KommentarZugfunk- und Notrufsystem im Schienenverkehr Gefährliche Lücke

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Es ist ein Skandal, dass der Zugfunk, der im Bahnverkehr Menschenleben retten kann, nicht immer und überall Priorität hat, kommentiert StZ-Autor Thomas Wüpper.

Im Februar stießen zwei Züge nahe  Bad Aibling (Bayern) zusammen. War eine Lücke in der Funkverbindung zu den Lokführern eine der Ursachen für das Unglück? Foto: dpa
Im Februar stießen zwei Züge nahe Bad Aibling (Bayern) zusammen. War eine Lücke in der Funkverbindung zu den Lokführern eine der Ursachen für das Unglück?Foto: dpa

Berlin - Allmählich wird klar, warum die Verantwortlichen beim Bund, seinen Aufsichtsbehörden und der Deutschen Bahn AG die gefährlichen Lücken im Zugfunk- und Notrufsystem des deutschen Schienenverkehrs wahlweise ignorieren, negieren oder verharmlosen. Denn es erhärtet sich der Verdacht, dass bei der Sicherheit von Millionen Zugreisenden seit Jahren immer mehr Abstriche gemacht werden, damit kommerzielle Mobilfunkbetreiber ihre Frequenzen unbeschränkt nutzen können und der Bund Milliardeneinnahmen für die Lizenzen bekommt.

Es ist vor allem ein politischer Skandal, dass der Zugfunk, der im Notfall viele Menschenleben retten kann, nicht immer und überall Priorität hat. Unglaublich, aber wahr: bis heute gibt es dafür keine strikte Vorschrift. Dabei sollte das Unglück von Bad Aibling allen Warnung genug sein. Auch dort gingen Notrufe ins Leere, die den tödlichen Zusammenstoß der Züge vielleicht noch hätten verhindern können. Jedes der mehr als tausend Funklöcher an deutschen Bahnstrecken könnte eine ähnliche Katastrophe mit verursachen. Muss es erst so weit kommen? Die Lücken im Notrufsystem sind kein Naturereignis und kein unvermeidbarer technischer Mangel, sondern nachweislich durch krasses Versagen und fatale Nachlässigkeiten der Politik, der Aufseher und Regulierer entstanden.

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4 Kommentare Kommentar schreiben

Auch hier: abgewrackter Staat : - vor allem durch die neoliberal gewordenen Altparteien. Fachbehörden wurden demontiert, fachliche Belange und Sicherheit sind zweitrangig.

schon seltsam: als in diversen artikeln über aibling und die funklöcher hier in der stz berichtet wurde, wurden dutzende kommentare gegen die böse bahn gepostet. jetzt wo hier steht, dass die bahn sich schon vor fünf jahren beschwert hat, weil man ihr die funklöcher aufdrückt, kommt so gut wie nichts. man kann eben nicht so richtig bahn-bashing betreiben.

Nebenkriegsschauplatz...: Natürlich ist es im Jahr 2016 ein schlechter Witz, wenn Lokführer und Zugpersonal nicht durchgehend erreichbar sind bzw. einen Notruf absetzen können. Dennoch ist das für die Sicherheit des Fahrbetriebs reichlich unerheblich. Im konkreten Fall war die Ursache für den Unfall ja doch wohl der Fehler des Fahrdienstleiters. Es wird zu klären sein, ob er einen bedauerlichen folgenschweren Aussetzer hatte oder ob das Ignorieren von Sperrsignalen und Überfahren von Sicherheitsbremsen auf der Strecke tägliche Praxis war, um den Fahrplan halbwegs aufrechtzuhalten. Im letzten Fall wären wohl DB Netz und eventuell auch der Bahnbetreiber BOB zumindest mitschuld. Nach allem, was man weiß, wäre der Unfall kaum zu verhindern gewesen - auch, wenn die Lokführer den Notruf rechtzeitig gehört hätten. Zudem soll das Netz an der Unglücksstelle nicht das Problem gewesen sein... http://heise.de/-3129380 ==== @Gerard Schumann: Die Telegrafenmasten sind an den Bahnstrecken aus denselben Gründen verschwunden wie im Rest der Republik: Man benutzt nicht mehr einzelne Strippen, sondern mehradrige Kabel, die viele Gespräche gleichzeitig übermitteln können, oder gleich Glasfaser, und verlegt die Strippen unter der Erde. Die Leitungen dienten zudem immer nur der Kommunikation der Bahnhöfe untereinander; Zugpersonal mußte früher die meist an Signalen aufgestellten Streckenfernsprecher nutzen. Ich weiß nicht, wie die DB z.Z. ihren Telefonverkehr abwickelt, würde aber vermuten, daß das normale Telefonnetz ausgebaut und zuverlässig genug ist. Mit Zugfunk hatten die Telegrafenmasten nie etwas zu tun...

Die Deutsche Bundesbahn: hatte mal ein eigenes Telekommunikationsnetz. Die Telegrafenmasten an den Bahnstrecken wurden gefällt und das Netz an Mannesmann verkauft. Die wiederum wurden von einem Mobilfunk-Konzern geschluckt. Jetzt haben wir den Mist!

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