Zu Besuch bei Ilse Walther-Dulk Freiheit im Blut

Von Andrea Hahn 

In Berlin erlebte Ilse Walther-Dulk die Schrecken des Krieges, in Tübingen lernte sie den akademischen Betrieb kennen – und die Stuttgarter Kulturszene bereichert sie seit nunmehr 65 Jahren. Rückblick auf ein bewegtes Leben.

Bücher und Bilder, einfache Möbel, nichts Überladenes, nichts Kaltes –  die  Dachgeschosswohnung ist das Spiegelbild ihrer Bewohnerin Ilse Walther-Dulk: kultiviert,  freundlich und individuell. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Bücher und Bilder, einfache Möbel, nichts Überladenes, nichts Kaltes – die Dachgeschosswohnung ist das Spiegelbild ihrer Bewohnerin Ilse Walther-Dulk: kultiviert, freundlich und individuell.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Barrierefrei kommt man nicht zu Ilse Walther-Dulk, wohnt die 96-Jährige doch im Dachgeschoss eines jener schönen alten Mehrfamilienhäuser, wie sie für die Stuttgarter Halbhöhe charakteristisch sind. Hier, mit weitem Blick über den Kessel und seine Hügel, hat sie sich ein gemütliches Nest geschaffen. Bücher und Bilder, einfache Möbel, nichts Überladenes, nichts Kaltes – die Wohnung ist das Spiegelbild ihrer Bewohnerin: kultiviert, freundlich und individuell.

Selbstbestimmung ist ein Wort, das für die emeritierte Professorin Ilse Walther-Dulk wichtig ist, sehr wichtig. Ob in ihrer Rolle als Frau, ob einst im Beruf oder nun im Alter, sie lebte und lebt selbstbestimmt, und das, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

Am 14. Oktober 1920 in Urdenbach, heute ein Stadtteil von Düsseldorf, zur Welt gekommen, gehört Ilse Walther-Dulk einer Frauengeneration an, der von der Gesellschaft keine eigenen Wege zugestanden wurden, doch sie ging diese trotzdem. Ilse hatte das Glück, in einem liberalen Elternhaus aufzuwachsen. Der Vater, ein gebürtiger Reutlinger, war Chemiker, die Mutter, eine Bremer Patriziertochter, wäre gerne Malerin geworden, lebte ihren Traum aber nicht.

Nach Stationen in Heilbronn und Reutlingen zog die Familie 1928 nach Berlin um, wo Ilse Dulk die Höhere Waldschule besuchte. Am Rand des Grunewalds wurde in Holzpavillons und im Freien unterrichtet, besonderer Wert wurde auf Sport und musische Erziehung gelegt.

Flucht aus Berlin nach Tübingen

Es herrschte eine vergleichsweise lockere Atmosphäre. Als Ilse Dulk in einem Aufsatz schrieb, dass es besser sei, „in Freiheit zu sein, als stets der Pflicht zu folgen“, musste der Lehrer dies zwar dem Rektor zeigen, doch das gegen die nationalsozialistische Doktrin verstoßende Werk wurde akzeptiert. 1939 meldeten sich vier Mädchen zum Abitur an, Ilse Dulk war eines von ihnen. Kaum hatte sie den Abschluss in der Tasche, brach der Zweite Weltkrieg aus, statt eines Studiums stand Arbeitsdienst in der Provinz Posen auf dem Plan. Ilse Dulk wurde von der Lagerleiterin, „einem ätherischen Wesen, das Geige spielte“, auf die Krankenstube geschickt. Dort saß sie, las Rilke und verabreichte den Patientinnen Placebos, wenn kein Arzt greifbar war.

