommer waren wir oft in der Würm baden und im Winter sind wir auf dem See Schlittschuh gefahren.

Gertrud: Ich habe oft auf der Straße Hüpf- und Wurfspiele mit Steinen und Gegenständen aus den Ruinen gespielt.

Was waren die schönsten Geschenke die ihr zum Geburtstag bekommen habt?

Gerhard: Nachdem mein Vater nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft aus Russland nach Hause kam, hat er mir zum Geburtstag einen Russenschlitten mitgebracht. Er war der schnellste Schlitten in ganz Heimsheim und der Einzige, mit dem man lenken konnte.

Gertrud: Mein schönstes Geschenk war ein neugeborenes Lamm, das Dorle hieß. Als es größer wurde, konnte man mit ihrer Wolle spinnen. Das Spinnrad hat mein Vater selbst gebaut. Aus dieser fertigen Wolle bekamen wir herrlich warme Jacken und Mützen gestrickt.

Welches Essen war sehr besonders für euch?

Gertrud: Da man keine Süßigkeiten kaufen konnte, haben wir Rahmbonbons aus Sahne und Zucker selbst hergestellt. Ab und zu gab es unter der Woche Pfannebeischt (Pfannkuchen mit Hefe), auf die wir Kinder uns immer gefreut haben.

Gerhard: Wir Jungs haben auf den Feldern Klatschmohn gesammelt und gegessen. Manchmal haben ein paar der Kleineren danach nicht mehr nach Hause gefunden.