Nach einem halben Jahr ging es zurück nach Berlin, wo sie sich an der Hochschule für Kunsterziehung und an der Humboldt-Universität für das Nebenfach Deutsch einschrieb. Das Kunststudium war „sehr schwere Arbeit, hartes Handwerk“ für die junge Frau, und es wundert sie noch heute, dass sie recht ordentlich abschloss, ja anschließend sogar an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste aufgenommen wurde und es mit einem Bild in eine Ausstellung brachte. Ilse Dulk studierte, bis die Hochschule 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde: „Ich habe die Trümmer gesehen, die zerfetzten Gemälde unseres Professors.“

Die Akademie war geschlossen. Als Helferin auf einer Rettungsstation im Schloss Charlottenburg sah sie Verwundete und Tote. Ihre Eltern waren vor die Tore Berlins umgesiedelt worden, die Schwester befand sich auf Kinderlandverschickung, der Bruder im Feld, wo er fiel. Ilse Dulk wohnte allein in der Familienwohnung, die sich im vierten Stock eines Charlottenburger Mietshauses befand; dass das Haus die Bombenangriffe überstehen würde, konnte sie nicht ahnen. Als ihr eines Tages am Charlottenburger Tor eine „Mauer von Menschen“ entgegenkam, die vor einer „Feuerwand“ flohen, packte sie ihre Habseligkeiten und fuhr ins ferne Tübingen, tauschte die Luftschutzbunker, „die Hölle von Berlin gegen den Frieden“.

Max Bense wird zum Wegbereiter

Lange sollte es in der Hölderlinstadt jedoch nicht friedlich bleiben. Der Krieg ging zu Ende, Tübingen wurde von den Franzosen besetzt: „Die erste Nacht war entsetzlich, wir hörten die Schreie der vergewaltigten Frauen.“ Die junge Studentin und ihre Vermieterin, eine Mutter von zwei kleinen Kindern, verkleideten sich als Krankenschwestern und hängten ein Schild an die Haustür, dass die Besatzer fernhielt: „Eintritt verboten, ansteckende Krankheiten!“ Die Frauen hatten es auf Französisch geschrieben, eine Sprache, die Ilse Dulk schon lange liebte: Mit 16 Jahren war sie von den Eltern zum Austausch nach Paris geschickt worden. Ihr Französisch und ihre Liebe zu diesem Land sollten ihr zum Schicksal werden. Im Nachkriegs-Tübingen wurde Ilse Dulk auf der Straße von einem Bekannten aus Berlin wiedererkannt, der um ihre sprachlichen Fähigkeiten wusste. Er vermittelte sie zu einer französischen Familie, deren Kindern sie Deutschunterricht erteilen sollte.

Als im Herbst 1945 die Universität wieder die Tore öffnete, wollte Ilse Dulk zunächst ihr Nebenfach Deutsch zu Ende studieren, entschied sich dann aber anders: „Die deutsche Literatur kannte ich ja, also schrieb ich mich für Romanistik ein.“ Um sich ihr Studium zu finanzieren, nahm sie eine Stelle als Sekretärin am neu gegründeten Centre d’Études Françaises an. 1948 wurde der Germanist und Verbindungsoffizier René Cheval dessen Leiter, 1951 ging er als erster Direktor des Institut Français nach Stuttgart und nahm Ilse Dulk mit.

Auch ein großer Teil des Buchbestands zog an den Nesenbach mit um, und die belesene Deutsche wurde mehr und mehr zur Bibliothekarin, die den Benutzern geeignete Lektüre empfahl. Unter den regelmäßigen Besuchern des Institut Français befand sich der legendäre Philosophieprofessor Max Bense, Begründer der „Stuttgarter Schule“. Bense lobte Ilse Dulks „gutes Urteil über französische Literatur“ und überredete sie zum Philosophiestudium.

Während sie erneut die Uni besuchte, verdiente sie weiterhin am Französischen Institut den Lebensunterhalt, und das nicht mehr nur für sich allein: Ilse Dulk hatte geheiratet, hieß jetzt Walther mit Nachnamen, war 1956 Mutter einer Tochter geworden, und da ihr Mann, ein Kunstmaler, über kein regelmäßiges Einkommen verfügte, musste sie die Familie ernähren.

Karriereschritt mit 50 Jahren

Als die Tochter drei Jahre alt war, zerbrach die Ehe. Ilse Walther-Dulk, sie fügte nun ihrem Ehenamen den Geburtsnamen an, hatte „keine Kraft mehr, das Geld allein zu verdienen, während der Mann zu Hause saß und malte“. In einer Zeit, in der Kindertagesstätten so gut wie nicht existierten, gab die Mutter das Mädchen zu den eigenen Eltern, die inzwischen am Main lebten. Erst als ihre Tochter eingeschult wurde, konnte sie einen Ganztagsplatz in der Merz-Schule erhalten und ihr Kind wieder zu sich holen.

Bense stellte Ilse Walther-Dulk als Assistentin ein und gab ihr ein Dissertationsthema. In vier Jahren schrieb sie ihre Doktorarbeit, die 1965 unter dem Titel „Materialien zur Philosophie und Ästhetik Jean-Marie Guyaus“ erschien. Der Philosoph Guyau (1854–88) – das ist für Ilse Walther-Dulk „der französische Nietzsche, nur gemäßigter und nicht so rabiat“.

Ilse Walther-Dulk war bereits 50 Jahre alt, als an der Stuttgarter Fachhochschule für Bibliothekswesen, heute Hochschule der Medien, eine Stelle ausgeschrieben wurde, auf die sie sich bewarb und die sie erhielt. Die folgenden dreizehn Jahre lehrte sie als FH-Professorin, zugleich engagierte sie sich beim Bafög und setzte sich dafür ein, dass möglichst viele Studierende die finanzielle Förderung erhielten. Es war ein anstrengendes Leben, und Ilse Walther-Dulk atmete auf, als sie mit 63 Jahren in Pension gehen konnte. Ausruhen aber war nicht ihre Sache: „Ich fühlte mich nicht auf dem Abstellgleis, sondern hatte das ungeheure Glück, mit der Rente nochmals durchstarten zu können.“

Die Familie hatte eine schwarze Kiste über die Zeiten hinweg gerettet, die Ilse Walther-Dulk nun endlich auspackte. Sie brachte ans Licht, was kaum einer wahrgenommen hatte – den Nachlass ihres Urgroßvaters Albert Dulk (1819–84).

Südfranzösische und Stuttgarter Hügel

Der aus Königsberg stammende Schriftsteller und Revolutionär hatte sich nach Stationen in Leipzig, Breslau, Italien, Ägypten und der Schweiz 1858 in Stuttgart niedergelassen und war als Theater-, Literatur- und Religionskritiker hervorgetreten. Er hatte mit vielen Literaten – darunter Theodor Storm – in Verbindung gestanden, war führend am Aufbau der württembergischen SPD beteiligt gewesen, hatte die erste Freidenkergemeinde in Stuttgart gegründet und über viele Jahre mit drei Frauen zusammengelebt. Die unabhängigste von ihnen, Pauline „Ini“ Butter, die als Sprachlehrerin und Übersetzerin ihren eigenen Lebensunterhalt verdiente, war Ilse Walther-Dulks Urgroßmutter. Die Urenkelin sichtete und ordnete nun den Dulk-Nachlass, veröffentlichte Teile daraus und übergab ihn dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Schon seit den 1970er Jahren hatte Ilse Wal­ther-Dulk die Sommerferien in Südfrankreich verbracht, wohin sie durch Max Bense und seine Frau gelockt worden war. Sie hatte sich auf Wunsch ihrer Tochter in einem kleinen Ort knapp 30 Kilometer nordwestlich vom Mont Ventoux eingemietet, Ausflüge gemacht und ihre Studien vorangetrieben. Mit dem Renteneintritt konnte Ilse Walther-Dulk nicht nur arbeiten, was sie wollte, sondern auch leben, wo sie wollte. Nun genoss sie von Ostern bis zu den Herbstferien die südfranzösische Hügellandschaft, in der übrigen Zeit die Stuttgarter Halbhöhe – mehr als 30 Jahre lang, bis sie während der Hitzewelle 2015 einen Schwächeanfall erlitt.

Seitdem ist Ilse Walther-Dulk unsicher auf den Beinen und benutzt einen Rollator. Ihrem geliebten Frankreich blieb sie dieses Jahr fern, doch das Leben bewältigt die 96-Jährige weitgehend selbstständig. Klagen sind sowieso nicht die Sache von Ilse Walther-Dulk, die der Meinung ist, in ihrem selbstbestimmten Leben bis heute viel Glück gehabt zu haben.